Zeitzeuge im Flussbett

Zeitzeuge im Flussbett

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Teaserbild-Quelle: Katrin Ambühl
Vor hundert Jahren blühte die Textilindustrie an der Reuss und die Webstühle ratterten um die Wette. Eine wichtige Rolle dabei spielte die Wasserkraft. Nach zwei Hochwassern werden die denkmalgeschützten Wasserbauten nach altem Vorbild saniert.
 
 
 

Riviera an der Reuss

Die Umgebung des ehemaligen Kleinkraftwerkes, das heute als Museum dient, liegt in einem Naturschutzgebiet. Eines, das im Sommer fleissig aufgesucht wird von Wassersportlern und Naturliebhabern. Der Streckenabschnitt zwischen Kanalwehr und Reussbrücke wird denn auch als «Ottenbacher Riviera» bezeichnet. Einmalig ist vor allem die intakte Verbindung der von Menschen gestalteten Natur und der technischen Einrichtung. Die Anlage umfasst als Wasserbauten das Streichwehr in der Reuss, die Kiesschwemmfalle vor dem Kanaleinlauf, die Kanaleinlauffalle, den Oberwasserkanal, das Turbinenhaus und den Unterwasserkanal. 1977 hat der Kanton Zürich die Anlage im Rahmen des Reussuferschutzes erworben. Sie ist im Inventar der Kraftwerk- und Wasserbauten aufgeführt und wird von der Kantonalen Denkmalpflege betreut. Auslöser für die Sanierung war die Natur: Wasserfluten strömten im August 2005 ins Turbinenhaus und verursachten Schäden an den Maschinen des Kleinkraftwerkes. Die technische Einrichtung wurde instand gestellt. Zwei Jahre später folgte erneut ein Hochwasser, das die Wasserbauten im Oberwasserkanal und das Streichwehr so stark beschädigte, dass eine Sanierung dringend notwendig wurde.

Nach historischem Vorbild

Gebaut wird die Anlage wie ursprünglich im Prinzip eines Steinkastens. Dabei handelt es sich um eine Konstruktion aus in den Flussgrund getriebenen Holzpfählen, Horizontalverbau mittels Rundhölzern und einer Steinfüllung dazwischen. Flussseitig der Konstruktion ist streckenweise eine Spundwand aufgebaut worden. Sie verhindert die Unterspülung und den Materialaustrag aus dem Wehrkörper und führt so zu einer längeren Lebensdauer sowie erhöhten Standsicherheit. In einem Teilbereich besteht bereits eine alte Spundwand aus Eisenbahnschienen, die nun integriert wird. «Der Zustand der Elemente des gewachsenen Bauwerks ist ganz unterschiedlich. Das ist das Knifflige an diesem Projekt», sagt Beat Stahel von der Kantonalen Denkmalpflege. Wo immer möglich, werden alte Teile des Baus in die Sanierung integriert. So entfallen ein teurer Rückbau und Aushubarbeiten. Gut sichtbar ist dies im Uferbereich. Die alten ergrauten Holzpfähle der Uferverbauung verbleiben in der Erde. Davor werden neue Stämme rund drei Meter in den Boden gerammt. Der Zwischenraum zwischen neuen und alten Pfählen wird schliesslich mit Kies aufgefüllt. Eine Pumpe saugt fleissig und sorgt dafür, dass die Arbeiten im Trockenen durchgeführt werden können und nicht buchstäblich ins Wasser fallen. Auf der Seite des Streichwehrs hebt ein Spezialbagger die Holzpfähle in die Luft, platziert sie präzis und rammt sie schliesslich sechs Meter tief in den Flussgrund ein. Daneben fliesst zahm die Reuss vorbei.
 
Der Winter ist die beste Jahreszeit für eine Sanierung von Wasserbauten, weil dann die Chance auf Hochwasser klein ist. Aber die Regel bestätigt bekanntlich die Ausnahme. Im Januar legte Hochwasser vorübergehend die Arbeiten lahm. Es überflutete Baupiste und Dämme. «Der Abfluss der Reuss stieg für kurze Zeit auf zirka 220 Kubikmeter pro Sekunde an», erinnert sich Gian-Andri Tannò von der Iteco AG, dem beauftragten Ingenieurunternehmen. Dadurch seien die Arbeiten um drei Tage verzögert worden, so der Kulturingenieur.
 
Das klingt nicht dramatisch, kann aber unter Umständen tödliche Folgen haben – für die Fische. Rotaugen, Barben und Äschen sind heimisch in der Reuss. Im März/April legen die Äschen ihren Laich im Kiesbett am Flussufer ab. Deshalb hat die Fischerei- und Jagdverwaltung verlangt, dass die Bauarbeiten möglichst vor diesem Zeitpunkt abgeschlossen werden. Diese wurden im Dezember aufgenommen und sollen bis Ende März fertig sein. Zurzeit sieht es gut aus. Doch das letzte Wort hat das Element, um das es bei diesem Bau geht: das Wasser und sein Temperament. (ka)