Die neue Drehscheibe von Aarau

Die neue Drehscheibe von Aarau

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Thomas Staenz
Im Jahr des 700-jährigen Bestehens der Schweizer Eidgenossenschaft haben die SBB den Wettbewerb für die Neugestaltung des Bahnhofs Aarau ausgeschrieben. Mit einer grossen Geste überzeugte das Projekt des Zürcher Architekten Theo Hotz die Jury nachhaltig. Nach beinahe 20 Jahren Projektierungs- und Bauzeit wurde nun die 1. Bauetappe dem Publikum freigegeben. Die offizielle Eröffnungsfeier steigt Ende Oktober.
 
Mit seinen ausgeklügelten Glasfassaden hat der Architekt Theo Hotz in der Öffentlichkeit einige Diskussionen ausgelöst. Die Bauten des 1928 in Oberrieden bei Zürich geborenen Baumeisters stechen als Erstes durch ihre Aussenhülle ins Auge und wecken die Neugierde beim Betrachter, das Innere zu entdecken – so auch in Aarau. 1991 hat das Architekturbüro Theo Hotz den öffentlich ausgelobten Architekturwettbewerb für den Bahnhof Aarau gewonnen. Mit einem parallel zu den Gleisanlagen und zur Bahnhofstrasse verlaufenden Baukörper setzt Theo Hotz im Zentrum der Aargauer Metropole ein markiges Zeichen. Seit Anfangs August strömen nun rund 30 000 Pendler täglich durch den neuen Bahnhof, dessen Herzstück eine lichtdurchflutete, dreigeschossige Halle ist. An diesen grössten gedeckten Platz von Aarau gliedern sich das SBB-Reisezentrum, 17 Geschäfte und vier Gastronomiebetriebe. Vor der offiziellen Eröffnungsfeier der ersten Bauetappe, die am 22. und 23. Oktober über die Bühne geht, stand der Architekt und SBB-Projektleiter Urs Spichtig-Vigano dem «baublatt» Rede und Antwort.
 
Können Sie uns die bald 20-jährige Geschichte des neuen Bahnhofs von Aarau umschreiben?
Urs Spichtig-Vigano: Erste Überlegungen zur Zukunft des Bahnhofsgebäudes wurden Ende der 1980er-Jahre gemacht. Studien zeigten, dass nur ein Neubau eine zukunftsgerichtete Lösung bringt. Deshalb initiierten die SBB, der Kanton Aargau und die Stadt Aarau einen öffentlichen Architekturwettbewerb, den das Architekturbüro Theo Hotz AG aus Zürich und die WEWO Bauingenieure AG (heute suisseplan Ingenieure AG), Aarau, gewinnen konnten. Als Nächstes galt es, die baurechtlichen Voraussetzungen für den Neubau zu schaffen: Der Gestaltungsplan «Bahnhof Nord» und die Einzonung in die «Spezialzone Bahnhof Nord» wurden 1996 vom Aargauer Regierungsrat genehmigt. 2004 wurden die Projektierungsarbeiten in Angriff genommen. Nachdem die Stimmberechtigten der Stadt Aarau und des Kantons Aargau die vereinbarten Investitionsbeiträge gutgeheissen hatten, konnte am 9. Mai 2008 der Spatenstich für das neue Bahnhofgebäude erfolgen.
 
1991 hat der Zürcher Theo Hotz den Wettbewerb gewonnen. Nun 20 Jahre später ist die erste Bauetappe abgeschlossen. Ist dies eine ungewöhnliche Planungs- und Bauphase eines Grossprojekts der SBB?
Selbst ein Projekt vom Komplexitätsgrad wie der Bahnhof Aarau sind 20 Jahre in der Tat eine aussergewöhnlich lange Projektierungs- und Realisierungszeit. Einerseits nahm das Schaffen der baurechtlichen Rahmenbedingungen und das Aushandeln der Dienstbarkeiten zwischen den betroffenen Grundeigentümern viel Zeit in Anspruch. Andererseits mussten die SBB, nachdem der Regierungsrat und der Grosse Rat 2001 die Einrichtung der Fachhochschule Nordwestschweiz in Aarau abgelehnt hatten, für den Neubau neue Nutzungen suchen.
 
