Patisserie für Justitia

Patisserie für Justitia

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Teaserbild-Quelle: zvg
Das Zürcher Obergericht wird für 82 Millionen Franken umgebaut und erweitert. Das geschichtsträchtige Gebäude erhält einen grossen Anbau, dessen Konzept an eine Cremeschnitte erinnert: Das Wettbewerbsprojekt von Felber Widmer Kim Architekten aus Aarau trägt bezeichnenderweise den Namen «mille feuille» und steht bereits im Rohbau.
 
 
Im Hirschengraben 13 und 15 in Zürich, am Rande des Niederdorfs, befindet sich das Zürcher Obergericht, seit bald 180 Jahren. Die ältesten Gebäudeteile gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. In seiner bewegten Geschichte beherbergte das ursprüngliche Barfüsserkloster ein Kasino und ein Theater. Es erlebte Feuersbrünste, Zwinglis Reformation, die das aus für die katholische Klostergemeinschaft bedeutete und später Richard Wagner, der damals in Zürich im Exil lebte und seine Opern da selbst dirigierte.
 
«Wer hier baut, muss das Vorhandene schützen und integrieren. Er trifft auf alte Stadtbefestigungen und auf die Reste des einstigen Barfüsserklosters», sagt Markus Kägi, Regierungsrat und Vorsteher der Baudirektion des Kantons Zürich. Deshalb wurde der Um- und Erweiterungsbau in enger Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz realisiert. Die Erweiterung muss sich unaufdringlich in das Stadtbild einfügen und dennoch genügend gross sein, um Platz für die über 200 Mitarbeiter zu bieten. Denn laut der Baudirektion fehlten dem Gericht nötige Büroflächen und Verhandlungsräume. Die Anordnung der Gerichtsräume und sicherheitstechnische Defizite wurden ebenfalls bemängelt. Deshalb musste der Kanton für das Gericht vorübergehend mehrere Aussenstellen eröffnen.
 

Klösterliches Ambiente

Das Projekt «mille feuille» von Felber Widmer Kim Architekten gewann den Wettbewerb um den Um- und Erweiterungsbau. Dieser steht im Rohbau und unlängst war die Aufrichtefeier. Die neuen Räume sollen bis im November 2011 bezogen werden. Neu sind die beiden Büro- und Verhandlungsbereiche aus Sicherheitsgründen strikt getrennt. Die beiden Hauptgebäude Hirschengraben 13 und 15 bilden mit ihren klassizistischen Fassaden weiterhin das Gesicht des Gebäudekomplexes. Ein L-förmiger, fünfstöckiger Ergänzungsbau verbindet sie zu einer kompakten Gesamtanlage. Der Neubau ist im Minergie-Eco-Standard erstellt. Das Zentrum der Anlage bildet das ehemalige Verwaltungsgebäude mit dem Gerichtssaal. Die heutigen Aussenstellen werden aufgehoben und in die erweiterte Anlage integriert.
 
Laut Kägi erfüllt das Projekt den Anforderungskatalog ideal: «Es trennt dort, wo Trennung hingehört. Es trennt die öffentliche von der nicht-öffentlichen Sphäre, und es unterscheidet zwischen alter und neuer Substanz. Doch es wirkt auch verbindend und schafft eine Einheit.» Angesichts der reichen Vergangenheit des Gebäudes betont der Obergerichtspräsident Heinrich Andreas Müller anlässlich der Aufrichtefeier: «Das Bauvorhaben ist nicht nur für die nächste und übernächste Generation gedacht, sondern auch für jene Zeit, in der man das Wissen über unsere Gegenwart nur noch aus dem Geschichtsbuch in Erfahrung bringen kann.» Mit dem Bau, der künftig den oberen Rand der Zürcher Altstadt prägen wird, werde wieder eine klösterliche Ambiance hergestellt. So bleibt beispielsweise der Kreuzgang im Innenhof, der im 20. Jahrhundert teilweise rekonstruiert wurde, bestehen.
 

Synthese mit der Gotik

Die vom Gerichtsbetrieb geforderte konsequente Trennung von Zonen unterschiedlicher Sicherheitsstufen wird durch die Schichtung von öffentlichen und internen Nutzungen ermöglicht. So dockt der Ergänzungsbau auf den öffentlichen Stockwerken zwei und vier an den Gerichtssaalbau an. Die Etagen eins und drei sind für gerichtsinterne Zwecke bestimmt und vom öffentlichen Bereich her nur durch Sicherheitsschleusen zugänglich. Dieses Konzept gleicht in der Tat einer Cremeschnitte, bei der verschiedene Schichten aufeinandergelegt werden. Der Ergänzungsbau tritt gegen die Altstadt (Obmannamtsgasse und Untere Zäune, siehe Situationsplan links) als Einfriedung in Erscheinung. Die Büros der Richter sind zur Stadt ausgerichtet. Ihre Fenster werden mit einer Krawallschutzverglasung versehen. Eine verglaste Dachkonstruktion schliesst vom Ergänzungsbau an die Traufkante des Gerichtssaalbaus an und unterstreicht das Bestreben der Architekten, Präsenz und Geschichte der bestehenden Bausubstanz zu wahren. Der interne Teil des Ergänzungsbaus legt sich auf den Kreuzgang, der so gewissermassen einen antiken Sockel für den modernen Aufbau bildet. Im Innenhof ist die Synthese zwischen Alt und Neu klar erkennbar: Die verglaste Fassade des Ergänzungsbaus verläuft über der Reihe gotischer Masswerkfenster im Erdgeschoss.
 

