Zürich-West sieht grün

Zürich-West sieht grün

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Teaserbild-Quelle: zvg
Die Schrebergärten müssen weichen. Doch blühen soll es auch in Zukunft zwischen Gleisbogen und Limmatufer. Geplant ist ein sogenannter Senkgarten, in dem die Anwohner sich erholen, spielen oder sogar Gemüse anpflanzen können.
 
 
Wie eine offene Wunde klafft die Riesenbaustelle am westlichen Stadtrand. Die Autos schlängeln sich auf provisorischen Routen zwischen Rohbauten, Industriebrachen und Kränen hindurch. Mit dem «Prime Tower» ist zwar eine weitere Etappe in der Entwicklung des neuen Stadtteils geschafft. Doch es braucht noch immer viel Fantasie, um sich die Riesenbaustelle als attraktiven Wohn- und Lebensort vorzustellen. Allein das private Projekt «City West» auf dem Coop-Areal sieht drei grosse Wohnbauten und ein Hochhaus am Gleis vor. Bereits gebaut ist der «Mobimo Tower» von Diener & Diener Architekten mit einem Hoteltrakt in den unteren Geschossen und Luxuswohnungen auf den oberen Etagen. Im September wurde zudem die Passerelle Gleisbogen über die Pfingstweid-strasse eröffnet. Sie ist eine wichtige Verbindung für Fussgänger und Velofahrer zwischen der zukünftigen Tramstation und des geplanten Parkareals Pfingstweid zwischen Gleisbogen und dem Flussufer der Limmat. Noch im Bau befinden sich Gleise und Haltestellen für die Tramlinie Zürich-West.
 
Stadträtin Ruth Genner schätzt, dass im Jahr 2015 voraussichtlich 7000 Menschen in Zürich-West wohnen und weitere 31 000O Berufstätige dort arbeiten werden. «Die Verdichtung der Stadt muss einhergehen mit der Schaffung von Freiräumen», betont die Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartementes.

Aus für Schrebergärten

Einer dieser Freiräume bilden seit dem Ersten Weltkrieg die Familiengärten zwischen Coop-Areal und EWZ an der Pfingstweidstrasse. Der Pachtvertrag mit der Stadt läuft 2012 aus und die Hobbygärtner müssen ihre Parzellen räumen. Die Stadt bietet ihnen auf Wunsch jedoch eine Parzelle auf einem anderen Familiengartenareal an. Wo heute noch Lauben stehen und Beete blühen, soll schon bald eine neue Parklandschaft samt Schulhaus gebaut werden.

Die Stadt Zürich hat einen Projektwettbewerb für den Park sowie einen Ideenwettbewerb für das Schulhaus ausgeschrieben. Und zwar in einem offenen Verfahren, was bei so grossen Projekten eher unüblich ist. Dabei gehen mehr Vorschläge ein, die geprüft werden müssen als bei einem Vorgehen mit eingeladenen Büros. In diesem Fall reichten 53 Teams aus der Schweiz, Deutschland und Italien, darunter international bekannte Studios, ihre Vorschläge ein. Eine grosse Bandbreite von Ansätzen kam zusammen, was wiederum ein Vorteil der offenen Ausschreibung ist. Zudem bekamen dadurch auch noch weniger bekannte Büros eine Chance. Tatsächlich stammt nicht nur das Siegerprojekt, sondern auch der zweit- und drittplatzierte Vorschlag von Büros, die noch nicht in aller Munde sind.

«Sunken Garden»

Während die grosssflächigen Industrieanlagen rund um die Pfingstweidstrasse auf einem künstlich aufgeschütteten Terrain erstellt wurden, befindet sich das Schrebergartenareal auf dem tieferen Niveau der ursprünglichen Pfingstweid. Diese topografische Eigenart wurde im Siegerprojekt «WeidWest» zum Kernthema gemacht. «Der neue Park ist typologisch als ‹Sunken Garden› konzipiert, einem aus England stammenden historischen Parktyp, der mittels einer begrünten und meist durch eine Wasserfläche gestaltete Senke das Sinnbild des Paradiesgartens aufnimmt», erläutert Carola Antón. Die Architektin und Landschaftsarchitektin aus Sevilla hat zusammen mit der Landschaftsarchitektin Dominique Ghiggi 2009 das Zürcher Büro Antón Ghiggi gegründet. «Es gibt nicht viele offenen Wettbewerbe, bei denen auch unbekannte Teilnehmer eine Chance haben», sagt Antón und nennt einen möglichen Grund für die Erstplatzierung ihres Vorschlags «WeidWest»: Dieser wurde in enger Zusammenarbeit mit Baumann Roserens Architekten Zürich konzipiert und ausgearbeitet. «Normalerweise ist es so, dass Architekten bei ihren Projekten noch Landschaftsarchitekten beiziehen. In diesem Fall war es umgekehrt», so die Landschaftsarchitektin. Es ist offensichtlich ein Erfolgsteam. Dieses Jahr gewann ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Büros auch den Wettbewerb für die Wohnüberbauung Spätler in Küssnacht.

