Im Geiste des Originals

Im Geiste des Originals

Gefäss: 
Beschädigte Pfähle haben das Schicksal der Fischstube am Zürichhorn besiegelt. Sie wird abgebrochen und macht einem Ersatzneubau Platz, der sich am Vorgänger des bestehenden Bauwerks orientiert. Den Projektwettbewerb konnte das Team um Architekt Patrick Thurston für sich entscheiden – mit einem Entwurf, der vom Verständnis für traditionelle Handwerkskunst zeugt.
 
 
Die Fischstube gehört zum Zürichhorn wie die Sechseläutenwiese zu Zürich.» Mit diesen Worten unterstrich Stadträtin Kathrin Martelli vom Zürcher Hochbauamt an der Präsentation des Siegerprojekts für den Ersatzneubau der Fischerstube die Bedeutung, die sie der Holzbaute am und über dem Zürichsee beimisst.
 
Falls aufmerksame Leser einen Schreibfehler entdeckt zu haben meinen, seien sie eines Besseren belehrt: «Fischerstube» war nämlich der ursprüngliche Name des Gebäudes, die Namensänderung zur heutigen «Fischstube» erfolgte später. Und nicht nur der Name entspricht nicht mehr dem Original, handelt es sich beim bestehenden Bauwerk doch bereits um einen Ersatz für die 1956 durch einen Brand zerstörte Fischerstube.
 
Nun soll (fast) alles so werden wie früher. Der Auftrag an sechs zum Wettbewerb geladene Architekturbüros lautete, ein «wesensgleiches» Bauwerk zur ursprünglichen Fischerstube zu gestalten – die auch wieder so heissen soll. Ende Januar wurde das Siegerprojekt vor Ort der Öffentlichkeit vorgestellt. Es stammt aus der Feder des Berner Architektenbüros Patrick Thurston.
 
Ursprünglich entstand die Fischerstube als provisorische Restaurationsbaute für die Landesausstellung von 1939. Die bestehende Ersatzbaute von 1957 ist seither mehrfach baulich verändert worden; ihr wird geringere architektonische Qualität attestiert (siehe «Hintergrund» auf Seite 9). Zudem nagt der Zahn der Zeit unaufhaltsam am Gebäude. Die Zustandsuntersuchung kam zu einem vernichtenden Urteil. «Die Beschädigung der im Seegrund verankerten Pfählung ist irreparabel», erklärte der Direktor der Liegenschaftsverwaltungen der Stadt, Arno Roggo. Auch die Gebäudetechnik sei am Ende ihrer Lebensdauer, und die Holzkonstruktion des Dachs müsste verstärkt oder ersetzt werden.
 
Entsprechend kam nur ein Ersatzneubau infrage. In einem frühen Stadium der Planung zeigte sich auch, dass die Kosten für den Neubau kaum durch den Restaurationsbetrieb zu decken sein würden. Wohl auch deshalb zog sich die Besitzerfamilie, die über ein in diesem Jahr auslaufendes Baurecht auf dem Areal verfügt (und eine ebenfalls auslaufende Konzession für die über dem See liegenden Gebäudeteile), frühzeitig aus dem Projekt zurück.
 
Die Fischerstube ist Teil eines Ensembles, zu dem auch die Fischerhütte – noch im Original vorhanden und denkmalgeschützt – sowie das 1940 erstellte Gartenbuffet gehören. Auch Hütte und Buffet sind sanierungsbedürftig, können aber erhalten bleiben.

Wesensgleichheit statt Replikation

Ursula Müller, stellvertretende Direktorin des Amts für Hochbauten und Vorsitzende des Preisgerichts, umriss die Ausgangslage des Wettbewerbs wie folgt: «Die Anforderung bestand darin, eine zeitgemässe Reaktion auf die bestehenden Bauten und die Vorgabe des Strohdachs zu finden.» Zeitgemäss heisse dabei auch, dem Thema Energie Aufmerksamkeit zu widmen. Konsequenterweise sieht das Siegerprojekt, das den Namen «Fischers Lust» trägt, einen Neubau gemäss Minergie-Eco-Standard vor.
 
Der Ersatzneubau soll in anderen Worten dem Original wesensgleich sein, gleichzeitig aber den heutigen Anforderungen bezüglich Betrieb, Sicherheit und Nachhaltigkeit genügen. Mit dem Begriff der «Wesensgleichheit» forderte die Jury eine Auseinandersetzung mit der Landi-Architektur von 1939 und die Übersetzung derselben in einen zeitgemässen Bau.

«Ehrliches» Siegerprojekt

«Fischers Lust» erfüllt gemäss Müller diese Vorgaben am besten. «Für das Siegerprojekt sprachen seine Ehrlichkeit im Umgang mit der klassischen Zimmermannskunst», lobt die Jury den Entwurf, der die Architektur der originalen Fischerstube aufnimmt und die Jury mit seiner Zeitlosigkeit zu überzeugen vermochte.
 
