Gross, vielschichtig, grün

Gross, vielschichtig, grün

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Teaserbild-Quelle: zvg
In Rotkreuz entsteht ein riesiges Quartier mit Wohnungen, Büros und einer dorfähnlichen Infrastruktur. Hohe Dichte, unterschiedliche Architektursprachen und ein zukunftsweisendes Energiekonzept sind die Kernthemen der Suurstoffi.
 
Noch stehen die zwei alten Fabrikhallen etwas verloren in der Landschaft. Sie haben Schweizer Industriegeschichte geschrieben und sind im Volksmund als Suurstoffi bekannt. Denn hier in Risch-Rotkreuz ZG wurde ab 1909 reiner Sauerstoff produziert. Mitte der 80er-Jahre kam die Produktion zum Stillstand, und das Areal lag viele Jahre brach. Doch nun wird dem Gebiet neues Leben eingehaucht. Bald erhalten die Industriezeugen Gesellschaft – und eine neue Funktion.
 
In Etappen entsteht hier ein Stadtteil, der 600 Wohnungen und bis zu 2500 Arbeitsplätzen bieten wird. Das Areal umfasst stolze 100 000 Quadratmeter und liegt direkt neben dem Bahnhof Rotkreuz, dem Drehkreuz zwischen Luzern und Zug. «Mit der Suurstoffi gestalten wir im Kanton Zug ein weiteres Stammareal», sagt Hannes Wüest, Verwaltungsrat der MZ-Immobilien AG. Sie ist Bauherrin des Projektes und hat einen Studienauftrag durchgeführt. In der ersten Etappe entstehen bis Anfang 2012 230 Mietwohnungen und 13 000 Quadratmeter Geschäftsflächen. Rund 150 Millionen Franken will das Unternehmen für diesen Schritt investieren. Neben Wohn- und Arbeitsraum sind in einer zweiten Etappe auch Restaurants, Läden, Sport- und Freizeitanlagen und Parks geplant. Der Zugersee und der Golfplatz der Migros befinden sich nur einen Katzensprung von der Suurstoffi entfernt. Auch die beiden alten Fabrikhallen werden ins junge Quartier miteinbezogen. «Die sympathischen und nicht unter Schutz stehenden Gebäude werden zum Quartiertreffpunkt und zur Kindertagesstätte umgebaut», sagt Rony Amrein, der für die Vermarktung des Projekts bei MZ-Immobilien zuständig ist.
 
In einer zweiten Etappe, die zurzeit in der Planungsphase ist, kommen weitere 130 Wohnungen und etwa 9000 Quadratmeter Dienstleitungsfläche hinzu. Die Bauarbeiten werden voraussichtlich 2012 beginnen und bis 2014 dauern. Die dritte Etappe auf dem Ostareal schliesslich, wird zwischen 2012 und 2016 in Angriff genommen. Momentan ist ein Bebauungsplan in Bearbeitung. Allein die Dimensionen sind spektakulär, doch es gibt noch weitere Besonderheiten des Projekts. Die erste zeigt sich bereits heute auf der Baustelle. Hier wird momentan gebohrt und gebohrt, immer tiefer ins Erdreich hinein. Über 220 Erdsonden werden dereinst unsichtbar und als Teil des gebäudeübergreifenden Anergienetzes für die Suurstoffi Energie liefern. Keinen Tropfen Erdöl wird das riesige Quartier benötigen. Es ist damit eine der grössten CO2-freien Überbauungen der Schweiz.

