Installationsplattform über den Tramschienen

Installationsplattform über den Tramschienen

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Teaserbild-Quelle: Fawad Kazi
Mit dem neuen als LEE bezeichneten Bau an der Leonhardstrasse nutzt die ETH eine der wenigen verbleibenden Möglichkeiten für eine bauliche Erweiterung. Wegen der dicht bebauten Umgebung bedeuten die Arbeiten eine logistische Herausforderung. Das Gewinnerprojekt «Yellow Submarine» stammt vom Zürcher Architekten Fawad Kazi.
 
Im kommenden Januar ist es so weit: Begonnen wird mit dem ETH-intern als «LEE» bezeichneten über 100 Millionen Franken teuren Neubau, in dem in erster Linie das Departement Management, Technologie und Ökonomie (D-MTEC) untergebracht sein wird.
 
Die Arbeiten bedeuten eine logistische Herausforderung: Weil in einer dicht bebauten Umgebung gearbeitet wird, müssen allerlei Vorkehrungen getroffen werden. Zurzeit werden die bestehenden ETH-Gebäude (LEA bis LED) an der Leonhardstrasse abgerissen. Ebenso sind in der angrenzenden Umgebung bereits kleinere Bauarbeiten für die Umlegung von Werk- und Erschliessungsleitungen sowie für Nebenbauwerke angelaufen.
 

Fünf Stockwerke unterirdisch …

Um die 22 Meter tiefe Baugrube für fünf unterirdische Stockwerke auszuheben, sind laut der Abteilung Bauten der ETH Zürich komplexe Bauplatzinstallationen nötig: Über der Leonhard-strasse und den Tramschienen wird – ähnlich wie beim Hauptbahnhof oder in anderen innerstädtischen Kontexten – eine Installationsplattform erstellt, die als Drehscheibe für den gesamten Warenumschlag dient. Die auf Stahlstützen stehende Plattform erstreckt sich über rund die Hälfte des zu erstellenden Gebäudes.
 
Die unmittelbar an den Neubau angrenzenden ETH-Bauten gilt es mit dem Neubau zu verbinden. Hierfür wird die nördliche Glashalle des CLA teilweise demontiert; diese ist deshalb bis zum Abschluss der Bauarbeiten nicht mehr zugänglich. Mit dem «Oberen Leonhard» nutzt die ETH Zürich eine der wenigen verbleibenden Möglichkeiten für eine bauliche Erweiterung von zusammenhängenden Nutzungsflächen im Zentrum. Das geplante Büro- und Seminargebäude basiert auf dem Masterplan «Zukunft des Hochschulstandorts Zürich-Zentrum» für die Entwicklung des Hochschulgebietes. Als Planungsgrundlage gilt der kantonale Richtplan für öffentliche Bauten und Anlagen im Hochschulgebiet Zürich-Zentrum aus dem Jahr 2007. Darin sind umfassende bauliche Entwicklungen mit grosszügigen Neubauten vorgesehen.
 

… und zehn überirdisch

Mit dem LEE-Neubau können mittels verdichteter Bauweise und guter Grundstückausnützung zusätzliche Nutzflächen für den Hochschulbetrieb realisiert werden. Der Neubau LEE signalisiert von Norden gesehen das Eintrittstor zum Hochschulquartier. Das ausgeschriebene Bauprojekt ist markanter als im ursprünglichen Entwurf des Projektwettbewerbs geplant: Aus der Mitte des dreistufigen Gebäudes erheben sich nun zehn Etagen. Entlang der Leonhardstrasse übernehmen die nördlich und südlich an das Hochhaus angrenzenden Teilgebäude die Höhenlinien der anschliessenden Nachbargebäude. Diese sorgfältige Abstufung ermögliche laut der Abteilung Bauten gezielte Durchblicke in die umliegende Nachbarschaft. Der Nachbarschaft kommen die Dachflächen der tieferen Gebäudeteile zugute, die als frei zugängliche Stadtgärten gestaltet werden.
 
Im Bereich des Gebäudes Naturwissenschaften West (NW) von Gustav Gull wird der Neubau in der Höhe markant zurückgenommen, hingegen im nördlichen Stirnbereich des Gebäudes CLA turmartig ausgebildet. Im Übergang zum Alt-EMPA-Gebäude LEO, das unter Denkmalschutz steht, wird die Höhenentwicklung wiederum zurückgenommen. Im Sockelbereich des Neubaus befindet sich im nördlichen Trakt das Weiterbildungszentrum mit Seminar- und Sitzungsräumen für den Hauptnutzer D-MTEC, der Mediensaal der Konjunkturforschungsstelle (KOF) und Büroräume für die Departementverwaltung, im südlichen Trakt das Informations- und Kommunikationszentrum des D-MTEC.
 
Besonders heben die Bauherren das innovative Tragwerkskonzept aus vorfabrizierten Betonelementen hervor, das stützenfreie Räume mit hoher Nutzungsflexibilität ermöglicht.
 

