Wohnen im Stroh

Wohnen im Stroh

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Teaserbild-Quelle: zvg
In privaten Haushalten wird ein Viertel des gesamten Energieverbrauchs für die Heizung aufgewendet. Es lohnt sich deshalb, über die richtige Wärmedämmung etwas länger nachzudenken. So auch über das Isolationsmaterial: Stroh ist nicht nur ein ökologischer, sondern auch preiswerter Dämmstoff und weist zudem andere gute Eigenschaften auf.
 
Als Abfallprodukt der Landwirtschaft hat das Material Stroh für die moderne Gesellschaft kaum eine Verwendung. Dem war aber nicht immer so: Noch vor 130 Jahren baute man in Nebraska USA aus finanziellen Gründen – Holz war für viele Leute unerschwinglich – ganze Strohballenhäuser. Bis heute weisen die ältesten von ihnen kaum Bauschäden auf. Trotzdem gerieten die Strohballenhäuser immer mehr in Vergessenheit. Seit einigen Jahren jedoch scheinen sie aus der Versenkung wieder aufzutauchen. Denn sowohl in den USA als auch in Europa und Asien gibt es immer mehr Leute, die sich ein Haus aus Stroh bauen wollen. Die Bauten sind nämlich nicht nur energieeffizienter, sondern auch erdbebensicherer und laut den Bewohnern viel angenehmer zum Wohnen.
 
Auch in der Schweiz hat das Strohhaus längst Einzug gehalten. Ein Architekt, der bereits 16 solcher Objekte realisiert hat, ist der Bündner Werner Schmidt. Seit 20 Jahren befasst er sich mit den gelben Halmen. Auf das Material gestossen ist er, weil er ein Haus ohne Heizung bauen wollte. «Seit jeher hat mich die fossilatomare Abhängigkeit und mit ihr diejenige von den grossen Energiekonzernen gestört», erklärt er. «Deshalb habe ich nach einem Weg gesucht, uns davon loszulösen.» Der mit Abstand grösste Energiefresser in einem Haushalt ist die Raumheizung. Das liegt daran, dass durch Dach, Wände, Fenster, Boden und Schornstein jedes Hauses ein Grossteil der Wärme verloren geht. Mit anderen Worten: Der hohe Verbrauch ist vor allem auf die schlechte Isolierung zurückzuführen. Für Schmidt war deshalb klar, dass der Weg zum Haus ohne Heizung nur über die Wärmedämmung führen kann. Er fing damit an, allerlei Materialien zu untersuchen, die sich für eine gute Isolation eigneten. Zwar gibt es bereits gute Dämmstoffe, jedoch sind diese entweder schlecht für die Umwelt oder schlichtweg unbezahlbar, wenn die Wärmedämmung dick werden muss. Bei einem Haus, das keine Heizung hat, ist eine solche aber unabdingbar.
 

Viele Vorteile

Schmidts Versuche zeigten, dass Stroh aufgrund der Beurteilungskriterien graue Energie, Preis, Entsorgung, Baubiologie und CO2-Speicherung die beste Isolierung ist. So muss es beispielsweise nicht hergestellt werden, weil es einfach nachwächst. Als Abfallprodukt der Landwirtschaft ist es günstig erhältlich, und da es völlig unbehandelt verwendet wird, kann man es, nachdem das Haus abgebrochen worden ist, wieder ohne Bedenken in die Natur zurückführen. Der einzige Nachteil von Stroh ist: Bei falscher Anwendung kann es unter Umständen zu Feuchtigkeitsschäden kommen, was wiederum Schimmelbildung ermöglicht. Mit der richtigen Technik lässt sich diese Gefahr jedoch ohne Weiteres vermeiden. Beachten muss man nur, dass das Stroh, einmal verbaut, vor der Witterung richtig geschützt wird. Wie Schmidt erklärt, geschieht das in der Schweiz mit einem Kalkverputz. In Ländern mit warmen Klimaverhältnissen reicht Lehm. Auch die inneren Wände werden entweder mit Kalk oder mit Lehm verputzt, je nachdem, was der Bewohner sich wünscht.
 