Für Singles und Grossfamilien

Unkonventionell ist nicht nur das Energie-, sondern auch das Wohnungskonzept. Vielfalt und Durchmischung heisst das Motto. «Insgesamt haben wir etwa 160 verschiedene Grundrisse geplant», sagt Rony Amrein. Dazu gehören kleine Studios über klassische Familienwohnungen bis hin zu übergrossen Lofts für Wohngemeinschaften von bis zu zehn Personen. «Den unterschiedlichen Ansprüchen in den verschiedenen Lebensphasen wird damit Rechnung getragen: Die Bewohner können im gleichen Quartier umziehen», unterstreicht Amrein. Die MZ-Immobilien strebt damit eine gute Durchmischung an: «Die Suur-stoffi soll Lebensraum für Jung und Alt, für Singles und Wohngemeinschaften bieten.» Die Vielfalt zeigt sich auch in der Architektur. Zwei renommierte Büros drücken den Baufeldern 2 und 5, die zurzeit im Bau sind, ihren Stempel auf: Lussi + Halter Architekten Luzern haben Wohnbauten entworfen. Die Formensprachen sind unterschiedlich und bilden dennoch eine Einheit. Wohnungen mit doppelgeschossigen Loggias und Maisonette-Wohnungen gehören beispielsweise zu den Wohnungstypen. «Aus der relativ rigiden vorgegebenen Bebauungsplanstruktur, die im Wesentlichen eine Zeilenbauweise vorsieht, konnten Lussi + Halter die Gebäude so volumetrisch ausbilden, dass diese eine mehrseitige Ausrichtung erhalten haben», sagt Kim Riese, Projektleiter bei MZ-Immobilien. Die Aussenraumgestaltung übernimmt das renommierte Büro Hager Partner AG, Generalplaner ist Sulzer + Buzzi Baumanagement.
 
Infos Suurstoffi
 
Auf dem Baufeld 5, das neben den Gleisen liegt, kamen Holzer Kobler Architekturen zum Zug. Sie haben einen Bürokomplex und zwei Gebäude mit gemischter Nutzung entworfen. Dank der vielschichtigen Form erhalten die massiven Baukörper eine erstaunliche Leichtigkeit (siehe «Nachgefragt»). Jede Wohnung verfügt über einen individuellen Grundriss und einen eigenen Aussenraum, sei es eine Loggia, ein Dachgarten mit einem Pavillon oder sonst eine Oase. So wird der neue Stadtteil nicht nur im ökologischen, sondern auch im landschaftlichen Sinn grün. (ka)
 
 

Energie aus dem Erdreich

 
Das Riesenareal Suurstoffi funktioniert CO2- und schadstofffrei. In der Überbauung wird der bisher grösste Erdspeicher mit Anergienetz in der Region Zentralschweiz gebaut. «Mit diesem Konzept der Energieversorgung wird erreicht, dass die gesamte benötigte Energie für das Quartier mit seinen rund 150 000 Quadratmetern Nutzfläche vollständig vor Ort erzeugt wird», sagt Kim Riese, Direktor der MZ-Immobilien AG, die Bauherrin der Suurstoffi ist. «Es wird keine externe Zufuhr von Wärmeenergie benötigt.»
 
Die Anergie-Technologie basiert auf der saisonalen Wärmespeicherung im Erdreich und dem Einsatz solarstrom-betriebener Wärmepumpen. Es handelt sich um ein sogenannt geschlossenes Anergienetz, das aus einem Warmleiter (Vorlauf) und einem Kaltleiter (Rücklauf) besteht. Über dieses Netz kann die Abwärme, zum Beispiel von Kühlgeräten oder Klimaanlagen aus einem Gebäude aufgenommen und einem anderen Haus wieder zur Nutzung, etwa zur Warmwasseraufbereitung, zugeführt werden. Bei der Überbauung Suurstoffi ist die gemischte Nutzung ein Vorteil für das Anergienetz, weil das Wohnen einen höheren Wärmebedarf als Büro- und Gewerbenutzungen hat. Diese wiederum haben eher einen
hohen Kühlbedarf. Durch die Abgabe der überschüssigen Wärmeenergie, die durch das Kühlen verursacht wird, kann der Wärmebedarf der Wohnungen grösstenteils abgedeckt werden.
Zurzeit sind die Bauarbeiten im Erdreich im vollen Gang. 220 Erdsonden werden 150 Meter tief in den Boden gebaut. Ein Projekt mit Pionier-
charakter. Deshalb wird es wissenschaftlich begleitet. Das Zentrum für integrale Gebäudetechnik der Hochschule Luzern überwacht das Anergienetz und liefert dem Investor MZ-Immobilien Grundlagen für kontinuierliche Verbesserungen. «Der Kanton Zug begrüsst es, wenn alle Möglichkeiten des ökologischen Bauens ausgelotet werden», sagt Heinz Tännler, Baudirektor des Kantons Zug. Aus diesem Grund hat die Baudirektion beschlossen, das Nach-
haltigkeitskonzept der Überbauung Suurstoffi mit 125 000 Franken zu unterstützen. (ka)