Schoggipapier als Inspiration

Schoggipapier als Inspiration

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Teaserbild-Quelle: tst
Lagergebäude zeichnen sich meist durch anspruchslose Gestaltung aus. Dass es auch anders geht, zeigt ein architekturbegeisterter Bauherr mit seinem neusten Projekt: Silbrig glänzend zieht eine sanierte Halle in Spreitenbach alle Blicke auf sich. Und die Handwerker hatten bei der Arbeit einen Heidenspass, denn sie durften das Aussehen der Fassade selber bestimmen.
 
 
Kaum eine andere Schweizer Gemeinde hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte so verändert wie Spreitenbach. Aus dem einst beschaulichen Bauerndorf vor den Toren Zürichs ist ein Ort mit zahllosen Wohnburgen, Verkaufsgebäuden, Lagerhallen und einem riesigen Geleisefeld geworden. Wer hier in der Industriezone baut, schert sich in der Regel nicht darum, ein ausserordentliches Gebäude aufzustellen. Seit kurzer Zeit steht hier aber ein Objekt, das mit einer silbrig glänzenden, unregelmässig gewellten Fassade auf sich aufmerksam macht. Bauherrin der grossen «Schachtel» sind die Aarauer Lagerhäuser, die hier für den Nahrungsmulti Nestlé den Schweizer Vertrieb für Trocken-Produkte wie Kaffee, Tierfutter und Schokolade besorgen.

Neue Kleider für altes Gebäude

«Ich fands eine Super-Idee, als die Architekten zum ersten Mal ihren Entwurf präsentierten», erinnert sich Hanswerner Kaelin, der in Spreitenbach verantwortliche Leiter für Logistik und Personal, und erklärt, was sich genau hinter den geheimnisvoll anmutenden Silberflächen verbirgt. Eigentlich handle es sich nur um eine Erneuerung der Gebäudehülle und eine teilweise verstärkte Isolierung, denn die alte Schicht war nur acht Zentimeter stark. Die meisten der im Gebäude gelagerten Waren, vor allem Schokolade, müssen konstant bei einer Temperatur von 16 bis 18 Grad gelagert werden, während ein kleinerer Teil zwischen 11 und 13 Grad benötigt. Nachdem die Sanierung der Halle seit März abgeschlossen ist, kann Kälin bereits ein viel konstanteres Klima feststellen, was sich in weniger Kosten für Heizung und Kühlung niederschlägt. Im Hochregallager arbeiten keine Menschen, Roboterkrane verkehren zwischen den engen Regalgassen und holen aus bis zu 30 Metern Höhe die angeforderten Waren. Durchschnittlich befinden sich hier rund 10 000 Tonnen Nahrung, die rund einen Monat in Spreitenbach bleiben.

Das Äussere spiegelt das Innere

Betrachtet man die Fassaden des Lagerhauses von Weitem, scheint es, als hätte man eine riesige Rolle mit Silberpapier rund um das Gebäude gewickelt. Wie bei mit Alufolie eingepackten Pausenbroten zeigt sich eine Vielzahl von Knicken und Blasen auf der «Verpackung». Aus der Nähe betrachtet erinnert die unregelmässige Aussenhaut an sanfte Wellen, und je nach Wetter ändert sich das Äussere auf faszinierende Art und Weise. Während bei Sonnenschein die Flächen hart und bündig wirken, scheint das Gebäude bei trübem Wetter mit dem Grau des Himmels zu verschmelzen. Das Auge sucht auf
den glitzernden Flächen nach Regelmässigkeit, einem System, nach dem die Handwerker die Fassaden gebaut haben – allein, es bleibt beim Versuch. «Unsere Idee war, dass wir den ausführenden Metallbauern beim Hochziehen der Fassaden keine Zeichnung mit exakten Vorgaben von Länge, Breite und Lage der einzelnen Wellen mitgeben. Wir stellten nur einige Regeln auf, nach denen die Monteure die Wellen selbstständig einbrachten», meint der verantwortliche Projektleiter Andreas Gautschi vom Büro Frei Architekten aus Aarau.

