Wegweisende Wohnwabe

Wegweisende Wohnwabe

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Teaserbild-Quelle: Andreas Architekten AG
Für Menschen mit einer Chemikalienüberempfindlichkeit sind Durchschnittswohnungen Giftquellen statt Oasen. Nun entsteht ein Mehrfamilienhaus, das auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten und baubiologisch mustergültig ist. Das Projekt stammt von Andreas Zimmermann Architekten.
 
 
Haarspray, Abgase oder Reinigungsmittel setzen ihm zu. Aber auch Ausdünstungen von Baumaterialien wie Farben oder Bodenbeläge. Deshalb trägt er meistens eine Maske. Christian Schifferle leidet seit 50 Jahren an multipler chemischer Sensitivität (MCS). «Die Krankheit ist chronisch und man kann sie mit einer andauernden Grippe vergleichen», beschreibt er die Symptome. Da gesundes Bauen teuer ist, leben die Umwelterkrankten in mit diversen Giften belasteten Wohnungen. «Ich selbst schlafe zur Zeit meistens im Auto im Wald draussen», sagt Schifferle. Als Leiter der Selbsthilfeorganisation MCS-Liga Schweiz kennt er viele der schätzungsweise 5000 Betroffenen, die aufgrund ihrer Krankheit grösstenteils arbeitsunfähig sind. Er hat sich entschieden zu handeln und gründete vor zwei Jahren die Wohnbaugenossenschaft Gesundes Wohnen MCS, die heute 50 Mitglieder zählt. Ziel ist es, bezahlbaren gesunden Wohnraum zu schaffen.

Schifferle ist mit seinem Anliegen bei der Stadt Zürich vorstellig geworden und auf offene Ohren gestossen. Zunächst galt es, ein geeignetes Grundstück zu finden. Die Suche führte nach Leimbach an den Rebenweg zu einer 1200 Quadratmeter grossen Parzelle am Rand der Bauzone. Hier herrscht eine für Stadtzürcher Verhältnisse gute Luftqualität. Auch die Belastungen durch Elektrosmog sowie Lärm- und Geruchsemissionen sind gering. Das Legislaturziel «Wohnraum für alle» heisse für die Stadt auch, eine Bevölkerungsgruppe zu unterstützen, die es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwierig habe, beteuert Stadtrat Martin Vollenwyder. Die Stadt trat der Genossenschaft ein kleines Grundstück im Baurecht ab und evaluierte mittels eines Studienauftrags ein geeignetes Projekt. Davon erhofft man sich neue baubiologische Erkenntnisse für schadstoffarmes Bauen.

Die Stadt hat die 150 000 Franken für die Durchführung des Studienauftrages unter fünf Architektenteams vorfinanziert. Zielvorgabe war die Planung eines MCS-gerechte Mehrfamilienhauses mit einer optimalen Anzahl Kleinwohnungen. Das Projekt sollte möglichst kostengünstig gehalten werden, baubiologisch wegweisend sein und zugeschnitten auf die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Chemikalienüberempfindlichkeit. Zum anspruchsvollen Anforderungskatalog kam schliesslich noch das schwierige Gelände, eine dreieckige Parzelle an Hanglage, hinzu.

Von den fünf Vorschlägen in der engeren Wahl überzeugte jener von Andreas Zimmermann Architekten am deutlichsten. Er sei ein «gereiftes einheitliches Gesamtprojekt», kam die Jury zum Schluss. Der Gewinner verhehlt nicht, dass der Aufwand für das Projekt sehr hoch gewesen ist. Denn einerseits war die Mitarbeit von zahlreichen Fachspezialisten, zum Beispiel aus den Bereichen Bauphysik, Elektrobiologie oder Umweltchemie, unerlässlich. Andererseits stellten die Bedürfnisse der MCS-Betroffenen hohe Anforderungen an Materialisierung und Konstruktion. Obwohl ein Naturprodukt, kam etwa Holz nicht in Frage als Werkstoff wegen seiner Ausdämpfungen. Auch Stahl ist ungeeignet, da Eisen Kriechströme und Magnetfeldverzerrungen verursachen, die gesundheitliche Probleme bei MCS-Betroffenen auslösen können. Den Planern war rasch klar, dass primär mineralische Bauteile zum Einsatz kommen sollten. Für die Armierung der Decken und Wände ist eine Glasfaserstab-Armierung vorgesehen. Eine derartige Konstruktion sei bisher noch nie für die Statik eines ganzen Wohnhauses eingesetzt worden, gibt der Architekt zu bedenken. Das weder Wärme noch Strom leitende Spezialbauteil wird zum Beispiel in Bodenplatten bei Aluminiumverhüttungsanlagen eingesetzt, weil Stahl durch die hohen Induktionsströme schmelzen würde. Die Aussenwandkonstruktion des Wohnhauses besteht aus wärmedämmenden Backsteinen. Im Innern sorgen Lehm- und Kalkputz für ein gut verträgliches Raumklima. Die traditionellen, natürlichen Materialien werden in aufwändiger Handarbeit aufgetragen.

Die Grundrisse der Kleinwohnungen sind perfekt auf die Bedürfnisse von MCS-Betroffenen zugeschnitten. «Die Einheiten sind mit speziellen, separat belüfteten Schleusen ausgerüstet, damit sich die Bewohner beim Betreten von Wohnung und Waschraum von chemischen Substanzen reinigen können», führt Zimmermann aus. Das Prinzip «immer reiner» wird vom Kern bis zum Schlafzimmer konsequent weitergeführt: Dort lassen sich verbliebene Luftverunreinigungen in einem entlüfteten Schrankraum ablegen. «Diese Zone wird so zum Erholungsraum vor Umweltchemikalien», argumentiert der Architekt.

Die Geschosse des Hauses sind gegeneinander versetzt. So fügt sich das Gebäude subtil in den Hang ein. Pro Ebene sind vier Wohnungen in einem sogenannten Vierspänner geplant. 15 Einheiten, die zumindest einigen MCS-Betroffenen bald ein Wohnumfeld bieten, in dem sie sich entspannen und erholen können. (ka)