Lern- und Lebenszentrum

Lern- und Lebenszentrum

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Teaserbild-Quelle: zvg
Aus 45 eingereichten Wettbewerbsentwürfen für ein neues Schul- und Therapiezentrum für behinderte Kinder stach einer hervor: der Vorschlag von Manetschmeyer Architekten in Zürich. Er überzeugte die Jury bezüglich Gestaltung, Nutzen und Kosten.
 
 
 
Die Lernziele sind nicht jene einer Regelschule. Auch die Lehrer sind anders und die Schüler besonders. Manche hören nicht, andere sehen kaum, und einige können sich nur mühsam bewegen. Am Schulzentrum für körper- und geistig behinderte Kinder in Solothurn werden sie gefördert, geschult und therapiert. Logopäden unterstützen das Sprachtraining, Heilpädagogen helfen in der Werkstatt mit, und in der Reittherapie wird die Koordination geübt.

Grosses Interesse der Architekten

Die Anforderungen an moderne Institutionen für Behinderte haben sich stark verändert in den letzten Jahrzehnten. Deshalb, und weil das bestehende Gebäude aus allen Nähten platzt, plant der Kanton Solothurn ein Schul- und Therapiezentrum für körper- und sinnesbehinderte Kinder (ZKSK) nördlich des Bürgerspitals (siehe «Nachgefragt» Seite 29). Mit Unterstützung des Kantons Solothurn konnte ein geeignetes Grundstück im Baurecht für einen Neubau des ZKSK gefunden werden. Der Verwaltungsrat ZKSK hat dann einen offenen Projektwettbewerb ausgeschrieben mit dem Ziel, einen zukunftsgerichteten Schul- und Therapiebetrieb für rund 350 Kinder langfristig sicherzustellen. Das Interesse war gross: 86 Architekturbüros bezogen die Unterlagen, 45 reichten schliesslich ein Projekt ein. «Es war eine schwierige Aufgabe, weil deren Lösung durch den geplanten Spitalneubau und dessen mögliche spätere Erweiterung eben auch auf diesem Gelände tangiert ist», betont der Architekt Heinrich Schachenmann, der den Wettbewerb im Auftrag der Bauherrin ZKSK organisierte und die Vorprüfung vornahm.

Hand in Hand mit dem Spital

Die planerischen Vorgaben umfassten eine Tages¬schule, einen Therapiebereich, ein Wohnheim für 12 bis 14 Jugendliche sowie einen admin¬istra¬tiven Bereich. Die zukünftige Einrichtung soll Synergien mit dem Bürgerspital eingehen, insbesondere in den Bereichen Haustechnik, ¬Wäscherei und Verpflegung. Zur Aufgabenstellung gehörte zudem ein Spitalerweiterungsbau (SpE), der mittel- bis langfristig auf dem gleichen Areal geplant ist. Da dessen Raumprogramm und die betrieblichen Anforderungen noch nicht ¬definitiv feststehen, sollte seine Einbindung in die Bauaufgabe nur konzeptionell erfolgen.

Als Sieger wählte die Jury einstimmig das

Projekt «Fjäril» von Manetschmeyer Architekten, Zürich. Es hat in den drei Haupt-Beurteilungskriterien Gestaltung, Nutzen und Kosten Best¬noten erhalten. «Mit dem Siegerprojekt haben wir aber auch eine städtebaulich gute Lösung», nennt Daniel Laubscher, Jurymitglied und Stadtplaner von Solothurn, einen weiteren Vorzug. ¬Manetschmeyer setzen das Gebäude peripher an die nordöstliche Ecke des Grundstücks. Damit bleibt viel Freiraum vor dem historischen Bürgerspital erhalten.
 
Das aus verschiedenen Körpern zusammengesetzte Volumen nimmt durch Rücksprünge im Obergeschoss Bezug auf die angrenzenden Wohnbauten. Die Fassaden sind sorgfältig detailliert und durch die zusammenhängenden Fensterfronten auch flexibel für die Raumaufteilung. Die Architektur im Innern ist aus der Nutzung heraus entwickelt und schafft eine kindergerechte Atmosphäre. Speziell ist vor allem auch die Lichtgestaltung: Zwei Höfe durchdringen das Volumen, holen Tageslicht in den Bau und erzeugen immer wechselnde Licht-und-Schatten-Spiele. Für den nur als Variante vorgeschlagenen Spitalergänzungsbau ist viel Raum vorhanden. Zudem fügt er sich gut in die Situation zwischen Wohnbauten und dem historischen, neoklassizistischen Bürgerspital ein.

