Luftiger Traum aus Holz

Luftiger Traum aus Holz

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Teaserbild-Quelle: Degelo Architekten
Es wäre das erste Holzhochhaus der Welt geworden und mit seinen 200 Metern das höchste Gebäude der Schweiz. Da sich bisher jedoch kein Investor gefunden hat, bleibt es bis auf Weiteres ein Projekt auf Papier.
Degelo Architekten
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Degelo Architekten
Das Holzhochhaus aus dem Hause Degelo Architekten wartet darauf, wiederentdeckt zu werden.
 
Hochhäuser waren in der Schweiz lange Zeit verpönt. Zu urban, zu modern, geradezu unheimlich waren sie der ländlich geprägten Bevölkerung. Deshalb wurde ihre kurze Blütezeit zwischen den 50er- und 60er-Jahren Ende der 70er-Jahre jäh gestoppt. Seit etwa zehn Jahren findet allerdings ein Umbruch statt. Fachleute sprechen gar von einer Renaissance der Hochhäuser. Unter den inzwischen zahlreichen Projekten findet sich auch eines, das ein besonderes Augenmerk verdient: das 200 Meter hohe Holzhochhaus des Basler Büros Degelo Architekten. Konzipiert wurde das hölzerne Gebäude 2009 für den Chemiekonzern Syngenta in Basel. Als die Firma sich jedoch dafür entschied, ihren Hauptsitz doch nicht in einen Neubau zu verlegen, verlor das Hochhaus seinen Investor. Nun wartet es darauf wiederentdeckt zu werden.
 
Auf den ersten Blick erscheint das Baumaterial Holz für ein Hochhaus ungeeignet. Zumal jenes von Degelo auch noch 200 Meter hoch ist. Der Planung voraus ging deshalb eine langjährige Studie, die der Architekt 2005 zusammen mit der ETH Zürich und dem Fachmagazin «Hochparterre» in Angriff genommen hatte. Untersucht wurden das Material, die Machbarkeit und die Finanzierung des Holzhochhauses.
 
Auf die Idee für das aussergewöhnliche Projekt kam Degelo durch sein Elternhaus: «Ich bin in einem Holzhaus aufgewachsen, das über 400 Jahre alt war und keine nennenswerten Beschädigungen aufwies. Und das, obwohl das Haus noch nie mit Chemie behandelt worden ist. Holz ist demnach sehr widerstandsfähig. Voraussetzung ist, das man es richtig verwendet.» Ermutigt durch das Beispiel Chalet, entschloss sich Degelo schliesslich dazu, ein Hochhaus ganz aus Holz zu bauen, das CO2-frei betrieben werden kann und seine Energie selber produziert. Das nach ökologischen Prämissen konzipierte Gebäude soll neben Menschen auch etlichen Pflanzen und Tieren ein Zuhause bieten.
 

Hochhaus mit Baumrinde geschützt

Ein wichtiger Aspekt des Holzhochhauses ist seine Fassade. Wegen der ökologischen Anforderungen darf das Holz der Fassade, die aus Tannen und Fichten besteht, nicht chemisch behandelt werden, weswegen sie zum empfindlichsten Teil des Gebäudes wird. Wie aber schützt man sie? Mithilfe eines Biologen untersuchte der ehemalige Schreiner Degelo die Rinde eines Baumes auf ihre Verwendbarkeit nach den Grundsätzen der Bionik – der Symbiose zwischen Biologie und Technik. Mit ihr sollte das Schutzprinzip der Rinde auf die Fassade des Holzhochhauses adaptiert werden. Wie sich herausstellte, eigneten sich die Balkone dafür. Sie sind nun sozusagen die Rinde des Holzhochhauses. Pro Etage schliesst sich je einer als Kreis um das Hochhaus (siehe Grundriss unten). Da die Balkone aus den robusten Holzarten Eichen und Lärchen bestehen, können sie der schädlichen Witterung ohne Weiteres standhalten. «Das Einzige, worauf wir achten müssen, ist, dass das Holz schnell wieder trocknen kann, weil es ansonsten fault und damit leicht kaputt gehen kann», erklärt Degelo. Die Balkone wurden deshalb so konstruiert, dass sie gut umlüftet sind. Auf diese Weise kann sie der Wind leicht trocknen.
 
