Wo sich Frosch und Biber gute Nacht sagen

Wo sich Frosch und Biber gute Nacht sagen

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Teaserbild-Quelle: Pixelio
Die Erneuerung des maroden Hagneckkanals dient nicht nur dem Hochwasserschutz. Laubfrösche, Schmetterlinge, seltene Vögel und Biber sollen im Zuge der Sanierung an den Ufern des Kanals neue Lebensräume erhalten.
 
 
Wem heute beim Hagneckkanal ein Dunkler Moorbläuling über den Weg flattert, hat Glück: Den Schmetterling gibt es in dieser Gegend kaum mehr. Ähnliches gilt für die Nachtigall, die einst in der Nähe des Gewässers ihr Nest baute. Noch rarer ist der Laubfrosch geworden. Längst hat sich der grasgrüne Kerl in die weitere Umgebung des Kanals verzogen.
Der Hageneckkanal verfügt mit seinen eintönigen Ufern kaum mehr über die Auengebiete, die Laubfrösche zum Überleben braucht. Ein paar Kilometer weiter westlich liegt hingegen ein Laubfroschparadies: Das Auengebiet zwischen Büren an der Aare und Aarberg gilt als längste zusammenhängende Landschaft dieser Art in der Schweiz. Paradoxerweise verdankt dieser bis zu einem Kilometer breite Landstreifen seine Entstehung der ersten Juragewässerkorrektion von 1868 bis 1878. Damals leitete man die Aare mit dem Hagneckkanal in den Bielersee um. Ziel des Projektes war, mit dem gezähmten Fluss das Berner Seeland vor den immer wiederkehrenden, grossflächigen Überschwemmungen zu schützen. Daneben wurde mit dem Projekt Land gewonnen. Das Gebiet wurde damit zum Gemüsegarten der Schweiz. Weil das Wasserbaugesetz dem Hochwasserschutz denselben Stellenwert einräumt, soll sich die Lage für Fauna und Flora um den Hagneckkanal nun verbessern.
 
Der Gewässerumraum der Aare weise im Hagneckkanal grosse ökologische Defizite auf, moniert das Amt für Wasser und Abfall (Awa) des Kantons Bern in seiner Dokumentation zur Sanierung des Kanals. Die Ufer seien monoton, es fehlten naturnahe Auenlebensräume und ausreichende Vernetzungen mit bestehenden Lebensräumen in der Umgebung. Als Folge dieser Situation nahm die Artenvielfalt im Laufe der Zeit kontinuierlich ab. Viele seltene Arten kommen dort laut Awa nur noch in isolierten Populationen vor.

Tümpel zum Laichen

Im Zuge der Sanierung werden verschiedene Massnahmen zur Verbesserung der Lebenswelt für Tiere und Pflanzen ergriffen. Einen Schwerpunkt bildet das Epsemoos: Hier will man den Flussraum um 5,5 Hektaren vergrössern sowie Flachufer, einen ganzjährig Wasser führenden Seitenarm und Auenlebensräume schaffen. Aber auch Feucht- und Trockenstandorte sollen dafür sorgen, dass sich hier Biber, Eisvögel und Kleinspechte bald wieder zuhause fühlen können. Ausserhalb der Hochwasserdämme sind zahlreiche Amphibienlaichgewässer für Kammmolche, Laubfrösche und Gelbbauchunken vorgesehen.
Neben dem Epsemoos sind in der Uferzone der rechten Einschnittflanke Flachwasserbuchten geplant. Zudem sollen mit dem austretenden Hangwasser Kleintümpel und offene Gräben versorgt werden. Und an der Steilwand soll künftig Pioniervegetation gedeihen; dabei handelt es sich um Pflanzen, die vor allem in unbesiedeltem Gebiet gedeihen und demzufolge häufig vom Aussterben bedroht sind. Gleichzeitig sollen in Zukunft hier wieder seltene Vögel ihre Nester bauen können.
 
Des Weiteren will man mit einem offenen Dämmfussentwässerungsgraben entlang des Kanals die einzelnen Lebensräume besser miteinander vernetzen. Dies unterstützt den Lebensraum für Fauna und Flora am Kanal und trägt dazu bei, dass sich die Population besser durchmischt. Zusätzliche Flachwasserzonen und Feuchtgebiete sollen an den Ufern und Vorländern entstehen. Diese neuen Böschungen werden als artenreiche Wiesen gestaltet und mit Gehölzgruppen und Steinlinsen vervollständigt. Zudem soll die Sanierung in diesen Gebieten auch Wildtieren zugutekommen: Es sind auch Massnahmen geplant, die ihnen das Überqueren des Kanals erleichtern. Diesen Dezember geht es los: Die Bauarbeiten zum Projekt starten. Läuft alles nach Plan, ist das Projekt in fünf Jahren beendet. Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich auf 43 Millionen Franken.

