Bauen für 2000-Watt-Gesellschaft

Bauen für 2000-Watt-Gesellschaft

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Teaserbild-Quelle: zvg
Die Baugenossenschaft Zurlinden lässt auf dem Sihlbogen für 90 Millionen Franken 220 Wohnungen errichten. Das Projekt „LIHSL“ von Dachtler Partner Architekten hat den Wettbewerb vor fünf Jahren gewonnen. Nach langem Warten kann nun mit dem Bau begonnen werden.
 
 
In der Nähe von Wald, S-Bahn-Haltestelle und umgeben von der Üetlibergkette, wird in zwei Jahren direkt am Ufer der Sihl ein neues Dorfzentrum stehen: Die Baugenossenschaft Zurlinden legt mit der Überbauung Sihlbogen den Grundstein dafür. Geplant sind 220 Wohnungen mit 1,5 bis 5,5 Zimmern, verteilt in drei Gebäuden auf zwei Arealen, die vom Bahntrassee durchschnitten werden. Seit Januar werden auf dem Areal die bestehenden Industriegebäude zurückgebaut, nachdem ein Rekurs einer Privatperson beim Verwaltungsgericht den Beginn der Arbeiten um rund drei Jahre verzögert hatte.
 
Das Siegerprojekt von Dachtler Partner Architekten will der Vergangenheit des Industrieareals an der Sihl und ihrer städtebaulichen Bedeutung Rechnung tragen. «Die beiden zu bebauenden Grundstücke an der Ortseinfahrt gehören in die Reihe neuer, durch Industrie und Flussraum geprägter Wohn- und Gewerbegebiete, wie das Hürlimann-Areal, die Sihlcity oder die Manegg», sagt Oliver Strebel von Dachtler Partner. Die Entscheidung der Architekten, die Grossmassstäblichkeit der industriellen Bauweise in ihrem Projekt aufzugreifen und auf eine Fortführung der kleinteiligen Dorfstruktur Leimbachs zu verzichten, verweist auf den städtebaulichen Zusammenhang, in dem das Areal steht. Das äusserliche Erscheinungsbild, die homogene Lochfassade, kann so als Reminiszenz an die früheren Manufakturgebäude gelesen werden. Die Überbauung mit ihrer Dimension wird laut den Architekten einen Schwerpunkt im dörflichen Gefüge setzen und einen Zentrumscharakter entwickeln.
 

Markt und Treffpunkt unter Platanen

Auf dem Areal A, westlich der Bahnlinie, entsteht das eigentliche Quartierzentrum mit Alterswohnungen, Dienstleistungsflächen und Einkaufsmöglichkeiten. Sämtliche Ladenflächen sind auf den Fussgängerfluss entlang der Leimbachstrasse ausgerichtet. An zentralster Lage ist ein Restaurant situiert. Es soll Synergien mit dem Zugang zu den Alterswohnungen ermöglichen, und als künftiger Magnet für das neue Zentrum von Leimbach funktionieren. Der Innenhof, als ruhiger Gegenpol zur lärmreichen Strasse, steigert den Komfort der Alterswohnungen. Die unterschiedlichen Öffnungen der Fassade – bei der gewerblichen Nutzung sind es grosse Fensterfronten, bei den Alterswohnungen einspringende Loggias – spiegeln laut Strebel die Verschränkung der Nutzungen wider. «Durch ihre Grosszügigkeit bieten sie einen adäquaten Ausdruck für ein Quartierzentrum.»
 
«Die Attraktivität des Grundstücks liegt insbesondere in der An- und Einbindung in den Landschaftsraum der Sihl. Er ist das eigentliche Naturerlebnis, für dessen Inszenierung wir im wörtlichen Sinne Platz geschaffen haben», sagt Strebel. Die Überbauung wird etwas erhöht auf einem Uferplateau stehen und ist in die bestehende Topografie eingepasst. An der Leimbachstrasse sollen Eschen, Platanen und Linden das Bild der Überbauung prägen. Auf der dem Dorf zugewandten Seite können Märkte und öffentliche Anlässe durchgeführt werden. Der Platz im Süden ist mit seinem Trinkbrunnen als «Treffpunkt unter Platanen» angedacht.
 

Kaum graue Energie

Auf der Wasserseite im Areal B entstehen zwei Wohnbauten direkt am Ufer der Sihl mit geschosshohen Fenstern und Sicht auf den Fluss. Durch die Konzentration des Bauvolumens auf die zwei markanten siebengeschossigen Baukörper erhält das Quartier weite, offene Aussenräume, die zum Wasser hin naturnah gestaltet werden und zu einer Belebung der Uferfront beitragen.
 
