Wo sich die Berge spiegeln

Wo sich die Berge spiegeln

Gefäss: 
Der Lötschberg-Basistunnel rückt das Wallis und allen voran die Stadt Visp näher an die pulsierenden grossen Zentren der Schweiz. Auf so viel Schweiz und Internationalität musste sich der kleine, eher verschlafene Ort Visp zuerst einstellen. Visp ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt im Oberwallis geworden.
 
Von Visp aus werden weltbekannte Kurorte wie Zermatt und Saas Fee erschlossen. Die Frequenz des neuen Bahnhofs beträgt jährlich rund vier Millionen Personen. Die neue Schnellverbindung zu den Zentren der Deutschschweiz wird weitreichende Konsequenzen auf die Entwicklung von Visp und das gesamte Gebiet haben. Die kleine Stadt will diesem Vorgang einen Urbanisierungs- und Verdichtungsschub abgewinnen. Visp ist mit rund 7000 Einwohnern und 7500 Arbeitsplätzen regionales Zentrum und wichtigster Arbeitsort im Oberwallis. Das Chemie-Unternehmen Lonza ist der grösste Arbeitgeber.
 
Die Bahn trennt durch ihre Hochlage das Städtchen in einen nördlichen, vorwiegend durch die Industrie geprägten und in einen südlichen Siedlungsbereich. Ähnlich wie vor mehr als hundert Jahren, als wesentliche städtebauliche Impulse durch den Bau der Strecke Lausanne–Brig ausgingen, wird durch den im Zusammenhang mit dem Bau des Lötschberg-Basistunnels realisierten neuen Bahnhof in Visp eine nachhaltige Veränderung des gesamten Quartiers um den Bahnhof einsetzen. «Architektonischer Ausdruck der Entwicklung ist der neue Bahnhof von Visp, der eine dem Ort angemessene urbane Aussage macht», meint Architekt Peter Steinmann aus Basel, der in das riesige Projekt mit seinem Partner Herbert Schmid involviert ist.
 
Das Neubauprojekt «Bahnhof Visp» hat das gesamte Bahnhofquartier nachhaltig verändert. Für die Gemeinde ist ein neues Zeitalter angebrochen. Visp wurde zu einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt. Es erhielt einen unübersehbaren urbanen Touch. Gemeinsam mit der SBB, der Matterhorn Gotthard Bahn, der Gemeinde Visp und der Postauto Schweiz AG wurde der Bahnhof Visp durch die Inbetriebnahme der Neat zu einer wichtigen Umsteigeplattform. Dank dem neuen Fernverkehrsangebot machen stündlich in Visp gleichzeitig je ein Zug aus Bern und aus Genf in Richtung Brig–Mailand sowie zwei Züge aus der Gegenrichtung Halt. Parallel dazu ist das Industriestädtchen neu zum zentralen Ausgangspunkt für das gesamte Netz der Matterhorn Gotthard Bahn geworden – und zwar für die Reisenden Richtung Zermatt sowie Brig–Gohm. In weniger als einer Stunde ist man in Bern. Sie können ohne sich abzuhetzen bequem umsteigen und profitieren von einer modernen Infrastruktur.

Areal der Zukunft

Die ganzen Planungs- und Bauvorhaben wurden von langer Hand entwickelt. Federführend ist das Architekturbüro Steinmann und Schmid. Dass der alte Bahnhof, sowohl die Gleisanlagen als auch das Gebäude, der Inbetriebnahme des 37 Kilometer langen Lötschberg-Basistunnels nicht mehr genügen würde, war den Verantwortlichen der SBB und ihren Partnern von Anfang an klar. Deshalb wurde vor zehn Jahren ein nationaler Studienauftrag ausgeschrieben. Überzeugt hat das Projekt des Basler Teams Steinmann & Schmid. Es gewann und gestaltet nun das Areal der Zukunft in Visp. Nach einer Überarbeitung folgte 2002 der Entscheid, Visp zu einem Vollknotenpunkt auszubauen. Das Projekt musste in Varianten grundsätzlich überarbeitet werden. Um den gestiegenen Bedürfnissen der SBB und der Matterhorn Gotthard Bahn gerecht zu werden, wurde das bestehende Gleisfeld um rund 20 Meter nach Süden verbreitert. Rund ein Dutzend Gebäude südlich des Bahndamms mussten weichen, sie wurden abgerissen. Die Bauarbeiten an den Bahnanlagen starteten im Herbst 2004, jene für den Hochbau im Jahr 2006. Die gesamte Bahnhofsanlage wurde umfassend umgebaut, das Parkhaus vergrössert und ausgebaut, die Umgebung ansprechend gestaltet.