Änderungen in der Raumnutzung

Entgegen der ursprünglichen Idee wird die Graphische Sammlung nicht im nördlichen Gebäudetrakt einziehen. Stattdessen entsteht wie oben erwähnt im Sockelgeschoss das Weiterbildungszentrum mit Seminarräumen, das auch für öffentliche Nutzungen zur Verfügung steht. Auf die ursprünglich vorgesehene Tiefgarage wurde aufgrund der guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr verzichtet. Damit konnte mehr Raum für Archiv- und Lagerräume geschaffen werden. Ein Rechenzentrum wird im untersten Stockwerk Platz finden und mittel- bis langfristig Teile der bestehenden Rechenzentrum-Infrastrukturen im Zentrum ablösen.
 
In den Untergeschossen befinden sich nebst Technikräumen auch Lager- und Archivräume für verschiedene Nutzersegmente sowie das gegenüber dem Wettbewerbsprogramm vergrösserte Rechenzentrum. Die bestehende Zivilschutzanlage des Gebäudes CLA wird ersatzlos abgebrochen, um den vorhandenen Bauplatz optimal ausnutzen zu können. Zudem kann dadurch die Tragstruktur des Neubaus wesentlich vereinfacht werden (konstanter Lastabtrag).
 
Der Kenngottweg bleibt als öffentliche Wegverbindung erhalten. Hierfür wird er über- und unterbaut und mündet in eine neu zu gestaltende Treppenanlage. An der nördlichen Grenze der Baustelle wird zwischen der Leonhardstrasse und der Clausiusstrasse eine zusätzliche Wegführung ausgebaut: der Leonhardsteig, in Form einer dreiläufigen Treppenkaskade, die über das neue Anlieferbauwerk für das Gebäude NW führt. Für die Erstellung des Rohbaus in Elementbauweise und den Ausbau ist eine Dauer von 28 Monaten vorgesehen. Die Fertigstellung des Neubaus - und seinen Bezug in Etappen – ist für das Herbstsemester 2013 geplant.
 
Machbarkeitsstudien und Testplanungen unter Einbezug des Amtes für Städtebau der Stadt Zürich bildeten die Ausgangslage für den offen und zweistufig ausgeschriebenen Architekturwettbewerb. Aus den 38 eingegangenen Arbeiten wählte die Jury einstimmig das Projekt des Büros Fawad Kazi Architekt GmbH aus Zürich (siehe Kasten «Hintergrund»).
 

Fassade als selbsttragende Struktur

Die unterirdischen Geschosse werden in Ortbetonbauweise mit Flachdecken erstellt, die auf den Aussenwänden, den Kernwänden und einzelnen Innenstützen aufliegen. Die in Ortbeton erstellten Kerne führen vom Fundament bis zum Dach. Die Geschossdecken der oberirdischen Geschosse werden mit vorfabrizierten Rippenplatten erstellt, die den Grundriss in Querrichtung überspannen. Die horizontale Stabilisierung des Gebäudes gegen Wind- und Erdbebeneinwirkung erfolgt über die betonierten Kerne. Die horizontalen Lasten werden über die Kernwände abgetragen, die in die Decke über dem Geschoss B und in die Bodenplatte des Geschosses Y eingespannt sind.
 
Die Fassade des Gebäudes besteht aus vorfabrizierten zweigeschossigen Betonelementen, die eine Breite von 2,8 Metern aufweisen. Die Fassade wird als selbsttragende Konstruktion ausgeführt, die über Zug- und Druckanker horizontal gehalten wird.
 
Das Gebäude wird in Längsrichtung durch drei Gebäudekerne strukturiert. Ein aktiver Kommunikationsaustausch zwischen den einzelnen Professuren wird durch das zentrale Treppenhaus und die bei den Ausgängen zu den Dachgärten gelegenen, gemeinsam genutzten Aufenthaltsräume gefördert. Die sich zwischen den Gebäudekernen erweiternden Korridore können als Kombibüro oder Sprechzonen ausgebildet werden. Verglaste Korridorfronten ermöglichen Transparenz. Sämtliche Geschossflächen in den Büroetagen sind flexibel unterteilbar und basieren auf einem Grundraster von 1,4 Metern.
 

Nachhaltigkeitslabels

Die Zielvereinbarungen im Bereich Nachhaltigkeit basieren auf der Empfehlung SIA 112/1 Nachhaltiges Bauen – Hochbau und umfassen somit sämtliche Kriterien des nachhaltigen Bauens. Der Neubau erfüllt die Anforderungen des Standards Minergie und des Labels «Gutes Innenraumklima». Zusätzlich wird der Bau nach den Grundlagen gesunder und ökologischer Bauweisen erstellt und damit das Label Minergie-Eco mit Zertifizierung erreicht. Den Kriterien Licht, Lärm und Raumluft wird spezielle Aufmerksamkeit geschenkt. (sz/pd)