Platz für 350 Kinder

Das vorgeschlagene Raumprogramm ist aus Sicht der Auftrag¬geberin zwar gut erfüllt, aber noch nicht optimal ausgearbeitet. Bemängelt wurde, dass die Aufteilung der Internate auf zwei Geschosse ungünstig sei für einen effizienten ¬Betrieb. Auch die ausschliessliche Nordausrichtung einzelner Zimmer befriedigt noch nicht. Doch dies sind Details. Mit Fjäril ist ein wichtiger Anfang gemacht. Nun können das ZKSK als private Trägerschaft und der Kanton Solothurn die konkreteren Planungs- und Umsetzungsmassnahmen aktiv an die Hand nehmen. Läuft alles nach Plan, werden 2016 bis zu 350 Kinder im neuen ZKSK werken, turnen und lernen. Und dank der neuen Umgebung hoffentlich ein Stück Lebensqualität gewinnen.
 
 

Hintergrund

Auf dem Areal südlich des Solothurner Stadtkerns konzentrieren sich diverse Bauten aus dem Gesundheitswesen. Angefangen hat es mit dem Bürgerspital, einem neoklassizis¬tischen Bau aus den 30er-Jahren, in dem heute noch die Orthopädische Klinik ange¬siedelt ist. In den 70er-Jahren wurden ein neues Hauptgebäude und ein Bettenhochhaus gebaut. Heute dient das Bürgerspital mit seinen 300 Betten als Zentrumsspital für den oberen Kantonsteil, ein Einzugsgebiet, das rund 80 000 Einwohner umfasst.
Weil das Spital stark sanierungsbedürftig und bereits wieder an die Grenzen seiner Kapazitäten gelangt ist, hatte der Kanton 2007 einen Wettbewerb für die Gesamterneuerung ausgeschrieben. Als Sieger ging 2008 der Vorschlag von Silvia und Reto Gmür Architekten aus Basel hervor. Allerdings befindet sich das Neubauprojekt noch auf dem Prüfstand. Das schätzungsweise 366,5 Millionen teure Projekt soll bezüglich Investitions- und Folgekosten optimiert werden. Dazu wollen die Solothurner Spitäler AG und der Kanton das Projekt von ¬einem externen Partner überprüfen lassen. (ka)
 
 
 
 

Nachgefragt bei Franziska Manetsch

Franziska Manetsch ist Architektin und Mitinhaberin von Manetschmeyer Architekten in Zürich.
 
Sie haben dem Projekt den Namen Fjäril, schwedisch: Schmetterling, gegeben. Was steckt dahinter?
Fjäril hat einen wunderschönen Wortklang und die Bedeutung Schmetterling ist unseren Erachtens nur positiv konnotiert. Der Schmetterling wird assoziiert mit Leichtigkeit, Freude und Hoffnung. Genau richtig also für eine Baute wie diese.
 
Wie entstanden die vielschichtigen Baukörper?
Die grundlegende Idee war es, eine innere Welt für diese Kinder zu schaffen und interessante Lichtführungen zu kreieren. Die Höfe haben eine lichtspendende Qualität und lassen attraktive Sichtbezüge zu. In den jeweiligen Geschossen können sie zudem als Aufenthaltsorte genutzt werden. Die Rücksprünge entstanden aus einer städtebaulichen Überlegung. Sie bewirken eine bessere Einfügung in die Topografie. Durch die optische Minimierung der Höhe wirken die Baukörper leichter und dem Massstab der Umgebung gerechter.
 
Die Funktionalität ist zentral. Was waren die Grundüberlegungen dazu?
Man ist beim Entwurf stark vom Nutzer aus¬gegangen und hat bezüglich Funktionalität ¬jegliche Kompromisse vermieden. So war es uns wichtig, Therapie und Schule für einen ¬optimalen Betrieb jeweils auf einem eigenen Geschoss unterzubringen. Die aktiven und ¬öffentlicheren Bereiche sind im Erd- und Untergeschoss untergebracht.
 
Was waren die Hauptschwierigkeiten der vorgegebenen umfangreichen Aufgabenstellung?
Es war ein sehr komplexes Programm zu ¬bewältigen, welches aber durch eine gute ¬Wettbewerbsvorbereitung erleichtert wurde. Der hohe Anspruch an die Funktionalität, die Kombination von verschiedensten Nutzungen, das Hineindenken in die Bedürfnisse der Benutzer und städtebauliche Aspekte schienen uns die Schwierigkeiten bei dieser Aufgabe zu sein. (ka)