Die Auseinandersetzung mit der Tradition bezeichnet Patrick Thurston im Interview denn auch als grösste Schwierigkeit beim Entwurf. Nicht nur die Holzkonstruktion, sondern besonders auch das Strohdach stellte die geladenen Architekten vor eine Herausforderung. «Mir ging es darum zu begreifen, was ein Strohdach ist», meint Thurston dazu und fügt an: «Um wirtschaftlich zu sein, muss das Dach schnell trocknen, also steil sein.» Weiter sei etwa bei der Materialwahl ein Stroh aus starkem Schilf gefragt, weshalb dieses von einem nährreichen Boden stammen sollte.

Tradition und Moderne unter einem Dach

Getragen wird das Dach von zwei Stützenreihen, die dem Innenraum eine dreischiffige Struktur verleihen. Neben dem Restaurant entstehen eine Lounge sowie eine durch das weit auskragende Dach geschützte Veranda. Der zukünftige Restaurationsbetrieb kann so verschiedenen Kundenbedürfnissen entsprechen. Dabei wird er über 150 Sitzplätze im Inneren und 200 Gartensitzplätze verfügen.
 
Trotz Anlehnung an traditionelle Bauweisen wird die neue Fischerstube den strengen Anforderungen des Minergie-Eco-Standards genügen. Im Kleid eines Oldtimers entsteht so eine moderne Gastronomie-Baute, die neu auch im Winter frischen Fisch auftischen kann.
 
Während sich die Jury in ihrem Bericht begeistert zeigt von der Konstruktion des Gebäudes, übt sie Kritik an der räumlichen Disposition im Verhältnis zu den anderen Bauten. Dieser Aspekt wird in die Weiterbearbeitung des Projekts einfliessen. Weitere Aspekte sind die Betriebsabläufe und -einrichtungen, die es zusammen mit dem künftigen Mieter des Restaurants zu entwickeln gilt.

Wiedereröffnung für 2013 geplant

Diesen März befindet der Stadtrat über den Projektierungskredit, im nächsten Jahr der Gemeinderat über den Baukredit. Bis dann sollen das überarbeitete Projekt und ein genauer Kostenvoranschlag vorliegen – gemäss heutiger Schätzung wird der Bau rund zwölf Millionen Franken kosten. Rund zwei Millionen sind davon für die Parkanlage und die Uferbefestigung vorgesehen.
 
Läuft alles nach Plan, kann der Bau im Jahr 2012 beginnen und die Wiedereröffnung des Restaurants im Jahr darauf erfolgen. Diesen Sommer besteht also noch ein letztes Mal die Möglichkeit, den Fang des Tages in der alten Fischstube zu kosten. Saisoneröffnung ist am 23. April. (Luca Rehsche)
 

Nachgefragt bei Patrick Thurston, Architekt

Der Architekt Patrick Thurston lebt in Bern, ist aber in Zürich aufgewachsen. Seinen Entwurf «Fischers Lust» krönte die Jury zum Sieger des Projektwettbewerbs.
 
Sie leben in Bern, sind aber in Zürich geboren. Was bedeutet es für Sie, an dieser prominenten Lage am Zürichhorn bauen zu können?
Patrick Thurston: Natürlich hat die Heimkehr zu den Wurzeln etwas Romantisches an sich, was auch mich berührt. Trotzdem fühle ich mich als «Weltenbürger» und als solcher begeisterte mich die Aufgabe von allem Anfang an. Die Lage, aber auch die geschichtlichen Bezüge sowie die Aufgabe als Ganzes sind einmalig. Die Stadt Zürich beschreitet Neuland mit dem Ziel, einen «wesensgleichen» Neubau für die Fischerstube zu erstellen.
 
Worin bestand für Sie die grösste Herausforderung beim Entwurf?
Die Auseinandersetzung mit der Tradition – im vorliegenden Fall die Landi-Architektur von 1939 – ist ein Thema, das sich vorerst eher sperrig anfühlt und zu keinen grossen architektonischen Gesten führt. Im Verlauf der Arbeit am Projekt wuchs der Respekt für die räumlichen Qualitäten, die die Architekten Kündig und Oetiker 1939 geschaffen haben.
Unter dem immensen Strohdach sollen Räume unterschiedlichster Stimmungen entstehen – Veranda, Gaststube, Lounge –, die mit dem Charakter eines Strohdachhauses eine Einheit bilden. Gestalterische Zurückhaltung prägt auch unsere Konzeption für das Ensemble von Fischerstube, Fischerhütte und Gartenrestaurant.
 
Strohdächer werden hierzulande kaum mehr gebaut. Woher nahmen Sie das entsprechende Know-how?
Richtig, das Handwerk der Strohdachdecker ist bei uns verstummt. Trotzdem kann man in den letzten Zeugen dieser Bautradition vom Wissen und Geist dieser Strohdachbauten lesen. Das Projekt für die Fischerstube verwendet den handwerklichen Dialekt der Strohdacharchitektur. Es folgt den Gesetzmässigkeiten der Materialien und den Anforderungen eines Bauwerks auf dem See. Und es setzt auf die Kraft einer Architektur, die einfache aber stimmungsvolle Räume schafft. (re)