Spielwiese und Kunstraum

Spielwiese und Kunstraum

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Teaserbild-Quelle: zvg
Zwischen Albisriederplatz und Siedlung Hardau wird seit Jahren gebaut. Das neue Oberstufenschulhaus wurde im Sommer 2009 fertig gestellt. Nun sind der Park und die Riesenskulptur, die zugleich Kunst, Schaukel und Leuchte ist, im Bau.
 
Die Hardau-Wohntürme mit Baujahr 1976 und die Genossenschaftssiedlungen aus den 1930er-Jahren sind in die Jahre gekommen. Zudem hatte das stark durchmischte Quartier im Kreis 4 einen schlechten Ruf. Bis die Stadt 2002 eine umfassende Quartierentwicklung im Sinn des Legislaturschwerpunkts «Lebens­qualität in allen Quartieren» plante. «Es ist dicht bebaut, hat wenig Grünraum, und die Schulhäuser platzen aus allen Nähten», beschrieb die ehemalige Stadträtin Kathrin Martelli die Schattenseiten des Hardaugebietes.
 
 
Die meisten Etappen der Bauprojekte sind bereits abgeschlossen: die Renovation der Siedlung ­Hardau II, die Erweiterung des Primarschulhauses, der ­Neubau der Sporthalle. Im Sommer 2009 wurde das neue Oberstufenschulhaus Albis­riederplatz eingeweiht. Ein Entwurf von Studer ­Simeon Bettler Architekten, der den im Jahr 2002 durchgeführten Projektwettbewerb gewonnen hatte. Seit 2009 wird auch an der letzten Etappe, dem Hardaupark, gebaut.

Heterogene Bevölkerung

Wie eine triste, mit Schnee überzogene Brache sieht die Baustelle aus. Doch wo heute noch ­Erdhügel und Bagger das Bild prägen, blüht Ende Jahr eine klar gegliederte Grünfläche auf. Sie soll Treffpunkt, Spiel- und Erholungsraum sein für die Bevölkerung des Quartiers und für die Schüler des neuen Schulhauses. Die Stadt Zürich führte einen offenen Wettbewerb durch, an dem sich 40 Landschaftsarchitektur-Büros aus dem In- und Ausland beteiligten. Zielvorgabe war, einen Ort der Begegnung zu schaffen in einem Quartier mit sehr heterogener Bevölkerung. Gesellschaftliche Themen wie Migration, Über­alterung oder Armut spielen im Hardauquartier eine wichtige Rolle. Diese sollten die eingereichten Projekte berücksichtigen. Zudem sollte der zukünftige Park ­sowohl der Schule als auch der Quartierbevölkerung dienen. Insbesondere die ­indirekte Nähe zum Schulhaus ist speziell an der Parksituation. Es gibt weder Zaun noch Mauer, die das Schulgelände vom Park abgrenzt. Mit ­seiner Glasfassade geht das Schulhaus eine enge Beziehung mit der Umgebung ein. Da im Gebäude auch die Pestalozzi-Bibliothek eingemietet ist, dient es nicht nur als Schulstube, sondern auch als Treffpunkt für die Quartierbewohner.

Grünes Licht für München

Das Rennen machte das Münchner Studio Realgrün Landschaftsarchitekten. Das Siegerprojekt beinhaltet klar definierte Zonen für unterschiedliche Nutzungsbereiche. Die Rasenfläche gegen die Norastrasse grenzt an die Schulbibliothek an. Deshalb schlagen die Landschaftsarchitekten eine Art Lesegarten mit Sitzmöbeln vor. Die Grünzone vor dem Haupteingang des Schulhauses ist als grosse Wiese konzipiert, die auch für den Schulsport genutzt werden kann. Sie weist eine leichte Neigung von gut einem Prozent auf. In der Mitte des Parks ist ein Quartierplatz vorgesehen. Dazu gehört eine überdachte Zone mit Grillplätzen, Tischen und Bänken. Direkt daneben entstehen weitere Sitzgelegenheiten sowie eine Spielzone mit Sandkasten und Spielgeräten. ­Gegen die Hardstrasse schliesslich sieht das ­Projekt eine Spielzone für Kleinkinder vor. Rasen, Holzdecks und Betonflächen bilden den Materialmix und gliedern die Zonen. «Zur Eigenständigkeit trägt auch die für innerstädtische Parks ungewöhnliche Pflanzung von Lärchen mit bei», erläutert Klaus Neumann, Partner von ­Realgrün Landschaftsarchitekten. 

