Verwebtes Mobile am Elfenplatz

Verwebtes Mobile am Elfenplatz

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Teaserbild-Quelle: zvg
Die Baugenossenschaft St. Jakob schöpft den Arealbonus der Stadt Zürich aus und lässt die Wohnsiedlung Muggenbühl in Wollishofen durch Neubauten ersetzen. Dadurch entsteht fast doppelt soviel Wohnfläche. Das Büro Schibliholenstein Architekten gewann mit dem Projekt «mobilé» den Wettbewerb.
 
 
Fünf ältere, lang gezogene Mehrfamilienhäuser mit Giebeldächern stehen auf dem Gelände zwischen der Thujastrasse und der Redingstrasse am Rand von Zürich-Wollishofen. Gartenzwerge und Topfpflanzen säumen die Balkone, auf dem spartanischen Spielplatz zwischen den Häusern spielt der Wind mit einer Schaukel. Im Mai wird die Generalversammlung der Baugenossenschaft St. Jakob darüber entscheiden, ob hier ein Ersatzneubau mit doppelt soviel Wohnfläche als bisher entstehen soll.
 
Aus den Küchenfenstern ziehen Essensgeruchschwaden, noch liegt der allfällige Baubeginn zwei Jahre in der Zukunft, aber eine Anwohnerin macht sich bereits jetzt Gedanken über die anstehenden Veränderungen: «Mir gefällt es extrem hier. Das Quartier ist ruhig und ich werde bestimmt versuchen, nachdem die neuen Wohnungen erstellt sind, wieder zurückzukommen. Obwohl die Mieten ansteigen werden.»
 
Daniela Brändle, Projektleiterin bei Kummer Baumanagement, gibt zu, dass sich die Mieten etwas erhöhen. «Aber sie bleiben erschwinglich. Dafür sind wir besorgt.» Die Firma Kummer Baumanagement hat ein Mandat für die Bauherrenvertretung und prüfte im Vorfeld verschiedene Möglichkeiten, wie mit der Siedlung am besten zu verfahren sei. Um energietechnisch auf den heutigen Stand zu kommen, hätten die Häuser aus dem Jahre 1932 total saniert werden müssen. «Wir erarbeiteten drei Szenarien, die wir der Baugenossenschaft vorlegten», sagt Brändle. «Würde man die Wohnungen sanieren, hätte man hohe Investitionskosten, und eine langfristige Werterhaltung wäre dennoch nicht gewährleistet.» Szenario eins – wohl selbstredend – war also kaum mehrheitsfähig. Das Areal der Siedlung Muggenbühl mit einer Fläche von 8300 Quadratmetern kommt wegen seiner Grösse in die Gunst eines Arealbonus der Stadt Zürich. Nimmt die Baugenossenschaft diesen wahr, darf sie die Ausnützungsziffer der Siedlung um zehn Prozent erhöhen. «Würde man wie in Szenario zwei vorgesehen, die bestehenden Gebäude aufstocken und sanieren, ohne den Arealbonus zu beanspruchen, würde bei etwa gleich hohen Investitionskosten wie bei einem Neubau, der Wohnkomfort nicht merklich verbessert werden. Auch gäbe es keine Tiefgarage und die Nachhaltigkeit der Häuser wäre ebenfalls nicht optimal», sagt Brändle.
 
Das Szenario drei, das von der Generalversammlung angenommen wurde, sieht vor, die gesamte Siedlung zurückzubauen und vier fünfgeschossige Mehrfamilienhäuser im Minergie-P-Eco-Standard zu bauen. Es sollen 82 2,5 bis 4,5-Zimmerwohnungen, verschiedene Bastel- und Gemeinschaftsräume und eine Tiefgarage mit 66 Parkplätzen entstehen. «Da wir in zwei Etappen bauen werden, kann ein Teil der jetzigen Mieter allenfalls schon in fertige Wohnungen ziehen, wenn die alten Gebäude abgerissen werden. Auch in anderen Siedlungen der Baugenossenschaft bestehen Ausweichmöglichkeiten», so Brändle.
 

Mit Zwiebelschalenprinzip

Das Projekt des Büros Schibliholenstein Architekten sia fsai hat den Wettbewerb für den Ersatzneubau des Muggenbühl gewonnen. Die Architekten entwarfen vier fünfeckige Gebäude. Diese sind nach einem Zwiebelschalenprinzip aufgebaut. Ein massiver innerer Kern beinhaltet Treppenhäuser und Schächte für die Haustechnik und übernimmt aussteifende Funktionen. Flachdecken in Stahlbeton aus recycliertem Material ruhen fassadenseitig auf Stützen. Wohnungs- und Zimmertrennwände sind in Leichtbauweise vorgesehen. An der Fassade bildet eine selbsttragende, gedämmte Holzkonstruktion aus vorfabrizierten Elementen den Raumabschluss. Dieses Konstruktionsprinzip wird sich verkürzend auf die Bauzeit auswirken.
 
