Masdar – der neue Wallfahrtsort

Masdar – der neue Wallfahrtsort

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Teaserbild-Quelle: zvg
Im Emirat Abu Dhabi wird die «Stadt der Zukunft» realisiert: CO2-schonend, ohne Restmüll, allein durch regenerative Energien gespeist, sollen mitten in der Wüste schon in wenigen Monaten die ersten Men-schen ökologisch sinnvoll leben. Die Schweiz erhält in der Ökostadt Masdar ein eigenes Quartier.
 
 
Architektur könnte im Idealfall die Welt verändern. Das Motto des Architekten Stefan Behling scheint am Golf seinen Konjunktiv zu verlieren. Als Seniorpartner des renommierten Londoner Architekturbüros Foster and Partners gestaltet der Stuttgarter Professor für Baukon-struktion im Emirat Abu Dhabi die Zukunft mit. In der Weltregion, die ihren Reichtum dem Erdöl verdankt, entsteht mitten in der Wüste die ambitionierteste Öko-Stadt der Welt, die einen Weg ohne fossile Energien weisen soll: Masdar. Ein ganzheitliches Modell will den CO2-Ausstoss, das Müllaufkommen, den Wasser- und Energieverbrauch der 285 Hektar grossen Stadt auf Rekordminimum bringen und Nachfolgeprojekten Pate stehen. Auch Schweizer Experten und Unternehmen sind von Anfang an beteiligt.

Grünes Silicon Valley

Das Stadtprojekt, das Platz für 50 000 Einwohner und für 90 000 Beschäftigte bieten soll, ist einzigartig auf der Welt. Und das hat seinen Preis. Das Emirat investiert über Abu Dhabi Future Energy Company, eine Tochter der staatlichen Beteiligungsgesellschaft Mubadala, knapp vier Milliarden Dollar. Das Investitionsvolumen der gesamten Stadt wird auf circa 22 Milliarden Dollar geschätzt.Masdar ist bereits in der ersten von fünf Bauphasen zu einem Wallfahrtsort für Nachhaltigkeit geworden. Der internationale Flughafen von Abu Dhabi ist nicht weit, und wo vor Kurzem noch nichts als Wüste zu sehen war, steht jetzt eine Grossbaustelle.Die klügsten Köpfe der Szene wurden in das Projekt miteinbezogen. Schliesslich ist die ganzheitliche Systementwicklung eine der grössten Hürden. Charles Cooney, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), ist Mitglied des Masdar-Komitees: «Das Ganze könnte sehr viel bedeutender werden als die Summe seiner Teile. Hier experimentiert man mit dem Zusammenspiel individueller Lösungen. Und oft wird vergessen, wie schwierig es ist, dass alle Prozesse ineinandergreifen.» Das MIT war an der Entwicklung des Modells intensiv beteiligt und ist im Rahmen des Masdar Institute of Science and Technology ebenfalls auf dem Gelände vertreten. Die ersten 92 Studenten haben ihr Studium in Abu Dhabi bereits aufgenommen und werden nächstes Jahr nach Masdar auf den Campus ziehen. Die Nachhaltigkeitsdirektorin von Masdar, Nawal al-Hosany erklärt, dass das Teil des Konzepts ist: «Die Forscher sind die ersten Bewohner von Masdar City. Sie werden helfen, auf Fragen Antworten zu finden.» Die jungen Wissenschaftler stammen aus insgesamt 21 Nationen.

Schweizer vorne dabei

Nur ein Land hat bisher das Privileg, ein eigenes Viertel gestalten zu können. Für die Schweiz ist eine Fläche von zwölf Hektar reserviert: das Swiss Village. Das Gelände liegt mitten in Masdar, zwischen dem Masdar Institute und dem Hauptquartier des Swiss Village. Hier entstehen nicht nur die Schweizer Botschaft und ein Forschungszentrum, auch Schweizer Unternehmen siedeln sich an. Insgesamt stehen 17 Grundstücke zur Verfügung, die mit vier- bis sechsstöckigen Gebäuden bebaut werden. Wenn das Gelände nicht ausreicht, dann kann es um fünf Hektaren und vier Grundstücke erweitert werden.Viele Schweizer Unternehmen sind dem Swiss-Village-Verein beigetreten. Unter ihnen befindet sich auch das grösste Schweizer Bauunternehmen Implenia, die Solarexperten von Zürich Oerlikon, der Uhrenhersteller Hublot und die Planer von Maxmakers. Nick Beglinger ist Präsident des Vereins und Managing Partner von Maxmakers. «Uns steht hier das Filetstück von Masdar zur Verfügung. Der Sitz der internationalen Agentur für erneuerbare Energien, IRENA, wird nur einen Steinwurf weit entfernt sein», sagt er. Abu Dhabi ist Bauherr dieses Viertels, die Schweizer Unternehmen sind Mieter und Zulieferer.Die Schweizer beziehen ihr Quartier erst nach 2011. Bis dahin soll auch ein Teil der Mobilitätsinfrastruktur bereitstehen, denn in Masdar gilt Autoverbot. Ausschliesslich zu Fuss, mit dem Rad, mit dem Segway (Elektroroller) oder mit dem elektrisch angetriebenen individuellen Transportnetz kommt man in Masdar voran. Nur maximal 200 Meter soll jeder Bewohner zurücklegen müssen, um zum nächsten Einstiegspunkt zu kommen. Der Transport wird unterhalb der Stadt, aber oberirdisch abgewickelt: Die Gebäude werden auf einem Podest in sieben Meter Höhe konstruiert, unter dem das Transportnetz verläuft. Unmittelbar unterhalb der Wüstenoberfläche würde man auf Grundwasserströme stossen. Ganz ohne Autos müssen die Bewohner der Öko-Stadt jedoch nicht auskommen: Vor den Toren der Stadt werden nämlich Parkhäuser für die Bewohner zur Verfügung gestellt.