«Potenzial zum Wahrzeichen»

Die Gesamtfläche des Hardauparks umfasse 1,8 Hektaren. Die Kosten betragen 13,5 Millionen Franken. Dem Kredit dafür haben die Stimmbürger Ende November 2009 mit ­deutlichem Mehr zugestimmt. Darin enthalten sind auch die Kosten für die Skulptur. Diese sind mit 220 000 Franken dreimal günstiger als das benachbarte Züri-WC. Erstellt wird das Kunstwerk zurzeit von der Tribünenfirma Nüssli.
 
Für die Umgestaltung des Hardauquartiers plante die Stadt Zürich zudem zwei Kunstprojekte im öffent­lichen Raum (siehe Box Seite 23). Deshalb führte sie einen Studienauftrag durch mit dem Ziel, Kunstprojekte für den Hardaupark und für das Oberstufenschulhaus zu evaluieren. Für die beiden unter­schiedlichen Aufgaben wurden je fünf ­Kunstschaffende eingeladen. Der Studien­auftrag war Teil des übergeordneten Projekts «Kunst in der Hardau» des Forschungsprojekts «Kunst Öffent­lichkeit Zürich» des Instituts für Gegenwartskünste der Zürcher Hochschule der Künste.

Ein grosses Warum

Für das Oberstufenschulhaus obsiegte das Werk «Das Haus im Haus» von Zilla Leutenegger. Es besteht aus fünf Zeichnungen und Architekturelementen wie Fenstern oder Treppenelementen, die an überraschenden Orten angebracht sind und Räume schaffen, die real nicht existieren. «Die Schulleiter und die Mehrheit der Lehrpersonen freuen sich über das erweiterte Haus, das sie in imaginäre Welten entführt», sagt Projektleiterin Charlotte Tschumi vom Amt für Hochbauten (Kunst am Bau/öffentlicher Raum) über die Reaktionen auf die Kunst am Bau. Noch nicht aufgestellt ist das Kunstwerk für den Hardaupark. In diesem Bereich wählte die Jury die Skulptur «Y» von Sisley Xhafa. Das 16 Meter hohe Objekt dient auch zum Entspannen, denn vom Riesenbuchstaben hängt eine Schaukel an zwei Seilen. Setzt man sich drauf, beginnt die Skulptur orange und gelb zu leuchten. Mit ­Distanz betrachtet erinnert das Objekt an eine über­dimensionierte Steinschleuder. Und: Das Kunstwerk stellt zudem die Frage «Warum?», so die englische Aussprache von Y (why). Sisley Xhafa wurde 1970 in Peja (Kosovo) geboren, lebt und arbeitet heute in New York. «Die überdimensionierte Schleuder ist leicht als Symbol des Widerstands zu lesen, jedoch aufgrund ihrer Grösse, des Materials und der Funktion nicht als solche zu verwenden», sagt der Künstler über sein Werk. «Die Mehrdeutigkeit regt den Betrachter dazu an, seine eigene Wahrnehmung zu befragen – eine Wahrnehmung, die zwischen Nostalgie und ­Pragmatismus pendelt.»
 
Ein Kernthema in seinem Schaffen ist die ­Migration, die gerade im Hardauquartier all­gegenwärtig ist. Charlotte Tschumi ist zufrieden mit der Wahl von «Y»: «Der unbescheidene, fast monumentale Ansatz beeindruckte die Mehrheit der Jury. Übergrösse, Form und Farbigkeit ­lassen Raum für ­vielerlei Interpretationen. Der Park bietet Erholungsraum mit unterschied­lichsten Angeboten an Grill- und Spielplätzen. Das Y wacht über diesen Erholungsraum und hat das Potenzial, zum Wahrzeichen des Hardau­parks zu werden.» (ka)