Schoggipapierli als Inspiration

Für den Kreativen und seine Arbeitskollegen waren bei der Entwicklung des Fassadenkonzeptes klar, dass eine Idee her muss, mit der sich alle technischen Probleme einer grossen Abwicklung leicht bewältigen lassen. Und selbstverständlich sollte man von aussen erkennen, was sich im Innern abspielt. Die Idee, quasi das Silberpapier, der sich im Gebäude befindlichen Schokoladeverpackungen als Thema für die Fassaden zu verwenden, wurde bei Besprechungen in Teamarbeit entwickelt. Im nächsten Schritt ging es darum, das geeignete Material und talentierte Handwerker für das Vorhaben zu finden. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, mit dem billigsten Blech das Ganze einzupacken, also blankes Aluminium ab Rolle, 0,8 Millimeter dick und 70 Zentimeter breit», erinnert sich Andreas Gautschi. Natürlich wurde das Projekt bei der Baueingabe anfänglich von der Spreitenbacher Behörde kritisch beäugt. Nachdem man jedoch grössere Materialmuster an die Fassaden gehängt hatte, organisierte man mit den Behörden eine Tour und schaute sich die Wirkung der silbernen Fläche von verschiedenen Orten aus an. «Wir konnten die Verantwortlichen mit sachlichen Argumenten überzeugen und kriegten die Bewilligung schliesslich problemlos», freut sich der Architekt rückblickend.

Wie sag ichs dem Metallbauer?

Bis etwas Neues funktioniert, braucht es häufig mehr als einen Versuch – diese Binsenwahrheit gilt auch für den Bau. Mit dem Zürcher Unternehmen Scherrer Metec AG wurde der geeignete Partner für die Ausführung gefunden. Trotzdem mussten ein paar Anläufe genommen werden, um das Gebäude so aussehen zu lassen wie es sich jetzt präsentiert. «Wir mussten uns gemeinsam herantasten, wie wir der Fassade das gewünschte Aussehen geben können», sagt Gautschi. Zuerst wurde in der Werkstatt ein Muster angefertigt, dann wurde eine grössere Fläche erstellt. Die erste Bauprobe in Spreitenbach fiel bei Architekt und Bauherrschaft durch, noch musste gepröbelt werden, um den gewünschten Look zu erhalten. Die Architekten stellten bewusst nur ein paar einfache Regeln auf, die von den Handwerkern eingehalten werden mussten: Die Falten sollten immer über mehrere Blech-Bahnen verlaufen und in verschiedene Richtungen zeigen. Auch sollte Gerüst-übergreifend gearbeitet werden, sodass nicht alle Unregelmässigkeiten am gleichen Ort beginnen. Laut Gautschi hatten die Handwerker dieses System schnell begriffen und danach perfekt umgesetzt. Mit Tausenden von Nieten werden die Blech-Bahnen auf der Unterkonstruktion befestigt, die aus der alten Trapezblechverkleidung besteht.

Ein baubegeisterter Bauherr

«Natürlich hätte man das Ganze einen Tick günstiger haben können, wenn wir die Bahnen telquel angebracht hätten», meint Architekt Gautschi. Eine gleichmässige Fassade wäre aber trotzdem nie entstanden, denn das dünne Blech verzieht sich bei derart grossen Abwicklungen in jedem Fall. Für die Baukosten stand Stéphane Meyer, Präsident und Delegierter der Lagerhäuser der Centralschweiz gerade. Er ist ein Fan von hochstehender Architektur und erläutert seinen Entscheid: «Meine Begeisterung für gute Bauten kommt aus einer negativen Erfahrung. Ich bin oft unterwegs, sehe viele Objekte und beobachtete, dass Lagergebäude in der Regel langweilig und anspruchslos aussehen. Da entschied ich mich, für besseres Bauen mehr auszugeben als unbedingt notwendig».
 
