Wohnschlange am Stadtrand

Wohnschlange am Stadtrand

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Teaserbild-Quelle: zvg
Wohnungen in der Stadt Zürich sind rar. Und wenn gebaut wird, dann meist für gut betuchte Leute. Genossenschaften dagegen schaffen günstigen Wohnraum. Zum Beispiel mit dem Bau «Stranger than Paradise».
 
In der Wohnung herrscht ein Kommen und Gehen, doch die Schlange der Mietinteressenten im Treppenhaus wird nicht kürzer. Kein Wunder: Schliesslich ist es in der Stadt Zürich alles andere als einfach, eine günstige Bleibe zu finden. Zwar meldeten die Behörden noch im Juni diesen Jahres einen leicht erhöhten Leerbestand (von 0,05 auf 0,07), doch dieser betraf nur die Wohnungen im Hochpreissegment. Wer also nicht über genügend finanzielle Mittel verfügt, aber dennoch in der Limmatstadt wohnen will, hat Pech gehabt. «Vor allem, weil durch Neubau- und Sanierungsprojekte viele preiswerte Möglichkeiten bereits verschwunden sind», moniert Niklaus Scherr, Vorstandsmitglied des Mieterverbands Stadt Zürich.
 

Keine hohen Mieten

Ein Lichtblick in dieser schwierigen Situation stellen die Baugenossenschaften dar. Mit ihrem Konzept des gemeinnützigen Wohnungsbaus ermöglichen sie vielen Menschen, zum Beispiel Studenten und jungen Familien, zu günstigen Konditionen in der Stadt zu leben. So auch die Baugenossenschaft Sonnengarten. Sie besitzt eine Überbauung in Zürich-Albisrieden, dessen älteste Häuser namens «Etappe Triemli» für rund 88 Millionen Franken durch Neubauten ersetzt werden. Explizit hält die Organisation fest, dass auch hier günstige Wohnungen entstehen sollen. Möglich macht das die sogenannte Kostenmietregelung. Präsident Urs Erni erklärt: «Den Baugenossenschaften ist es wegen ihres sozialen Auftrags nicht erlaubt, Gewinne zu erzielen.» Die Mietzinsen dürften demnach nur die laufenden Kosten der Immobilie decken, und dafür verwendet werden, um die entsprechenden Rücklagen zu tätigen. Deshalb würden die Preise von Genossenschaftswohnungen günstiger ausfallen als bei anderen Neubauten. Abstriche am Baustandard sind trotz der Niedrigzinsen keine zu befürchten. Im Gegenteil: Die neuen Gebäude weisen eine hohe Qualität auf. Zum Beispiel, weil sie im Minergie-Standard erstellt werden und der Lärmschutz entschärft wird. Ausserdem erhalten die Neu- und die umliegenden Altbauten eine Tiefgarage, womit die aktuell schwierige Parkplatzsituation der Umgebung entschärft wird.
 

Spagat gemeistert

Den im Jahr 2006 ausgeschriebenen Wettbewerb hat das Zürcher Büro von Ballmoos Krucker Architekten gewonnen. Ihr Entwurf «Stranger than Paradise» zeichnet sich vor allem durch die optimale städtebauliche Integration aus. «Uns lag viel daran, dass das Projekt auf die umliegenden Bauten aus der Nachkriegszeit Bezug nimmt. Gleichzeitig wünschten wir uns aber auch, dass die Neubauten eigenständig sind, und eine Einheit bilden», sagt Erni. Gemeistert haben die Architekten diese schwierige Aufgabe, indem sie zwei mehrfach geknickte und verformte Blockrandbauten entwarfen, die mit ihren unterschiedlichen Höhen und Tiefen auf die städtebauliche Situation reagieren. Die ungewöhnliche Form verleiht ihnen aber auch eine Eigenständigkeit, weshalb sie als einheitlicher Gebäudekomplex wahrgenommen werden.
 
Herzstück des Entwurfs sind jedoch nicht die beiden Blockrandgebäude, sondern der grosszügig angelegte Hofraum. Entstanden ist dieser durch die Anordnung der beiden Neubauten, die praktisch an die Grenzen der Parzellen gestellt wurden. Das Areal, auf dem gebaut wird, grenzt an die Triemlistrasse und an die Birmensdorferstrasse, was zu entsprechender Lärmbelastung führt. Dank der ausgeklügelten Gebäudeanordnung wird diese abgeschirmt. «Dadurch erhält der Hofraum einen sehr hohen Gebrauchswert. Er soll nicht nur als Begegnungszone und Stadtpark fungieren, sondern auch ein Durchgang zwischen Stadt und Quartier sein», meint Erni dazu. In den Blockrandgebäuden werden 196 Eineinhalbzimmer- bis Fünfeinhalbzimmerwohnungen gebaut, deren Fläche 42 bis 135 Quadratmeter gross sind. Die Höhe der Räume wird jeweils 2,5 Meter betragen. Ausserdem verfügt jedes Apartment über zweiseitig orientierte Wohn-Esszimmer. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass die Wohnungen sowohl Bezug zum Üetliberg (Norden) als auch zur Stadt (Süden) haben.
 
Bevor das Projekt jedoch realisiert werden konnte, musste es überarbeitet werden. Wie Erni erklärt, gab es verschiedene Punkte zu beanstanden: «Im Eingangsgeschoss beispielsweise waren die Vernetzungen zwischen Innen- und Aussenraum ungenügend ausgearbeitet worden. Hinzu kam, dass die Beziehungen zwischen den Hauszugängen, Treppenhäusern, Kinderwagen- und Veloabstellplätzen sowie den Waschküchen nicht zufrieden stellend waren.» Die Jury bemängelte ausserdem, dass die Pflegewohnung zu weit weg vom Zentrum des Geschehens und deshalb an einem belebteren Ort zu platzieren ist. Und bei den Viereinhalbzimmerwohnungen seien die einzelnen Räume mit 13 Quadratmetern Grösse zu klein geraten. Das grösste Problem jedoch betraf den Minergie-Standard: «Zu Anfang war gar nicht geplant, dass die Gebäude nach dieser Richtlinie erstellt werden», so Erni. Da der Genossenschaft das ökologische Bauen jedoch am Herzen liegt, habe man den Entwurf anpassen müssen.
 
2009 war das Projekt schliesslich baureif. Heute sind die Arbeiten im vollen Gange und bereits in der Rohbauphase. Geplant ist, dass das Objekt Mitte 2011 bezogen werden kann. Das Interesse für die Wohnungen ist jedoch bereits jetzt schon gross. Wer sie bekommt, entscheidet die Baugenossenschaft nach einem bestimmten Auswahlverfahren (siehe «Nachgefragt»). Dass viele Bewerber enttäuscht werden müssen, ist vorprogrammiert; wenigsten aber bleibt ihnen wegen der Vorselektion das mühsame Schlangestehen erspart. Florencia Figueroa