In den Wohnungen verzichten die Architekten auf Korridore. Der Eingangsbereich soll bereits beim Betreten der Wohnungen Durchblicke über Wohnen, Essen bis zu den Fensterfronten und somit ins Freie Richtung Uetliberg ermöglichen. Bei allen Wohnungen sind die Aufenthaltsräume mehrseitig offen, sodass sich während des Tagesverlaufs unterschiedliche Lichtstimmungen ergeben. Nebst einer Loggia befindet sich in jedem Wohnraum ein raumhohes Fenster. Die Loggien leisten mit ihren Windschutzverglasungen in der kalten Jahreszeit als Klimapuffer einen Beitrag zur Energieeffizienz.
 

Freiräume und Weitblicke

Die Gebäudetechnik ist dezentral angeordnet. Pro Gebäude werden je eine Lüftungsanlage und eine Wärmepumpe installiert. Eine thermische Solaranlage reduziert die von aussen zuzuführende Energie. Die Erzeugung der Wärmeenergie erfolgt primär über die Erdsonden-Wärmepumpen. Diese korrespondieren mit dem Wärmespeicher, der auch das Einlagern der solaren Gewinne aus Röhrenkollektoren ermöglicht.
 
Aus städtebaulicher Sicht werden durch die Anordnung der Bauten grosszügige Freiräume geschaffen, die sich mit dem Quartier verschränken und in alle Richtungen fliessen. Die Jury lobte, dass das Projekt eine neue Typologie ins Quartier brächte, welche sich gut mit der bestehenden verwebe. Durch die geknickte Form sind aus allen Wohnungen Weitblicke in verschiedene Richtungen möglich.
 
Neben der Siedlung steht ein Naturschutzgebiet, das mit seinen Obstbäumen wie ein verlängerter Arm ins Siedlungsgebiet ragt. Wiesenflächen umschliessen die markanten Bauten und in den Zwischenräumen entlang der Wege werden Bäume gepflanzt. Der Elfenplatz, der in der Nähe der Gemeinschaftsräume liegt, bietet mit seiner erhöhten Fläche Sitzgelegenheiten und kann als Bühne, Fest- und Spielplatz genutzt werden. Ein Heckenraum umschliesst den grossen Spielplatz im nordwestlichen Bereich der Siedlung.
 
Möglicherweise werden im Muggenbühl, ganz in der Nähe von Zürich bald doppelt so viele Menschen auf demselben Raum wohnen können. «Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Generalversammlung für das Projekt grünes Licht gibt», sagt Nicole Bosshardt, Verwalterin der Baugenossenschaft. Ist dies der Fall, werden im Frühjahr 2013 die Bagger auffahren und mit dem 40-Millionenprojekt beginnen. Im Sommer 2016 sollten die letzten Wohnungen bezugsbereit sein.
 
Von Michael Hunziker
 

Nachgefragt bei Natalie Broadhead

Weshalb tauften Sie Ihr Projekt «mobilé»?
Weil die Gebäude so in das Areal gesetzt sind, als würden sie an unsichtbaren Fäden in der Luft schweben und sich beim nächsten kleinen Windstoss bewegen.
 
Wie kamen Sie auf die Idee des fünfeckigen Grundrisses?
Für eine effiziente Erschliessung ist ein dreispänniges Treppenhaus günstig. Der übliche Nachteil ist dabei, dass mindestens eine Wohnung nur einseitig ausgerichtet ist. Durch das Fünfeck sind alle Wohnungen mehrseitig ausgerichtet und erhalten optimales Tageslicht. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Gebäudemasse gebrochen werden kann und sich die Proportionen der einzelnen Fassaden an die der umgebenden und bestehenden Häuser angleichen.
 
Was war die schwierigste Aufgabe?
In der ersten Bearbeitungsstufe des zweistufigen Verfahrens hatten wir die Gebäude zwar in ihrer Form bereits definiert, mit 70 Wohnungen waren sie aber deutlich kleiner und lockerer gesetzt. Die Schwierigkeit lag in der Forderung der zweiten Bearbeitungsstufe, zehn Wohnungen mehr unterzubringen, ohne die Qualitäten der städtebaulichen Setzung und des Aussenraumes zu beeinträchtigen.
 
Was ist das Spezielle am «mobilé»?
Wer eine 4,5-Zimmer-Wohnung mietet, bekommt eigentlich 5 Zimmer! Der grosse zentrale Eingangsbereich bietet unterschiedlichste Nutzungsmöglichkeiten, vom Arbeitsraum bis zum Spielzimmer. Speziell sind auch die abgewinkelten Wohnräume, die viel Aus- und Weitblick bieten. (mh)