Ruderalflächen mit Blumen und Sträuchern entlang dem Ufer gehen in eine Spielwiese und Sitzplatzzone über. Die beiden Bauten mit zusammen 140 Wohnungen auf dem Areal B werden in Holzbau-, die Geschossdecken in Holzbetonverbundbauweise erstellt. Die hinterlüftete Fassade wird ebenfalls aus Holz gefertigt und von aussen mit Tonelementen versehen.
 
Katrin Pfäffli, Projektleiterin beim Architekturbüro H. R. Preisig, das die Baugenossenschaft Zurlinden hinsichtlich der Nachhaltigkeit des Sihlbogens berät und für die Qualitätssicherung zuständig ist, sieht in dem Projekt ein Vorzeigeobjekt, was das Einhalten der Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft betrifft.
 

Viel grüne Haustechnik

Das kompakte und grosse Volumen des Baus bietet die beste Voraussetzung, die graue Energie tief zu halten. Zudem trägt das Baumaterial Holz als nachwachsender Rohstoff sowohl auf der primären Energieseite (Energie, die aufgewendet werden muss, um den Baustoff zu produzieren) als auch bezüglich Treibhausgasemissionen weiter dazu bei. «Beim Aspekt der grauen Energie kenne ich kein anderes Gebäude, das die Vorgaben besser erfüllt», sagt Pfäffli.
 
Durch eine 24 Zentimeter dicke Dämmschicht wird auch der Heizenergiebedarf gering gehalten. Luft-Wasser-Wärmepumpen und Pelletheizungen liefern die noch benötigte Energie. Die Photovoltaikanlagen auf den Dächern decken laut Pfäffli zwar nicht den ganzen elektrischen Verbrauch der Siedlung, leisten aber einen guten Beitrag an dessen Dezimierung. Also auch für den im Betrieb der Gebäude anfallenden Energiebedarf wurden ökologische Massnahmen getroffen.
 

S-Bahn-Abo inklusive

Ein weiterer Punkt, der im SIA-Effizienzpfad ¬Energie (SIA MB2040, Juni 2011), dem Instrument für das 2000-Watt-kompatible Bauen, einbezogen werden muss, ist die Mobiliätsenergie. «Die Siedlung hat eine sehr gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr mit einem Bahnhof quasi auf der Parzelle, und so werden die Leute weniger auf ein Auto angewiesen sein. Entsprechend kann auch die Parkplatzzahl reduziert werden», sagt Pfäffli. Wer im Sihlbogen wohnt, fährt laut der Baugenossenschaft gratis mit der S-Bahn. Das entsprechende Jahresabonnement ist in der Wohnungsmiete enthalten. Weiter ist ein Car-Sharing-Standort geplant. «Das energetische Gesamtpaket des Sihlbogens funktioniert grossartig», schliesst Pfäffli.
Von Michael Hunziker
 
Der Auszug aus dem Jurybericht gibt es unter nachfolgendem Link zum Herunterladen:

 

Nachgefragt bei Oliver Strebel

Was war der grösste Knackpunkt beim Projekt «LIHSL»?
Die grösste Herausforderung hat nach dem Wettbewerb begonnen. Die zwei 100 Meter langen und siebengeschossigen Gebäude auf Areal B werden nicht mehr in Massiv-, sondern in Holzbauweise geplant. Es gibt bereits verschiedene mehrgeschossige Holzbauten, aber in diesen Dimensionen, wie wir sie beim Sihlbogen haben, ist mir kein Projekt bekannt.
 
Gab es noch weitere Änderungen nach dem Wettbewerb?
Bedingt durch den Rekurs und die daraus folgenden Verzögerungen, wurden Grundriss, Layout, Haustechnik und Fassadenkonstruktion kontinuierlich den Bedürfnissen der Bauherrschaft und dem neusten Stand der Technik angepasst.
 
Inwiefern beeinflussten die Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft die architektonische Planung?
Bereits im Wettbewerbsprogramm wurden als Vorgabe für nachhaltiges Bauen grosse, kompakte Gebäude gefordert. Diese Vorgabe deckte sich perfekt mit unserer städtebaulichen Idee.
 
Was ist das Besondere am Projekt «LIHSL»?
Das Projekt Sihlbogen ist die erste Arealüberbauung, welche nach den Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft realisiert wird. (mh)