St. Gallen: Studenten verwenden uralte Lehmbautechnik

St. Gallen: Studenten verwenden uralte Lehmbautechnik

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: © Boltshauser/EPFL

Während zwei Wochen werden rund dreissig Studierende des Masterstudiengangs für Architektur der EPFL und anderer Schweizer Hochschulen auf einem Künstlerareal in St. Gallen ein grossformatiges Mock-Up aus Stampflehm bauen. Neben der Baustelle informiert zudem eine Ausstellung über die Geschichte der uralten Bautechnik.

Das Sommer-Schulprojekt kam nach zwei Semestern des Zürcher Architekten und Gastprofessoren Roger Boltshauser an der EPFL zustande. «Ich habe meine Studenten damit beauftragt, städtische Verdichtungsprojekte aus Lehm zu entwickeln, die auf das postindustrielle Areal im St. Galler Sittertal abgestimmt sind», erzählt Bolthauser. Denn der Professor sieht grosses Potenzial in hybriden Konstruktionsarten mit Lehm und anderen Materialien sowie in der Anwendung von energietechnisch optimiertem Design.

Bei der Pisébauweise – wie die Lehmbautechnik auch genannt wird – handelt es sich um eine alte Bautechnik, bei der Lehm zwischen Verschalungen gestampft wird. Das für das nächste Jahr geplante, 23 Meter lange, sechs Meter breite und hohe Gebäude wird auf den ersten Blick wie ein offener Ausstellungspavillon aussehen. Die für das Areal verantwortliche Stiftung Sittenwerk machte zudem mehrere praktische Auflagen: So musste das Bauwerk beispielsweise so gestaltet werden, dass es auch als Lagerraum genutzt und mit einem Gabelstapler befahren werden kann. Weitere Auflagen waren die Verwendung von Recyclingmaterial und ein Wellblechdach. Als letzte Ergänzung wurden vorfabrizierte Betonelemente eingesetzt.

Zwischen Tradition und Moderne

Urheber des Pavillons waren die zwei Masterstudierenden Yannick Claessens und Mattia Pretolani. So wurde ihr Projekt aufgrund seiner Gewagtheit gewählt. Denn ihre Idee kombiniert gleich zwei Pisé-Bauweisen. Während der untere Teil des Pavillons mit traditioneller Lehmbauweise direkt auf das Fundament des Gebäudes gestampft wird, kann daneben die Herstellung von vorfabrizierten Pisé-Blöcken für den oberen Gebäudeteil erfolgen. Damit wird die Gesamtbauzeit verkürzt. Die Erde, welche für das Mock-up der Lehmkolonnaden gebraucht wird, soll zudem direkt ab Baustellen im Kanton St. Gallen gewonnen und von Experten getestet werden.

Pilotprojekt für neue Bauweise?

Das Mock-up könnte als Pilotprojekt für eine neue Technik dienen: Die «Spann-Pisé-Bauweise». Denn zum Projekt gehört denn auch eine Neuheit auf dem Gebiet der Lehmbautechnik. Dabei werden in den Erdsäulen von unten nach oben erdbebengeprüfte Stahlseile verlaufen. Auf diese Weise wolle man durch beigezogene Ingenieure die Stabilität des Systems nach dessen Fertigstellung überwachen und so die fehlenden Bauvorschriften kompensieren. «Durch die Kombination von vorfabrizierten Lehm- und Betonelementen zeigt der Pavillon auf, wie die Zukunft der Lehmbauweise aussehen könnte. Zudem erlaubt er uns zu messen, wie die Ressourcen und graue Energie mit dieser Technik eingespart werden können», so Boltshauser.

Geschichte in der Bibliothek

Neben dem Bau des Pavillons wird vom 21. August bis zum 15. Oktober 2017 eine Ausstellung zur Geschichte der Lehmbautechnik stattfinden. Denn das Areal im Sittertal – auf dem auch der Pavillon steht – war früher ein auf die Färbung von Textilien spezialisierter Industriestandort. Zwischen der Sitter und einem Kanal liegt daher ein gut erhaltenes und renoviertes Gebäude mit Künstlerresidenzen, einer Bibliothek und einem Werkstoffarchiv. Das Wissen über das Bauen mit Lehm gelangte im 17. Jahrhundert über den Leinenhandel von Frankreich in die Schweiz. Die Ausstellung mit dem Namen «Pisé – von Lyon bis St. Gallen» widmet sich der Geschichte dieser alten Technik und wird in der Bibliothek des Sitterwerks zu sehen sein – direkt gegenüber des Pavillons. (pb)

Informationen unter: www.sitterwerk.ch

Weitere Studenten-Projekte:

Ein Holzhaus unterm Viadukt (Gebaut von 200 Architekturstudenten der EPFL)

Mit dem Betonkanu zum Sieg (ETH-Team erhält Auszeichnung bei Betonkanu-Regatta)

 

Autoren

Redaktorin Baublatt

Ihre Spezialgebiete sind ausgefallene Bauprojekte, schräge Innovationen, Themen der Digitalisierung und Social Media.

Tel. +41 44 724 78 06