Die Schutzfunktion ist jedoch nicht die einzige Aufgabe, die die Balkone zu erfüllen haben. Sie sind zudem Teil einer natürlich konzipierten Klimaanlage. Damit diese auch funktionieren kann, braucht es buschartige Pflanzen, die in Töpfen jeweils an den Aussenrand der Balkone gestellt werden. Dort übernehmen sie einerseits die Funktion eines Geländers und anderseits die einer natürlichen Markise: Im Sommer, wenn die Pflanzen Blätter haben, schirmen sie die Sonne ab, sodass das Hochhaus nicht erhitzt werden kann. Im Winter erzielen sie den gegenteiligen Effekt. Um diesen zu erhöhen, variiert der Balkonboden in seiner Tiefe. Im Norden, wo am wenigsten Sonnen hinkommt, ist der Boden am schmalsten, damit das Licht der Sonne direkter einwirken kann. Im Osten und Westen ist er am breitesten.
 
Gedämmt wird das Haus mit einer 20 Zentimeter dicken Altpapierflocken-Schicht und die Fenster bestehen aus Isolierglas. Ein ausgeklügeltes System mit dünnen Wasserröhren gleicht die Temperaturen auf Komfortniveau aus. Den Strom für das Gebäude erzeugt eine hauseigene Biogasanlage, die mit den organischen Abfällen der Bewohner «gefüttert» wird. Genutzt werden ausserdem Photovoltaik, Windenergie und Brennstoffzellen.
 

Wasser wird rezykliert

Bei der Auswahl der Pflanzen zog Degelo wiederum den Biologen zurate. Nicht alle Arten sind geeignet, schon gar nicht für eine Höhe von 200 Metern. Zur Auswahl stehen nun Gewächse wie die Aster, der Perückenstrauch oder die Kletterhortensie. «Es ist aber möglich und erwünscht, dass sich mit der Zeit auch wilde Arten ansiedeln», meint Degelo, der diesen Aspekt besonders spannend findet. Denn dank der Pflanzen erhalte das Hochhaus nicht nur eine aussergewöhnliche Aura, die je nach Art und Jahreszeit von verschiedenen Farben geprägt wäre, sondern schaffe zudem auch Lebensraum für Tiere. Der Architekt denkt dabei an Insekten, Alpensegler, Eichhörnchen und Iltisse. Für die Bewässerung der Pflanzen müssen die Nutzer des Hochhauses nicht besorgt sein. Dafür sorgt nämlich der Regen.
 
Für die Bewohner des Hochhauses kommt ein herkömmliches Wasserverteilungssystem zum Zuge. Das Besondere daran ist jedoch, dass das Ökosystem des Hochhauses eine Wiederverwendung des Wassers erlaubt, sodass sich der Bezug auf ein Minimum reduziert. Mit anderen Worten: Das Wasser wird rezykliert. Zuerst ist es Gebrauchswasser, danach Toilettenspülung. Die vom Wasser getrennten Exkremente kommen in die Biogasanlage. Das verunreinigte Wasser hingegen wird in die hauseigene, aus Moos bestehende vertikale Kläranlage befördert, wo es gesäubert wird. Danach gelangt es zurück in die Haushalte und der Prozess beginnt von Neuem. Währenddessen kann es sein, dass Wasser verdunstet. Das hat im Sommer zwar den Vorteil einer Kühlung, gleichzeitig aber auch den Nachteil, dass immer weniger Wasser zirkuliert. «Vom konventionellen Wasserverteilungssystem können wir uns daher nicht vollständig lösen», sagt Degelo.
 

Brandschutz kommt aus der Werft

Ein wichtiger Aspekt während der Planung des Holzhochhauses war der Brandschutz. Hierfür wurde Degelo im Werftbau fündig. Schiffe, die Feuer fangen, sind schwer zu löschen, weil auf ihnen stets Wassermangel herrscht. Salzwasser kann nicht zu Löschzwecken verwendet werden. Deshalb befinden sich auf den Schiffen Sprühnebelanlagen. Bei Brandausbruch kühlen sie die Raumtemperaturen ab, sodass sich keine weiteren Teile entzünden können. Dasselbe System wendet Degelo nun für sein Hochhaus an. Ebenfalls vertieft geprüft werden musste die Statik des Hochhauses. Um die gewünschte Stabilität zu erreichen, bedient sich Degelo der Holzplattenbauweise: «Dank ihr wird das Gebäude sehr steif und schwingt nur sehr gering.»
 
Als Nutzung für das Hochhaus sieht der Architekt vor allem Wohnungen und Büros vor. Die oberen Etagen sind für Penthouseappartements reserviert, die mittleren für Zwei- bis Vierzimmerwohnungen. In den unteren Stockwerken sollen die Büros Platz finden. Die Nutzer werden nichts davon merken, dass das Hochhaus ganz Holz besteht, denn die Wände im Innern des Gebäudes werden allesamt mit Gips verkleidet. Allerdings können auf besonderen Wunsch hin die Wände in Holz belassen werden. Florencia Figueroa