Faszinierendes Faltwerk

Faszinierendes Faltwerk

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Teaserbild-Quelle: zvg
Livio Vacchini war ein Anhänger der Ingenieurskunst, die in seinem Werk eine zentrale Rolle spielt. Das Sportgebäude Mülimatt, das nach dem Tod des Tessiner Architekten erbaut wurde, zeugt davon. Die Faltwerkstruktur in Spannbeton ist einzigartig und war eine Herausforderung für alle Beteiligten.
 
 
Wie ein Film zieht die Landschaft vorbei.Aareufer, sanfte Hügel, Dörfer rücken ins Bild und sind im Nu wieder verschwunden. Die Kulisse für Bahnreisende zwischen Turgi und Brugg bietet nicht nur landschaftliche, sondern auch einen architektonischen Leckerbissen: das neue Sportausbildungszentrum Mülimatt. Es ist der erste Meilenstein zum Campus der FHNW (Fachhochschule Nordwestschweiz) und des BWZ (Berufs- und Weiterbildungszentrums) in Brugg. Der Komplex besteht aus zwei unterteilbaren Dreifachturnhallen und weiteren kleineren Turnräumen, einer Tribüne sowie Nebenräumen für den Unterricht. «Es macht Spass, hier Sport zu treiben», sagt Sportdozent und Mitglied der Baukommission Guido Perlini. «Wenn Sie drinnen stehen, erleben Sie die lichtdurchflutete Halle in unmittelbarer Nähe zum idyllischen Aareufer.» Das angenehme Raumgefühl hat verschiedene Gründe: Erstens zerteilen keine Tragstützen die 55 x 80 Meter grosse Halle. Zweitens schafft die ungewöhnliche Konstruktion einen engen Bezug zur Umgebung und holt viel Tageslicht ins Innere.

«Einladung an den Himmel»

Mit dem Faltwerk konnte die beachtliche Spannweite stützenfrei überbrückt werden. Die Konstruktion hat somit eine Trägerfunktion, andererseits wirkt sie selbst wie eine Skulptur in der Landschaft. Fast 15 Meter ragen die Stelen in die Höhe. Die Konstruktion sei eine «Einladung an den Himmel», sagt uns Eloisa Vacchini, die Tochter des grossen Architekten (siehe Nachgefragt auf Seite 37 und Hintergrund). Es verläuft horizontal und erinnert entfernt an eine Ziehharmonika. Im Falz der Fassaden-Stelen wird das Regenwasser gesammelt und zum Boden geführt. Von fern betrachtet wirkt die Sporthalle wie ein Monolith. Er lässt kaum erahnen, dass für den Bau 135 vorgefertigte Betonteile, die zwischen 40 und 50 Tonnen wiegen, präzise platziert und zusammengebaut werden mussten. Ein nicht alltägliches, komplexes Bauvorhaben, das alle Beteiligten forderte.

Betonteile als Knacknuss

Der Bau ist das Resultat eines Studienwettbewerbes, den die Bauherren (Stadt Brugg und Kanton Aargau) durchführten. 2005 ging Livio Vacchinis Entwurf, den er in enger Zusammenarbeit mit dem Bauingenieur Massimo Laffranchi ausgearbeitet hatte, als Siegerprojekt hervor. In einem klassischen Konkurrenzverfahren wählte der Auftraggeber dann ein geeignetes Generalunternehmen aus. Der Zuschlag ging an die Arigon Generalunternehmung. Die Zürcher Firma mit 30 Mitarbeitern hat sich seit der Gründung vor fünf Jahren einen Namen mit diversen Grossaufträgen gemacht. «Unser Ziel ist es, Projekte qualitätsbewusst, nachhaltig und effizient zu realisieren und so zum Erfolg zu führen», beschreibt Geschäftsführer Alex Brotzer die Firmenphilosophie. Einen Vorteil seines Unternehmens sieht er in der überschaubaren Grösse und in der erfahrenen Crew. «Es gibt Mitarbeiter, die schon seit 25 Jahre für uns beziehungsweise für unsere Vorgängerfirma arbeiten. Wir sind ein eingeschworenes Team», so Brotzer. Alle Aufträge,
jeder mit unterschiedlichen Eigenheiten, werden mit derselben Sorgfalt angegangen, betont der Arigon-Chef: «Unser Ziel ist es, aus jedem Projekt eine Referenz zu machen».
 
Im Falle des Sportausbildungszentrums stellte die Komplexität des Baus, aber auch die Zeitvorgabe Arigon vor grosse Herausforderungen. In knapp zwei Jahren sollte der Bau fertiggestellt werden. Wenig Zeit, um das Gebäude in der geforderten Qualität zu realisieren. Zunächst galt es, entsprechende Partnerfirmen mit dem notwendigen Know-how zu evaluieren. Eine Kernrolle spielte die Element AG in Veltheim, die die Betonelemente vorfabrizierte. Dazu wurden Stahlschalungen benötigt, die aus einem Spezialwerk aus Frankreich kamen. Zwei Schalungen waren für die Herstellung der Träger im Einsatz, zwei weitere für die Stützen. Die Fertigung der vorfabrizierten Elemente dauerte rund fünf Monate. Von Veltheim aus wurden sie mit Spezialtransportern etappenweise nach Windisch gefahren. Bis zu eineinhalb Stunden dauerte es, um eine Stele zu positionieren. Pro Tag konnten so höchstens acht Elemente errichtet werden. Aus Sicht des Generalunternehmens war die grösste Knacknuss die Frage, ob die Betonteile rechtzeitig und in der
gewünschten Qualität produziert und geliefert werden konnten. Dazu brauchte es einen engen Austausch mit Bauherren, Bauingenieuren und Architekten sowie eine präzise Koordination der rund 25 beteiligten Unternehmen.
 
Im September wurde das neue Sportausbildungszentrum eingeweiht. Ein grosser Tag für Architekturfans, Anwohner und Arbeiter. «Unsere beteiligten Mitarbeiter sind sehr stolz auf das Werk und kamen zum Teil mit ihren Familien zur Eröffnung», sagt Alex Brotzer. «Wir wollten ein Bijou bauen, und es ist uns gelungen», freut sich Brotzer. (ka)
 
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