Der Krieg der Heimatschützer

Der Krieg der Heimatschützer

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Teaserbild-Quelle: Christ & Gantenbein Architekten
Das Landesmuseum in Zürich muss dringend erneuert und erweitert werden. Während die Sanierungsarbeiten bereits begonnen haben, droht das Erweiterungsprojekt zu scheitern. Pikantes Detail: Während der Zürcher Heimatschutz gegen das Projekt votiert, ist der Schweizer Heimatschutz für die Erweiterung des Landesmuseums.
 
Seit Jahren erhitzt in Zürich das Schweizerische Landesmuseum die Gemüter. Der Grund: Das Projekt für die Erweiterung und Sanierung aus dem Jahr 2002 (siehe «Hintergrund») passt nicht allen. Kurz nachdem die Behörden grünes Licht gegeben haben, wurde deshalb das Referendum ergriffen. Das letzte Wort haben nun die Zürcher Stimmberechtigten, die am 13. Juni darüber befinden werden. Solange ist noch Zeit, über das Projekt des Architekturbüros Christ & Gantenbein zu debattieren. Zankapfel bleibt dabei die Erweiterung, die Sanierung ist bereits gestartet und teilweise abgeschlossen.
 
Die Erweiterung sieht einen Neubau vor, die direkt neben dem alten Museum aus dem Jahre 1898 realisiert werden soll. Der Kanton und die Stadt Zürich sowie das Komitee «Ja zu unserem Landesmuseum» sehen in ihm die ideale Ergänzung zum Museum. Das Referendumskomitee und die Organisation «Standpunkt Landesmuseum» hingegen finden den Erweiterungsbau zu gross, zu klotzig, zu unpassend. Sauer stösst ihnen ausserdem auf, dass der Platzspitzpark, auf dem das Museum steht, bebaut werden soll. Das Bundesamt für Bauten und Logistik als Bauherrschaft nahm die Kritik ernst und redimensionierte das Projekt 2007. Das half aber wenig, denn die Gegnerparteien – vor allem der städtische und der kantonale Heimatschutz sowie die Schweizerische Gesellschaft für Gartenkultur – stören sich am Projekt selber und nicht nur an dessen Dimensionen. Zudem sind sie der Ansicht, dass der Bau an einen anderen Ort realisiert werden sollte – zum Beispiel auf dem Bus-Parkplatz, der gleich vis-à-vis des Museums liegt.
 

Ensemble darf nicht zerstört werden

Tatsächlich gestaltet sich die Erweiterung des Landesmuseums sehr schwierig: Das nach den Plänen des Stadtbaumeisters Gustav Gull erstellte Gebäude ist nicht nur ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung, sondern auch architektonisch wertvoll, weil es ein Hauptwerk des westeuropäischen Späthistorismus ist. Ebenfalls nicht unterschätzt werden darf die Bedeutung des Platzspitzparks: Aus stadt- und gartengeschichtlicher Sicht muss er erhalten bleiben. Schliesslich ist er Teil des Ensembles «Museum und Park», das laut den Gegnern «nicht zerstört werden darf». Hinzu kommt, dass der Park ein wichtiger Naherholungsraum für die städtische Bevölkerung ist. Seitens des Referendumskomitees wird nun der Vorwurf laut, dass man diesen Umständen zu wenig Rechnung getragen hätte. Zwar finden auch die Befürworter, dass man das alte Museum mitsamt seinem Park pflegen und erhalten sollte. Neben dem Altbau müsse aber gleichwohl Platz für Neubauten sein, die modern und zeitgenössisch sein dürften. Zudem würde nur ein kleiner Teil des Parks bebaut.
 

Pragmatik versus Bewahrung

Die Frage, inwiefern sich neue Bauten mit historischen vertragen, wird nicht zum ersten Mal aufgeworfen. Der Fall Landesmuseum ist beispielhaft für diesen Konflikt. Seinetwegen gerieten sich sogar die Mitglieder des kantonalen Heimatschutzes in die Haare. «Gegenüber standen sich die Fraktion der Bauberater, sprich Architekten und die der klassischen Heimatschützer. Während die Bauberater eher pragmatisch eingestellt sind und sich mit Neubauten durchaus anfreunden können, gelten die klassischen Heimatschützer eher als konservativ, die sich als Bewahrer der historischen Bauten verstehen», sagt der ehemalige Kantonalpräsident des Kantonalen Heimatschutzes Marcel Knörr. «In der Auseinandersetzung um das Landesmuseum kristallisierten sich die verschiedenen Ansichten heraus, sodass wir uns nicht mehr einigen konnten. Die schon seit länger Zeit bestehende Zerrüttung innerhalb des Vorstandes wurde damit nur noch verstärkt». Deshalb verliessen die Pragmatiker 2008 den kantonalen Heimatschutz – unter ihnen auch der ehemalige Kantonalpräsident Knörr. Kaum waren sie ausgetreten, schloss sich der Kantonale Heimatschutz dem Referendumskomitee an. Interessanterweise unterstützt der Schweizerische Heimatschutz das Referendum gegen das Landesmuseum nicht. Und zwar aus folgenden Gründen, wie Geschäftsleiter Adrian Schmid erklärt: «Der Erweiterungsbau wurde redimensioniert und qualitativ verbessert. Ausserdem entspricht es jetzt den Bedürfnissen des Museums. Es gibt also keinen Grund mehr, sich gegen die Erweiterung auszusprechen.» Florencia Figueroa
 
NACHGEFRAGT ... BEI MARCEL KNÖRR
Sie sind als Kantonalpräsident zurückgetreten. Warum?
Marcel Knörr: Seit der Gründung des Schweizer Heimatschutzes und seiner Kantonalsektionen gibt es zwei Lager: Die Konservativen und die Pragmatiker. Ich gehöre zu den Pragmatikern. Die Generalversammlung vor eineinhalb Jahren hatte sich für eine konservative Linie entschlossen und noch drei weitere konservative Mitglieder gewählt. Als Präsident, der im Vorstand nun keine Mehrheit mehr hinter sich hatte, trat ich konsequenterweise zurück.
 
Wie lässt sich denn der Konflikt zwischen neuer und alter Architektur lösen?
Der Konflikt besteht zwischen den Personen und deren Auffassung über gute oder schlechte Architektur.
 
Was ist denn Ihrer Ansicht nach wertvoller: historische Architektur, die von unserer Vergangenheit zeugt, oder neue Architektur, die Abbild unserer gegenwärtigen Kultur ist?
Es gibt sowohl gute alte wie auch gute neue Architektur. Beides ist wertvoll und kann nicht gegeneinander ausgespielt werden. So wie historische Architektur einen hohen Identifikationswert in der Bevölkerung geniesst, kann auch zeitgenössische gute Architektur ein Ortsbild positiv ergänzend verändern. Sie kann Baulücken schliessen oder neue Räume schaffen. (ffi)