«Oase oder lauschiger Garten»

Die soziale Nachhaltigkeit war ein wichtiger Aspekt in der Wettbewerbsaufgabe. Dort wurde festgehalten, dass sich sowohl Kinder als auch deren Betreuungspersonen, Jugendliche und Erwachsene wie auch Senioren in der Anlage wohlfühlen sollen. Der Stadt war es wichtig, auch die Anliegen der Anwohner mit einzubeziehen. Der übergeordnete Wunsch der Quartiersvertreter lautete: «Der Park soll wie eine Oase oder ein lauschiger Garten sein.» Im Siegerprojekt wird die Mitte der Pfingstweid als grosse Allmend mit einem lichten Hain konzipiert. Der Parkbereich ist in Zonen mit spontaner Vegetation (Parkbogen, Wildnishecke) sowie gepflanzte Vegetation (Wiesenfläche mit Parkbäumen, Gemüse und Blumenbeete) aufgeteilt. Dabei haben Quartierbewohner und Schulkinder die Möglichkeit, junge Bäume im Park zu pflanzen, Gemüse zu ziehen oder im eingezäunten Bereich zur Strasse, der sogenannten Wildnishecke, anzusäen. Entlang des terrassierten Bereichs des Parkbogens können Baumhütten oder Schaukeln zwischen den Bäumen angebracht werden. Inputs zu sozial relevanten Aspekten holte sich Antón & Ghiggi bei der Ethnologin und Filmerin Flavia Caviezel, die sich stark mit dem Thema Aussenraum beschäftigt.

Eine wichtige Rolle im Senkgarten, dem Hauptthema des Siegerprojektes, spielt das Parkcafé. Das kleine Gebäude verbindet die höher gelegene Stadtebene – gemäss Jury auf elegante Weise – mit der tiefer liegenden Parkebene und bildet zugleich ein Tor zum Park. Daran schliesst sich eine wellenartige Geländemodellierung aus verschiedensten mineralischen Baustoffen wie Stampflehmmauern, Lehm, Kies und Sand an. Zur Pfingstweidstrasse hin wird das Areal durch das geplante Schulgebäude abgeschlossen. Über Mauern und das Parkcafé ist es mit dem Park verknüpft und bildet eine räumliche Klammer zur freien Vegetation im versenkten Parkbereich. Durch seine Lage dienen die Baukörper von Schulhaus und Turnhalle wie ein Riegel und schützen den Park vor dem Lärm und Feinstaub der stark befahrenen Pfingstweidstrasse.

Einst eine Viehweide

Der Vorschlag für die Schulanlage weist gemäss dem Preisgericht noch einige Mängel auf, zum Beispiel die Zugänge oder die Lage der Aussenräume. Ob und wann das Primarschulhaus gebaut wird, ist zurzeit noch nicht klar. Mit dem 12 000 Quadratmeter grossen Park hingegen soll es zügig vorangehen. Die Eröffnung findet voraussichtlich 2013 statt. Vielleicht kehrt dann ein bisschen vom Geist der ursprünglichen Pfingstweid zurück. Bis zur Industrialisierung im 18. Jahrhundert wurde jeweils an Pfingsten das Vieh auf diese Weide gelassen. Daher stammt der Name Pfingstweid. Kühe und Schafe werden kaum kommen in drei Jahren, aber dafür Jogger, Erholungssuchende, Hobbyfussballer und Senioren, die sich zum Kaffeekränzchen treffen. In einer blühenden Oase, welche die umliegende Bauwüste vergessen macht. (ka)