Welches sind die Hürden, die ein Projekt wie in Aarau überwinden muss?
Ein Bahnhofsgebäude ist von grossem öffentlichen Interesse und muss vielen Bedürfnissen entsprechen. Zum einen ist der Bahnhof die Drehscheibe des öffentlichen Verkehrs in Aarau und Umgebung. Zum anderen befindet sich der Bahnhof mitten in der Stadt Aarau und geniesst deshalb städtebaulich eine hohe Aufmerksamkeit. Zudem haben die SBB das Ziel, mit ihrem Immobilienportfolio eine gesunde Rendite zu erzielen und gleichzeitig ihren Kundinnen und Kunden an den grösseren Bahnhöfen einen attraktiven Dienstleistungs-Mix anzubieten. Die vielfältigen Bedürfnisse der involvierten Interessengruppen waren aufeinander abzustimmen, um schlussendlich ein klares Anforderungsprofil zu formulieren.
 
Wie haben Sie persönlich die Planungs- und Bauzeit erlebt?
Da ich erst während der Rohbauphase zum Projekt gestossen bin, kann ich nur für die Bauzeit sprechen. Entscheidend für die erfolgreiche Verwirklichung des Bauvorhabens waren letztendlich die Menschen, die daran gearbeitet haben. Eine sachliche Kommunikation zwischen Bauherrschaft und Totalunternehmen führte zu einer Sensibilisierung für die Belange der Beteiligten. So liessen sich Fragen, die trotz eines hinreichend klaren Projekts auftraten, einvernehmlich verantworten. Die Bauherrschaft und das Totalunternehmen arbeiteten kooperativ am gemeinsamen Ziel, den neuen Bahnhof Aarau in einer hohen Qualität, innerhalb des budgetierten Kostenrahmens und in nur zweieinhalb Jahren Bauzeit fertigzustellen.
 
Wie sieht die allgemeine Entwurfsidee der Architekten aus?
Mit klar gerichteten Baukörpern, parallel zu den Gleisen und zur Bahnhofstrasse, wird das Bahnhofareal mit einer grosszügigen, dem Ort angemessenen Geste neu definiert. Als wirkungsvolles Gestaltungselement haben die Architekten eine Schräge eingefügt, die an die Weichen auf dem Gleisfeld erinnert. Aussen gliedert die Diagonale das Gebäudevolumen so, dass sich der Bau massvoll in seine Umgebung eingliedert, und innen gibt sie der Bahnhofhalle ihre Form. Der mehrgeschossige Raum verbindet den Bahnhofplatz, die Wege zu den Perrons und die Bahnhofvorfahrt. Durch die Glasfassade erscheint das Gebäude als ein offenes Haus.
 
Welches waren die Kriterien der SBB, die der Bahnhof heute erfüllen muss?
Mit der steigenden Zahl von Bahnreisenden nimmt die Bedeutung der Bahnhöfe als Zentren der integrierten Mobilität laufend zu. Unsere Kunden erwarten übersichtliche, behagliche Wege zu den Zügen und einen umfassenden Service. Dienstleistungs- und Gastronomieangebote erhöhen die Attraktivität. Wichtig ist, dass das Bahnhofumfeld einbezogen und allenfalls aufgewertet wird.
 
Wie beurteilen Sie das Resultat heute?
Das neue Bahnhofgebäude ist ein erster Meilenstein in der Umgestaltung des Aarauer Bahnhofgebiets. Weitere Projekte wie die Neugestaltung des Bahnhofplatzes (siehe Infobox links) folgen. Zurzeit führen die SBB Gespräche über die Realisierung der zweiten Etappe. Obwohl der Entwurf des Bahnhofs fast 20 Jahre alt ist, liess die Skelettbauweise mit den innenliegenden Erschliessungskernen und der nicht tragenden Fassade heutige Nutzungsformen zu. In der offenen Bahnhofhalle ist die Dynamik des Bahnbetriebs und der Innenstadt erlebbar. Die Voraussetzungen sind da, dass sich der Bahnhof zu einen unverwechselbaren Ort Aaraus entwickelt. Roland Merz
 
Zur Person:
Urs Spichtig-Vigano (41, verheiratet, zwei Kinder) arbeitet seit 2009 bei den SBB. Als Projektleiter Bau ist der diplomierte Architekt ETH verantwortlich für die planerische und bauliche Umsetzung des neuen Bahnhofgebäudes in Aarau.