Statt Abriss neu entdeckt

Statt Abriss neu entdeckt

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Teaserbild-Quelle: zvg
Unmittelbar neben der Einfahrt zum Hauptbahnhof Zürich, im sogenannten Kohlendreieck, entsteht in den nächsten eineinhalb Jahren ein Baudienstzentrum für die SBB-Fachdienste. Auf dem Gelände stehen historisch wichtige Komponenten, die die Planung des Gebäudes nicht gerade erleichterten.
 
Auch wem der Name Hans Hilfiker nichts sagt, der kennt doch mindestens eines seiner Werke. Der Elektroingenieur und Gestalter arbeitete von 1932 bis 1958 für die SBB und entwickelte für sie die Schweizer Bahnhofsuhr. Mit ihren schlichten und klaren Formen ist die Uhr zum Design-Klassiker geworden. Berühmtestes Merkmal ist der rote Sekundenzeiger in Form einer Kondukteurskelle, der zu jeder vollen Minute einen kurzen Moment innehält, bevor er die Sekunden von Neuem abzählt. Dieser Mechanismus, genannt «Stop-to-Go», soll gewährleisten, dass die Bahnhofsuhr pünktlich ist. Der findige Ingenieur aus Zürich entwickelte für die SBB jedoch nicht nur die Uhr, sondern auch Bauten. Unter ihnen findet sich ein Dienstgebäudeensemble für den Fahrleitungsunterhalt, das auf dem Kohlendreieck-Gelände in der Nähe des Hauptbahnhofs Zürich steht. Seinen Namen trägt der Ort, weil hier einst die Kohle für die Dampfzüge gelagert wurde. Nun will die SBB dort ein neues Zentrum für die Bau- und Interventionsdienste errichten, das für den Unterhalt der Schienen und die Behebung von Störungen zuständig ist. «Die Mitarbeiter dieser Dienste arbeiten heute zum grossen Teil in Baracken entlang der Lagerstrasse», sagt Daniele Pallecchi, Mediensprecher der SBB. «Dort kommt jetzt aber ein Teil der Europaallee zu stehen. Deshalb mussten wir für die rund 230 Mitarbeiter einen neuen Platz finden. Das Kohlendreieck eignet sich hervorragend.» Der Standort sei ideal, weil er nahe am Hauptbahnhof liege, sodass bei einer Störung rasch reagiert werden könne.
 
Weil sich auf dem Gelände Hilfiker altes Dienstgebäudeensemble mit dem Prototypen der berühmten Bahnhofsuhr befindet und auf dem Areal ausserdem mehrere Szenen für Kurt Frühs Film «Hinter den sieben Gleisen» gedreht worden sind, ist es historisch besonders wertvoll. Die Hilfiker-Gebäude, die die SBB für ihren Neubau ursprünglich abreissen wollten, wurden von der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege sogar zum Schutzobjekt von regionaler Bedeutung erklärt. Das SBB-Projekt auf dem Kohlendreieck-Areal beinhaltet neben dem Neubau deshalb auch die Sanierung der historischen Gebäude. Die SBB wendet dafür 25 Millionen Franken auf. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen und sollen bis 2012 dauern.
 

Neubau stärkt historische Gebäude

Für die Planer des Neubaus, der Arbeitsgemeinschaft von Ballmoos Krucker Architekten, Zürich, und Conzett Bronzini Gartmann Ingenieure, Chur, stellte das denkmalgeschützte Gebäudeensemble eine besondere Herausforderung dar. «Einerseits ergaben sich dadurch eine unregelmässige Parzellenform sowie ein enger Projektperimeter. Anderseits mussten wir etwas kreieren, was das empfindliche Hilfiker-Gebäudeensemble in seiner Erscheinungsform nicht stört», erklärt Architekt Bruno Krucker. Eine weitere Schwierigkeit war das Gelände selber: Es liegt zwischen zwei Stadtteilen und Geleisen.
 
Geplant ist nun ein Bau, der zwar autonom ist, dafür aber sehr dicht am Hilfiker-Gebäudeensemble steht. Diese Nähe soll eine funktionale Anbindung ermöglichen, ohne dass eine bauliche Vermischung stattfindet. Im Neubau sind 200 Arbeitsplätze vorgesehen. Die restlichen 30 kommen im Hilfiker-Gebäudeensemble unter. Dort sollen neben den Arbeitsplätzen zudem Werkstätten, Lager und Garderoben eingerichtet werden. Um die Eigenheit der alten Gebäude zu erhalten und auch zu stärken, ist die Architektur des Neubaus abstrakt gehalten und die Materialisierung glatt. Der Zusammenhang zwischen den Gebäuden wird durch die kompakte Form des Neubaus geschaffen. Die Grundfläche, auf der das Projekt errichtet wird, weist gerade mal 300 Quadratmeter auf. Das siebengeschossige und knapp 25 Meter hohe Haus sticht durch eine enorme Auskragung ins Auge. Diese hat eine Fläche von knapp 600 Quadratmetern, also doppelt so gross wie die Grundfläche. Um die nötige Stabilität des Hauses zu erreichen, wird die Fundamentplatte mit Pfählen 25 Meter tief verankert. «Dank einer entschiedenen und reaktionsfähigen Gebäudeform erreichen wir ausserdem eine gute Anbindung an die beiden Stadtteile», sagt Krucker. Die Stadtbewohner und die Passagiere der vorbeifahrenden Züge sollen das neue Gebäude jedoch als eigenständigen Komplex zwischen den Geleisen wahrnehmen. Wie Krucker erklärt, wurde das Gebäude deshalb so positioniert, «dass es inselartig zwischen den Bahnsträngen und den beiden Stadtteilen liegt.» Florencia Figueroa