Eine Einheit aus Belle Epoque und moderner Bautechnik

Eine Einheit aus Belle Epoque und moderner Bautechnik

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Teaserbild-Quelle: Eric Kocher
Lange stand das 1873 erbaute Hotel National leer. Nun zeigt sich der Bau wieder in vollem Glanz – nach einem Umbau, bei dem Bestehendes sorgsam restauriert und mit modernen Elementen ergänzt wurde.
 

Seit einigen Monaten schon thronen die noblen Residenzen im National über dem Genfersee. Modernste Bautechnologien bilden hier eine Einheit mit der Hotelarchitektur der Belle Epoque. Die vier Neubauten, die ebenfalls Teil des Gesamtprojektes waren, und der Komplex der Arcades entlang der Avenue du Casino wurden bereits Ende 2009 fertig gestellt, nicht aber das ehemalige Hotel National, das leicht zurückversetzt, nahe an den Bahngeleisen, den Mittelteil bildet. Eine entschieden zeitgenössische Eingangspartie ersetzt das ehemalige Entrée des Hotels. «Dieses moderne Element soll symbolisch auf die neue Nutzung des Gebäudes verweisen und gleichzeitig einen Bezug zwischen den vier Neubauten und dem historischen Bau herstellen», erklärt Joe Filippone, projektverantwortlicher Architekt und Chef des Büros Archi-DT SA in Montreux.


Die 15 Einheiten mit Flächen zwischen 150 und 600 Quadratmetern sollen demnächst übergeben werden, mit Ausnahme der zweigeschossigen Attikawohnung, die auf Ende Jahr fertig gestellt wird. Der Architekt erläutert: «Die Gesamtsanierung dieses Gebäudes ist äusserst anspruchsvoll und bedingt regelmässige Absprachen mit der Denkmalpflege. Die Situation ist kompliziert, denn sowohl für die auszuführenden Arbeiten als auch für die Detail- und Ausführungsplanung braucht es – neben dem unsrigen – immer auch das Einverständnis der Bauherrschaft, der Denkmalpflege und des Generalunternehmers.» Die Beteiligten zielten von Anfang an nicht auf eine komplette Wiederherstellung sondern auf eine Restauration dieses kulturhistorischen Schmuckstücks. Das Gebäude stand annähernd 20 Jahre leer, bis der Investor Blaise Carroz es vor knapp zehn Jahren kaufte, um darin Luxusresidenzen zu realisieren.
 
«Noblesse oblige», das ehemalige Hotel wurde absolut epochengerecht restauriert. Der Charme der Belle Epoque ist jedoch vor allem im Erdgeschoss spürbar, in den imposanten alten Sälen für grosse Empfänge mit ihren Wandmalereien und Raumhöhen von vier Metern. Damit er beim Einbau der drei Wohnungen die ganz spezielle Volumetrie der aussergewöhnlichen Räume erhalten konnte, integrierte der Architekt Kisten für die Nassräume, die gleichzeitig als Raumteiler funktionieren. Joe Filippone erläutert das Konzept: «Je nach Wunsch, klassisch oder modern gestaltet, sind sie ganz losgelöst von der bestehenden Substanz und berühren weder die Decken noch die Wände. Eine transparente Glasplatte schliesst aus schalltechnischen Gründen die Kiste oben Decke ab. So kann das ursprüngliche Raumvolumen immer noch wahrgenommen werden. Die Durchgänge werden mit Schiebetüren geschlossen.» Die Einbauten wurden so konzipiert, dass sie wieder entfernt werden können, falls zukünftige Generationen diese grossen Räume in den Originalzustand zurückführen möchten.
 
Mit den Wandmalereien wurde unterschiedlich verfahren. Das Atelier Saint-Dismas SA hat schichtweise fotografische Bestandesaufnahmen gemacht und die verschiedenen im Laufe der Jahrzehnte aufgemalten Motive analysiert, um entscheiden zu können, welche restauriert werden sollen. «In der Ost-Wohnung werden die Malereien aus den 30er-Jahren wiederhergestellt. Im Westappartement hingegen, werden Motive im napoleonischen Stil reproduziert», erläutert Joe Filippone. Die Stuckaturen der Decken in der Ostveranda wurden ebenfalls restauriert, das heisst, sei wurden entfernt und identisch wieder rekonstruiert. «Von solchen Aufträgen, die immer seltener werden, konnten talentierte Handwerker aus der Region profitieren, wie das Atelier Art-Tisons SA in Freiburg», bemerkt der Architekt und zeigt auf die Decke im komplett verglasten, gerundeten Raum, dem ehemals grossen Saal des Restaurants.
 
Als besonders anspruchsvoll erwies sich die Renovation des Daches: Man musste es komplett demontieren, damit der Dachstuhl ausgewechselt werden konnte. Dieser entsprach nicht mehr den aktuellen Normen und musste der neuen Wohnnutzung im Dachgeschoss angepasst werden. Beim Abbau der Dachkonstruktion erwies sich das Abführen der Abfälle als problematisch, da das Gebäude in unmittelbarer Nähe der SBBGeleise und der Kantonsstrasse liegt. «Auch die provisorische Überdachung zum Schutz vor Wasser war in Anbetracht des nahe gelegenen Bahntrassees und der Windexposition ziemlich komplex», erinnert sich Cédric Oehen, Spenglermeister und Projektleiter bei der Firma B. Schnider SA in Montreux. Das Dach wurde anschliessend in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege renoviert, um den Originalzustand mit seinen Ornamenten quasi identisch wieder herzustellen. Die grosse technische Herausforderung stellte dabei die Rekonstruktion der 22 Lukarnen in Zinkblech dar. «Früher wurden keine seriellen Elemente hergestellt. So waren keine zwei Lukarnen auf den Zentimeter gleich. Man musste sie deshalb vereinheitlichen. Wir unterteilten sie in fünf Gruppen mit leicht unterschiedlichen Abmessungen und arbeiteten für die Fabrikation des Traggerüstes eng mit den Zimmerleuten der Firma Axe Charpente in Roche zusammen. Sie sind der damaligen Zeit entsprechend aus Zink», präzisiert der Projektleiter. Gedeckt wurde das Dach mit Schieferplatten im Originalformat. Auch die beiden Kuppeln, die den Komplex der Arcades überragen, wurden einer sorgfältigen Renovation unterzogen. Das Gebälk wurde teilweise restauriert, die Metalleindeckung und die Verzierungen wur den jedoch, dem Originalzustand ähnlich, vollständig neu erstellt. Für die Schuppeneindeckung arbeitete das Unternehmen B. Schnider SA mit den vier Metallziegel-Formaten, die schon vorher verwendet worden waren.
 
Dank den gesunden tragenden Wänden waren in den Fassaden nur wenige Verstärkungen notwendig. In den oberen Geschossen wurde jedoch eine innere Isolation mit einer Aufdoppelung angebracht, um die Wärmedämmung zu verbessern. Bei den Balkenlagen und Holzböden stellte man jedoch bezüglich der neuen Vorschriften statische Mängel fest. «Obwohl es sich um ein historisches Gebäude handelt, musste es dennoch den neuen Erdbebennormen angepasst werden», erläutert Joe Filippone. «So wurden aus Stabilitätsgründen Betonelemente ins Tragwerk integriert. Jede Decke besteht nun aus einem Mischsystem. Die bestehenden Holzböden wurden erhalten, wir haben jedoch eine Druckplatte mit einem Überzug eingebaut und das Ganze mit einer heruntergehängten Decke ergänzt.» (Emilie Veillon)