Sonnenenergie liefert Löwenanteil

Dreh- und Angelpunkt des Modells ist die Energieversorgung, die zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energiequellen basieren soll. Die grösste Photovoltaikanlage der Vereinigten Arabischen Emirate, mit einer Leistung von zehn Megawatt, ist bereits fertig. Letztlich sollen 90 Prozent des anfallenden Energiebedarfs durch die Sonne gedeckt werden. Es ist geplant, hiervon 42 Prozent durch Photovoltaik und 32 Prozent durch Solarzellen zu bestreiten. Acht Prozent der Energie wird eine Abfallverbrennungsanlage liefern.Bautechnisch lautet die Devise: eng bauen statt grossflächig ausbreiten. Weil die heutigen Bauten der Emirate mit grossen Glasfronten Unmengen an Energie für die Kühlung brauchen, besinnen sich die Planer nun wieder auf die Zeit vor der Klimaanlage.Manche Aspekte der Planung sind in europäischen Augen Standard, doch nicht für die auf grossem Fuss lebenden Emirate. Das Prinzip der Abfallminimierung basiert auf Wiederverwertung, Abfallverbrennung und Kompostierung. Ein grosses Thema ist auch der Wasserverbrauch. Heute benötigen die Vereinigten Arabischen Emirate 500 Liter pro Kopf und Tag. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 150, in der Schweiz 162 Liter. Ziel von Masdar ist, dass jeder Einwohner nur noch 80 Liter verbraucht. Nachhaltigkeitsdirektorin Hosany: «Wir werden so viel Wasser wie möglich wiederverwenden. Aber natürlich ist ein bedeutender Punkt, dass das individuelle Verhalten sich ändert.»

Masdar eröffnet Perspektiven

In den Emiraten muss sich am Verhalten der Menschen viel ändern, will man sich nachhaltig entwickeln. Die dortige Lebensweise braucht theoretisch die Ressourcen von fünf Erden. In Masdar will man nun das Ein-Planet-Prinzip leben. Und wie stark schon jetzt das Projekt auf das Land ausstrahlt, zeigt sich bei der regionalen Baubranche. Denn für alle Projektpartner gelten strenge Nachhaltigkeitskriterien. Hosany beobachtet, wie sich hierdurch ein neues Denken durchsetzt: «Die Bauunternehmen mussten nicht nur selbst neu bauen lernen, sondern auch ihre Zulieferer verständigen, zertifizierte Materialien zu besorgen.»Masdar werde Schule machen, auch global. Der deutsche Experte für Ökosiedlungen, Holger Wolpensinger, ist überzeugt davon: «Masdar hat jetzt schon den Effekt, dass Planer auf der ganzen Welt sich die Realisierung von Projekten vorstellen können, die sie vor Kurzem noch für unmöglich hielten.» Wenn der Klimawandel ein Steigen der Durchschnittstemperaturen nach sich zieht, werden Masdar-Lösungen begehrt sein.Und so soll das Swiss Village zum Schaufenster für die Schweizer Bauindustrie werden. Implenia hat sich darum beworben, Generalunternehmerin zu werden. Das Viertel soll von Schweizer Architekten gebaut werden. 32 wurden in die engere Auswahl einbezogen. «Wenn Masdar ein Swiss Village will, dann kann es das nicht mit einem britischen Architekten und einem arabischen Bauherrn tun», sagt Roland Fisch, Leiter des operativen Geschäfts Prime Building und Stellvertreter des CEO von Implenia Global Solutions. Im Swiss Village wird zudem nach dem Minergie-Standard gebaut. Derzeit wird an der Anpassung des Schweizer Standards an die Verhältnisse am Golf gearbeitet. Das soll auch über Masdar hinaus ausstrahlen. Nicht umsonst veranstaltet Minergie am Rande des World Future Energy Summit im Januar in Abu Dhabi ein Forum, um den Schweizer Standard bekannt zu machen. Für eine Bauwirtschaft, die sich bisher vor allem auf den Heimmarkt konzentriert hat, ist das ein grosser Schritt. (Yvonne von Hunnius)