Zwei Baumethoden

Wie aber baut man ein Strohhaus? Zwei Methoden haben sich durchgesetzt: Einerseits lassen sich die Strohballen geradezu «konventionell» in eine Holzriegelkonstruktion (Vorfertigung) einbauen wie jeder andere Dämmstoff auch. Anderseits kann man die Häuser als lasttragende Strohballenkonstruktion bauen. Das heisst, die Strohballen werden ohne zusätzlichen Holzrahmen einfach aufeinandergestapelt und durch Bewehrungsstangen stabilisiert. Die Dicke der Strohballen muss dabei mindestens 50 Zentimeter betragen, weil sonst die gewünschte Phasenverschiebung, also die angestrebte Zeitverzögerung des Wärmedurchgangs nicht erreicht werden kann. Das bedeutet, dass die Mittagshitze, die zwischen 13 und 15 Uhr auf die Gebäudehülle einwirkt, erst 10 bis 14 Stunden später, also zwischen 23 und 5 Uhr an die Räume abgeben wird. Zu diesem Zeitpunkt ist die Aussentemperatur aber schon so weit abgekühlt, dass die Wärme nach aussen ablüften kann. Das Haus bleibt also angenehm kühl. Im Winter wird übrigens der gegenteilige Effekt erzeugt, sodass die Wärme während der Kältemonaten nicht entweichen kann. Sollte es wider Erwarten im Innern des Gebäudes doch mal zu kalt werden, kann man die Notheizung betätigen. Ansonsten reicht die Körperwärme der Bewohner (jeder Mensch produziert 60 bis 80 Watt pro Tag) und die Wärme der Koch- sowie Backvorgänge als Heizung für die Häuser. «Das Haus ohne Heizung ist wirklich realisierbar», schwärmt Schmidt. «Es muss nur richtig gedämmt werden.»
 

Feuer- und erdbebensicher

Trotz all dieser Vorteile hat das Strohhaus nach wie vor gegen viele Vorbehalte zu kämpfen. Zum Angstportfolio gehören: Feuer, Statik, Schimmel, Mäuse, Insekten. Jedoch zu Unrecht. Schimmel entsteht, wie bereits erwähnt, nur, wenn die Wärmedämmung aus Stroh feucht wird. Ist sie gut abgedichtet, besteht keine Gefahr. Mäuse fühlen sich laut Experten wohler in Styropor, das häufig ebenfalls für die Dämmung verwendet wird, als in Stroh. Und Ungezieferbefall ist aufgrund der hohen Pressdichte der Strohballen nur bedingt möglich.
 
Was Feuer und Statik betrifft, haben Tests gezeigt, dass Strohballenhäuser alle geforderten Normen erfüllen, ja sogar übertreffen. So weisen die Wandaufbauten aus Strohballen (50 Zentimeter dick und beidseits verputzt) die Brandwiderstandsklasse F90 auf. Das heisst, die Wandkonstruktion fängt erst zu brennen an, nachdem sie 90 Minuten lang direkt dem Feuer ausgesetzt worden ist. Auch in der Statik übertreffen die Strohhäuser alle Erwartungen: In einer Erdbeben-Simulation an der University of Nevada in Reno hat das vier mal vier Meter grosse Gebäude aus Strohballen Schwingungen widerstanden, die um 200 Prozent stärker waren, als das schwere Erdbeben in Pakistan 2005. Ausser, dass eine Wolke aus Staub und Strohteilchen aus den Wänden kam, hat das Haus, das von der Ingenieurin Darcey Donovan konstruiert wurde, die Versuche unbeschadet überstanden. Florencia Figueroa
 
 
Nachgefragt bei Werner Schmidt. Er ist Architekt und hat sein eigenes Atelier im graubündnerischen Trun.
 
Sie haben allerlei Materialien ausprobiert, bevor Sie auf den Dämmstoff Stroh gestossen sind. Was waren das für welche?
Werner Schmidt: Alle gängigen Isolationsmaterialien wie Steinwolle, Glaswolle, Styropor, Polyuretanschaum, Foamglas, Cellulose, Holzfassern, Kork, Vacuumisolation, Schafwolle, Hanfmatten, Flachsmatten, Sägemehl mit Kalk ...
 
Inwiefern haben sich diese Materialien von Stroh unterschieden, also welche Nachteile hatten sie im Gegensatz zum Stroh?
Der Preis ist höher, ebenso wie die graue Energie. Ausserdem ist ihre Entsorgung problematisch. Und in der Baubiologie schneiden sie schlechter ab.
 
