Eingefügt ins Herz der Stadt

Eingefügt ins Herz der Stadt

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Ein Bau mit Symbolcharakter und einem markanten asymmetrischen Dach inmitten des historischen Stadtteils «Cité»: So stellt sich das Lausanner Architekturbüro Atelier Cube in Zusammenarbeit mit den Architekten Bonell & Gil aus Barcelona das künftige waadtländische Kantonsparlament vor.
 
«Wir haben uns für einen gewagten Entwurf entschieden, der dem Parlament mehr Präsenz verleiht, als dies bei einem zurückhaltenderen Projekt der Fall wäre», erklärte Alt-Nationalratspräsident und Mitvorsitzender der Jury Yves Christen im Juni 2009 im Jurybericht. Der architektonische Beitrag von Atelier Cube und Bonell & Gil vermochte die Jury am meisten zu überzeugen.
 
Ein asymmetrisches, pyramidenähnliches Dach wird künftig das Bild der Lausanner Altstadt prägend verändern, und doch fügt sich das von Weitem sichtbare Gebäude harmonisch in die mittelalterlichen Mauern des geschichtsträchtigen Viertels ein. Genau darin liegt wohl auch eine der grössten Stärken des Siegerprojekts «Rosebud», gehörte doch die Integration ins Stadtbild zu den wichtigsten Bewertungskriterien für die sechs Wettbewerbsbeiträge, die in die engere Wahl kamen. Schliesslich wird das zukünftige Parlamentsgebäude nicht auf der grünen Wiese errichtet. Es wird auf den Ruinen seines Vorgängers erbaut, einem klassizistischen Bau aus dem Jahre 1803 von Alexandre Perregaux. Gewisse charakteristische Merkmale dieses Gebäudes, das 2002 bei einem Brand fast vollständig zerstört wurde, mussten mit Bedacht einbezogen werden. Vor allem die Fassade von einem der ersten grossen klassizistischen Bauwerke im Kanton Waadt galt es zu berücksichtigen. «Sie hat einen grossen historischen und symbolischen Wert. Zusammen mit der Schlossterrasse und dem Schloss bildet sie ein starkes und repräsentatives Zentrum des kantonalen Lebens. Sie wurde beim Brand kaum beschädigt, doch die ungenügende Statik wird vermutlich gewisse Eingriffe erfordern.
 
Die Eingangshalle, das so genannte Peristyl, ist ein weiterer erhaltenswerter Gebäudeteil, da er mit einem aussergewöhnlichen Mosaikboden versehen ist, wie er im Kanton Waadt nur selten vorkommt. Die übrigen Gebäudeteile wurden beim Brand zum grössten Teil zerstört. Mit Ausnahme der Gebäudestruktur aus dem Mittelalter: Tragwerk und Gebälk sind noch gut erhalten und zeugen von der historischen Vergangenheit des Standorts, der seit jeher für öffentliche Gebäude genutzt wurde.
 
«Der Wiederaufbau und die Modernisierung des Grossratsgebäudes stellen eine grosse städtebauliche, architektonische und politische Herausforderung für den Kanton und seine Hauptstadt dar», hält Yves Christen im Jurybericht fest. «Deshalb machten Regierung und Parlament als Bauherren strikte Vorgaben, deren Umsetzung nicht gerade leicht erschien: Das Projekt sollte sich in das Stadtbild integrieren, historische Gebäudeteile erhalten und gleichzeitig den Anforderungen eines modernen Parlamentsbetriebs entsprechen sowie höchsten architektonischen, wirtschaftlichen und ökologischen Ansprüchen genügen.»
 
Das Projekt «Rosebud» wird dem Bedürfnis nach einem modernen und funktionalen Gebäude in besonderem Mass gerecht. Der Grossratssaal ist dank einem natürlichen Oberlicht und grossen Fenstern lichtdurchflutet. «Das neue Parlamentsgebäude soll Offenheit und Transparenz symbolisieren, ohne das historische Erbe zu vernachlässigen. Das Eigenleben des Saals, der Wandelhalle und der angrenzenden Räume muss von aussen wahrnehmbar sein», liest man auf der Website des Parlaments. Um diesen Austausch zwischen den Bürgern und der Politik zu fördern, entsteht auf Höhe des Schlossplatzes ein Gartenrestaurant. Unter Platanen und mit Blick über die Dächer der Stadt ist die öffentliche Gaststätte ein Ort der Begegnung für Besucher, Touristen und Grossräte. Der nachhaltigen Entwicklung wird durch den sehr geringen Energieverbrauch und den Einsatz von ökologischen Baustoffen Rechnung getragen.
 
Das Vorhaben befindet sich zurzeit in der Projektierungsphase. Einige Punkte wie die Realisierung des Dachs, die Integration des Gebäudesockels aus dem Mittelalter und die Ausmasse des neuen Arbeitsplatzes der Parlamentarier müssen noch geklärt werden. Gleichzeitig mit der Detailplanung wird ein kantonaler Nutzungsplan erstellt und parallel dazu der Objektkredit für den Sommer 2010 beantragt. Bis im Sommer 2012 soll das neue Gebäude dann fertiggestellt sein. (Emilie Veillon)
 

Die Geschichte eines Hügels

Der historische Lausanner Stadtteil «Cité» liegt auf einer Erhebung zwischen den beiden Flüssen Flon und Louve, einem Hügel mit idealen Bedingungen für eine menschliche Besiedlung. Die frühesten Siedlungsspuren stammen aus dem Mesolithikum (4. Jahrtausend v. Chr.). Im Mittelalter umfasste eine Stadtmauer mit fünf Toren die Cité. Zwei Hauptachsen, die heutigen Strassen «Cité-devant» und «Cité-derrière», verbanden die Kathedrale (13. Jahrhundert) mit dem Schloss Saint-Maire (14. Jahrhundert).
 
Als im Jahr 1803 das Waadtland seine Unabhängigkeit erlangte, übernahm der Kleine Rat, das damalige Exekutivorgan, die Aufgabe, im Schloss einen Versammlungsraum für den Grossen Rat zu finden, der am 14. April desselben Jahres zum ersten Mal tagte. Am 24. April stellte der Architekt Alexandre Perregaux sein Projekt für den Bau des neuen Parlamentssitzes in den Mauern des ehemaligen Kapitelhauses gegenüber dem Schloss vor. Am 6. Mai beauftragte der Kleine Rat den Architekten mit der Umsetzung seines Projekts und im Mai 1804, ein knappes Jahr nach der Kantonsgründung, konnte das neue Gebäude bezogen werden.
 
Der klassizistische Bau sah ursprünglich eine Säulenhalle mit vier Säulen und zwei seitlichen Flügeln vor. Offenbar wurde nur einer der Flügel erstellt und 1833 anlässlich der Errichtung des Kantonsgerichtsgebäudes (heute das Haus Place du Château Nr. 6) wieder abgerissen. Das Hauptgeschoss zeichnete sich durch eine durchlässige Raumfolge aus, die zum Grossratssaal führte und zur Achse der Eingangsfassade stufenweise versetzt war. Perregaux gelang es, die bestehenden Grundmauern aus dem Mittelalter geschickt zu nutzen und eine subtile symbolische und formale Verbindung zwischen dem Schloss als Sitz der Exekutive und dem Parlamentsgebäude als Sitz der Legislative zu schaffen. (EV/Stadt Lausanne)