Alte Gebäude mit Minergie-Lüftung

Im hohen Eingangsgeschoss des Hirschengraben 13 wurde eine weitere Etage eingebaut und der Raum somit in der Höhe halbiert, um das Potenzial an Platz vollständig auszuschöpfen. Die Geschossdecken werden nicht mit der Aussenwand verbunden, damit über die bestehende Fassade mit ihren hohen Fenstern genügend Licht in die Räume fliesst. Das Verbinden der bestehenden Gebäude über den Ergänzungsbau ermöglicht zwar eine flexible Verteilung der einzelnen Büroräume, doch die durch diese Anschliessung bedingte Raumhöhe des Ergänzungsbaus von 2,40 Metern lässt eine konventionelle Installation der Haustechnik unter der Decke nicht zu. Den notwendigen Platz dafür schufen die Architekten mit Schrankwänden in den Gängen des Erweiterungsbaus. Von da führen die Installationen zur Feinverteilung in die Büros.
 
Die Beheizung des Ergänzungsbaus erfolgt über eine Wärmepumpe und eine zusätzliche Gasheizung. Die Wärmepumpe gewinnt die Energie über eine Erdsondenanlage, die vor dem Hirschengraben 15 mit über 20 Bohrungen in 300 Metern Tiefe platziert wurde. Eine Fussbodenheizung beheizt die Cafeteria, die Büroräume und die Verhandlungshalle. Die weiteren Nebenräume werden mit Radiatoren ausgestattet. Beim Hirschengraben 13 und 15 erfolgt die Beheizung über die bestehende Gaskesselanlage. Ein Rotationswärmetauscher vermag in allen Gebäuden mit einer Rückwärmezahl von 80 Prozent die in der Abluft enthaltene Wärmeenergie effektiv an die Zuluft zu übertragen. Somit werden alle Gebäude dem Minergie-Standard gerecht.
 

Wurzeln durchkreuzten Pläne

Die unterirdische Auto-Einstellhalle musste etwas anders als geplant umgesetzt werden. «Die Wurzeln der zwei alten hohen Platanen vor dem Hirschengraben 13 reichen sehr tief ins Erdreich und verunmöglichten das Ausheben der Räume. Hätten wir die Wurzeln geschnitten, wären die Bäume mit Sicherheit eingegangen. Das wollten wir vermeiden und ordneten die Einstellhalle anders an und verzichteten auf den Bau einer Zufahrtsrampe», sagt Architekt Dieter Felber. Anstelle der Rampe führen nun zwei Autolifte zu den drei Parkebenen hinunter. Die beiden Bäume stehen wie wohl schon seit den Anfängen des Obergerichts vor 180 Jahren vor dem Eingang Spalier.
Im Frühjahr 2012 sollen in den neu eingekleideten Gerichtssälen erste Verhandlungen stattfinden. Im Hauptsaal wird dann eine hölzerne Tribüne für 60 Zuschauer stehen. Die Gebäude entsprechen den Sicherheitsanforderungen. Licht fällt durch die grossen Fenster. In den 12 000 Fällen, die das Obergericht jährlich bearbeitet, werden Verurteilungen und Freisprüche verkündet. Die Fenster haben Krawallschutz, die Richter einen unterirdischen Parkplatz. Und Regierungsrat Kägi sagt: «Stellen wir fest, dass wir mit dieser Aufrichte etwas für das Recht leisten. Denn ob sich das Recht verwirklichen kann, ist nicht zuletzt eine architektonische Frage.» Von Michael Hunziker
 
 

Nachgefragt bei Dieter Felber und Andrea Schweizer

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit bei dieser Synthese zwischen Alt und Neu mit dem Denkmalschutz?
Wir haben einen regen Kontakt zur Denkmalpflege. Durch das häufige Umnutzen und Renovieren der bestehenden Bauten in der Vergangenheit ging allerdings viel von der ursprünglichen Substanz verloren.
 
Welche Kompromisse mussten Sie eingehen?
Eigentliche keine. Wir mussten das Projekt allerdings immer wieder an sich wandelnde Bedürfnisse anpassen.
Wie kamen Sie auf die Grundidee für «mille feuille»? Etwa beim Cremeschnitteessen?
Leider nein. Sie bot sich aufgrund der doppelgeschossigen Räume in den bestehenden Bauten an.
 
Was war der schwierigste Task?
Die Berücksichtigung aller Bedürfnisse der Bauherrschaft einerseits und die Umsetzung der Vorgaben der involvierten Ämter andererseits. Die besondere historische und städtebauliche Situation und die öffentliche Nutzung erfordern, gegenüber normalen Bauvorhaben, einen starken planerischen Mehraufwand. (mh)