Was ist mit dem Dämmstoff Schafwolle? Warum eignet sich dieses Material nicht so gut wie Stroh?
Schafwolle ist richtig behandelt (Schutz gegen Motten) und richtig angewendet ein sehr gutes Isolationsmaterial. Aber Schafwolle benötigt im Vergleich zu einer lastragenden Konstruktion aus Stroh, eine Holzkonstruktion mit beidseitiger Schalung, damit die Schafwolle in den Zwischenraum gestopft werden kann. Das ist ein Nachteil.
 
Sie haben Strohhäuser zu bauen angefangen, um von der fossilatomaren Abhängigkeit loszukommen. Wie wichtig ist Ihnen der ökologische Aspekt bei den Strohhäusern?
Der ökologische Aspekt ist mir nach wie vor sehr wichtig. Aber ebenso wichtig ist für mich, dass die Gebäudeeigentümer ein Objekt erhalten, der sie von den Energiekonzernen so unabhängig wie möglich macht. Deshalb ist es mein Ziel, autarke Häuser zu bauen. Je autarker ein Gebäude funktioniert, desto ökologischer ist es.
 
Ein grosser Teil des Energieverbrauchs wird für die Heizung der Häuser verwendet. Man braucht aber auch Warmwasser. Welche Technologien setzen Sie dafür ein?
Warmwasserkollektoren. Denn alles, was dazu beiträgt, dass man weniger Energie von Aussen zuführen muss, macht einen weniger abhängig. Ausserdem ist es ökologischer. Das finde ich gut.
 
Wie teuer ist ein Strohhaus?
Ein Strohballenhaus ist in etwa gleich teuer wie ein konventionelles Haus. Der grosse Vorteil ist, dass man bei richtiger Konstruktion nur noch eine Notheizung benötigt. Das heisst, man verbraucht weniger Strom und spart dadurch Energiekosten. Ein Beispiel wie das funktionieren kann, ist das Strohballenhaus in Disentis. Es benötigt pro Jahr circa vier bis fünf Bananenschachteln voll Holz.
 
Sie haben insgesamt 16 Strohhäuser gebaut. Wie sind die Feedbacks von den Bewohnern, die Sie bekommen haben?
98 Prozent der Bewohner würden wieder ein Strohballenhaus bauen.
 
Wie sind die Feedbacks von der Baubranche, sprich wie reagieren Bauleute auf Ihre Arbeit?
Es gibt Bauleute, die sehr neugierig sind, und positiv darauf reagieren. Aber es gibt auch jene, die es vorziehen, konventionell zu bauen. So, wie man es die letzten 50 Jahre getan hat. Es ist nicht meine Absicht, alle zu missionieren, jeder soll das machen, wovon er überzeugt ist. (ffi)
 
 

BUCHTIPP

Handbuch Strohballenbau
Stroh ist als preiswertes Baumaterial mit sehr guten wärmedämmenden Eigen¬schaf¬ten in den letzten Jahren neu entdeckt worden. Die Autoren beschreiben die Bauweisen und die bautechnischen Besonderheiten, auf die es beim Umgang mit dem Baustoff Stroh ankommt, und sie zeigen konkret und praxisnah Konstruktionen und Ausführungsdetails, mit denen gut gedämmte und dauerhafte Wohnhäuser aus Strohballen gebaut werden können. Mit Hinweisen zur Oberflächenbehandlung der Wandflächen, konkreten Anleitungen für den Bauprozess und Beschreibungen vieler bereits realisierter Beispiele. Prof. Dr.-Ing. Gernot Minke ist emeritierter Hochschullehrer an der Universität Kassel. Er leitet dort am Fachbereich Architektur das Forschungslabor für Experimentelles Bauen (FEB) und ist daneben als freier Architekt tätig. Dr.-Ing. Benjamin Krick ist Architekt und Lehrbeauftragter für Ökologisches Bauen. Er hat über das Thema Strohballenbau promoviert und arbeitet heute am Passivhaus-Institut in Darmstadt.
 
 
Handbuch Strohballenbau,
ökobuch Verlag, Neuauflage 2009,
141 Seiten, 28,90 Euro, 46,50 Franken
ISBN 978-3-936896-45-9