Kontroverses Thema «Ökologie»

Dringend ist die Sanierung des Hagneckkanals nicht aus ökologischen Gründen, sondern weil man nicht weiss, ob die Dämme des 130-jährigen Kanals einem weiteren Hochwasser trotzen können. Während der starken Hochwasser von 2005 konnte er dem Druck der Wassermassen nur noch knapp standhalten; etwas weiter westlich wurde damals die Dammkrone überströmt. Im Jahr 2007 drohten wieder Unwetter: In der Folge musste der Kanal notfallmässig mit Aufschüttungen stabilisiert werden. Die Gefahr eines Dammbruchs droht laut Informationen des Wasserwirtschaftsamts des Kantons Bern vor allem im Gebiet des Epsemoos. Die umfassende Sanierung des Kanals habe im bernischen Hochwasserschutz hohe Priorität, erklärte Baudirektorin Barbara Egger-Jenzer anlässlich einer Medienkonferenz zur geplanten Sanierung.
 
Die dramatische Situation des altersschwachen Kanals mag der Grund sein, weswegen das Sanierungsprojekt auf breite Zustimmung stiess. Kritische Stimmen gab es dennoch. Vor allem was die ökologische Seite des Projektes betrifft. Während die Umweltverbände nach zusätzlichen ökologischen Massnahmen verlangten, forderten Landwirte weniger Massnahmen. Der Grund: Mit der ökologischen Aufwertung geht ein Kulturlandverlust einher. Bauern mussten Land abtreten. Insgesamt ging es dabei laut «Berner Zeitung» um 20 Hektaren. Wenn den Produzenten immer mehr Land weggenommen werde, habe dis auch Folgen für vor- und nachgelagerte Betriebe wie etwa seeländische Gemüsehändler, äusserte sich damals die Landwirtin und Präsidentin der Landwirtschaftlichen Organisation Seeland, Béatrice Struchen, zum geplanten Sanierungsprojekt. «Das Spannungsfeld zwischen Ökologie und Nutzen ist bei jedem Wasserbauprojekt ein Thema», relativierte Egger-Jenzer solche Diskussionen. Sie sei überzeugt, dass im Fall des Hagneckkanals ein guter Kompromiss zustande gekommen sei. Dank dieser Sanierung müssten sich auch die Bauern nicht mehr vor Überschwemmungen fürchten. (Silva Maier)
 
 

Hintergrund

Ausgangslage
Im Hagneckkanal und im Einschnitt müssen pro Sekunde 1500 Kubikmeter Wasser gefahrlos abfliessen können. Zudem dürfen die Dämme bei Hochwasser nicht brechen. Damit bei Hochwasser schnell reagiert werden kann, braucht es beidseitig des Dammfusses mit Lastwagen befahrbare Wege.
 
Baubeginn und Dauer
Der Baubeginn ist auf den 6. Dezember dieses Jahres geplant. Es wird mit deiner Bauzeit von insgesamt fünf Jahren gerechnet. Denn aus zeitlichen Gründen können die Baumassnahmen nicht gleichzeitig stattfinden: Wegen der Geo- und Bautechnik müssen die Dammverstärkungen in Schichten von rund 50 Zentimetern aufgebracht und verdichtet werden. In gewissen Abschnitten darf nicht zu schnell zu viel zusätzliches Gewicht aufgebracht werden, weil der Untergrund sonst instabil wird. Zudem können die Erdarbeiten nur bei trockenem Wetter mit trockenem Material ausgeführt werden.
 
Kosten
Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich auf 43 Millionen Franken. Daran beteiligt sich der Bund mit einem Beitrag von 35 bis 45 Prozent.Den Rest bezahlt der Kanton Bern.
 
Massnahmen
Damm und Einschnitt am Hagneckkanal: Im Projektperimeter des Hagneckkanals werden zwei Abschnitte unterschieden: der gut drei Kilometer lange Abschnitt mit Dämmen von oberhalb Walperswilbrücke bis zur Brücke Hagneck und der rund 500 Meter lange Einschnitt zwischen Hagneck und dem Wehr des Kraftwerks.
 
 
 

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