Mit einem ersten Objekt, das seit einiger Zeit entlang der Autobahn A1 auf Höhe Hunzenschwil/Ausfahrt Aarau-Ost steht, hatte Meyer seine eigene Vorgabe bereits eingelöst. Ebenfalls von den Aarauer Frei Architekten erdacht und ausgeführt, zieht das Lagergebäude mit seinem Trompe-l`œil-Effekt alle Blicke auf sich. Obwohl man das Gefühl kriegt, die horizontalen schwarz-weissen Bahnen seien nicht alle gleich hoch, handelt es sich immer um dasselbe Element. Der Trick dabei ist simpel: Die leichte Verschiebung der Tafeln bewirkt die optische Täuschung. Der engagierte Bauherr erinnert sich: «Bei der Projekt-Präsentation hatte ich noch grosse Zweifel, doch als ich es zum ersten Mal in natura sah, war ich sofort begeistert. Da war für mich klar, dass es so in die richtige Richtung geht. Und wenn ich in meinen Lagerhäusern hochwertige Waren aufbewahre, darf das gegen aussen sichtbar gemacht werden». Und schon steht das nächste Projekt bereit: In Schafisheim wird 2011 ein Lagerkomplex vollendet, der wiederum durch aufregende Architektur faszinieren wird – natürlich von den Frei Architekten entworfen.  Thomas Staenz
 

NACHGEFRAGT … BEI DANIEL HUNZIKER

Daniel Hunziker ist eidg. dipl. Spenglermeister und Projektleiter der ausführenden Firma Scherrer Metec AG aus Zürich.
 
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Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie das erste Mal die Pläne für die Fassaden des Lagerhauses gesehen haben?
Daniel Hunziker: Es erinnerte mich an ein ähnliches Objekt, das wir bereits im Zürcher Einkaufszentrum Sihlcity gemacht haben. Darum wusste ich, dass wir die Wünsche des Architekten umsetzen können. Das Spezielle am Objekt in Spreitenbach sind das wilde Muster und die grossen Flächen der Fassaden. Als Spengler ist man sich gewöhnt «gerade» zu arbeiten und millimetergenau. Wer die Idee der Architekten jedoch versteht, dem wird das Objekt gefallen. Ich persönlich finde es sehr gut.
 
Die Architekten haben eine sehr spezielle Verlegeart für Metall gewählt. Mussten Sie und Ihre Leute dafür üben oder hat es beim ersten Anlauf geklappt?
Zuerst haben wir in unserer Werkstatt in Zürich ein vier Mal vier Meter grosses Muster gefertigt. Mit den Architekten haben wir die Wellenbildung besprochen und ausgeführt. Dann haben wir beim Objekt in Spreitenbach einen circa zehn mal drei Meter grossen Fassadenbereich als Muster bekleidet. Die Wellenbildung war den Architekten und dem Bauherrn aber zu wild. Beim nächsten Anlauf wurde die gewünschte optische Wirkung erreicht.
 
Lief das Projekt ansonsten so, wie Sie es sich gewohnt sind?
Es war eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Architekten. Angenehm war auch, dass sie direkt mit den Ausführenden über die Wellenbildung diskutiert haben. Die Gestalter haben dann den Vergleich mit einem Schokoladenpapier gezogen, und das haben die Leute sofort kapiert. Schön war, dass so alle unsere Leute kreativ sein konnten und sie haben diese Freiheit sehr genossen. Alle freuen sich auf die weitere Ausbauetappe.
 
Was war für Sie die besondere Herausforderung bei diesem Bau?
Die Logistik unseres Materials auf dem Bau. Während der ganzen Zeit war das Gebäude in Betrieb. Die Herausforderung bestand nun darin, genügend Material am richtigen Ort zur richtigen Zeit bereitzustellen.
 
Ziel der Architekten war es auch, eine sehr wirtschaftliche Lösung umzusetzen. Ist das gelungen?
Für die Wirkung, die erzielt wird, ist die Fassade sehr günstig. Der Mehrpreis für die Faltenbildung ist minimal und daher für den Bauherrn den Preis wert.
 
Wie gross waren die einzelnen Metallbahnen, die Sie verarbeitet haben?
Wir mussten bei einer Länge von vier Metern Schluss machen. In diesem Format, 70 mal 400 Zentimeter war eine optimale Grösse in puncto Handling und Wirtschaftlichkeit erreicht. Hätten wir durchgehende Bänder genommen, hätten wir die Falten nicht so gleichmässig setzen können.
 
Es scheint, dass grosser Spass bei dieser Arbeit mit dabei war.
Das ist so. Alle haben sehr gerne gearbeitet und es hat sich auch der Begriff «Schoggipapier»- Fassade in unserem Betrieb etabliert. Sagt man dieses Wort, weiss jeder sofort, worum es geht. (tst)