Gläserner, filigraner Bahnhof

Der gläserne, filigrane Bahnhofsbau wurde 107 Meter lang und setzt einen städtebaulichen Akzent. Er fasst die Bebauungsstruktur gegen den Bahndamm und wird so Ausgangspunkt für eine Neuordnung des Quartiers. Das fünfgeschossige Gebäude aus Glas und Stahl ragt wie ein dunkler Monolith über den Gleisen. In ihm spiegeln sich die Landschaft und die Berge. Der Architekt Herbert Schmid meint, «die spiegelnde Membran tritt mit den umliegenden Bergen in einen Dialog». Bei schönem Wetter sieht man sogar das Bietschhorn in der Nordfassade. In dem dunklen Glas spiegeln sich das Städtchen und die spektakuläre Walliser Bergwelt. Das Aufnahme- und Dienstleistungsgebäude sitzt auf dem Bahndamm und verbindet die höher gelegenen Gleiselemente mit dem Bahnhofplatz. Die leicht zueinander verkippten Gleisebenen führen eine kontrollierte Komponente in das lange Volumen ein, das jetzt schon zum Wahrzeichen des neuen Bahnhofs wurde. Auch das Energiekonzept nahm bei der Planung eine bedeutende Rolle ein. Das Gebäude ist mit einer innovativen Haustechnik ausgerüstet. Die thermoaktiven Bauteile werden wärmeseitig über den Rücklauf der Fernwärme Visp bedient. Die notwendige Kälte wird über eine Wasserkühlung, die gespeist wird von der Rhone, bereitgestellt. Der Sonnenschutz wird über die äussere Verglasung, in der eine Graufolie integriert ist, sichergestellt.

Moderne Kundenplattform

Auf der Platz- sowie auf der Gleisebene entstand eine moderne Kundenplattform mit einem hohen Dienstleistungsangebot für Reisende und Bürger von Visp. In den Obergeschossen sind je 1300 Quadratmeter Bürofläche untergebracht. Diese drei Stockwerke sowie die Parkhauserweiterung wurden von der Gemeinde Visp finanziert. Ein Grossteil der Flächen wurde von der Gemeinde Visp an Dritte verkauft. Eine Vielfalt von verschiedenen Betrieben hat sich hier angesiedelt, unter anderem eine Augenklinik, ein Energiedienstleister, eine Zahnarztpraxis, eine Versicherungsgesellschaft, eine Arztpraxis sowie die Eidgenössische Zollverwaltung und weitere Büros. In unmittelbarer Nähe befindet sich der ganz in Silber getauchte Busbahnhof, der Postauto-Terminal mit insgesamt vierzehn Perrons. Er ist dem Bahnhofsgebäude vorgelagert.
Als gliederndes und schützendes städtebauliches Raumelement steht das 100 Meter lange, auf Pilzstützen ruhende Betondach des Busbahnhofs. Die Pilzstützen und das abgerundete, lang gezogene Dach wachsen zu einer homogenen Einheit zusammen. Es bildet ein eindrucksvolles Skelett. Runde Oberlichter sind wie Bullaugen in die Dachfläche eingestanzt und lockern den schimmernden Terminal noch zusätzlich auf.
 
Der vorgelagerte Aussenraum des Bahnhofs hat ebenfalls eine ästhetische Aufwertung erhalten. An der wichtigen Schnittstelle zwischen dem Übergang Bahnhof und Stadt entstand ein attraktiver öffentlicher Grünbereich. Zwei übergrosse Pflanzobjekte gliedern die nahe Umgebung entlang des Brückenwegs und bilden einen lebendigen und attraktiven Begegnungsort.
 
Die Überbauung Areal Brückenweg ist geprägt durch zwei fünfgeschossige quer zum Tal stehende Hochbauten. Diese schliessen einerseits den lang gestreckten Bahnhofsplatz gegen Westen ab, bilden andererseits durch die präzise Abkantung und Setzung zueinander eine in sich ruhende Grossform als Abschluss des neuen Quartiers. Unter dem Bahnhofsvorplatz befindet sich in Ergänzung zum bestehenden Bahnhofparking eine neue Einstallhalle mit 150 Parkplätzen.

Enormer Termindruck

Der Bahnhof und der direkt angrenzende Busbahnhof wurden zu einem urbanen Treffpunkt für Pendler, Anrainer und Touristen. Die Touristikfachleute umwerben die Gäste für ein offenes, modernes Wallis. Die Gemeinde Visp investiert in dieses Grossprojekt 23 Millionen Franken. Die Gesamtinvestitionen betragen geschätzte 128 Millionen Franken. Das ganze Projekt Neubau Bahnhof Visp stand unter einem enormen Termindruck. Schnell, präzise und flexibel musste es hergehen. «Wir freuen uns über das Pulsieren der attraktiven Verkehrsscheibe, die Visp mit allen Teilen des Wallis verbindet», meint René Imoberdorf, Gemeindepräsident von Visp. Mit ihrem Entwurf hätten die beiden Architekten «einen grossen Input nach Visp gebracht».
 
Prägend für die Arbeit der beiden Architekten ist vor allem die tägliche Praxis im Entwurf und auf der Baustelle mit den Handwerkern. Eigentlich ist es ein stetiges Wachsen und Weiterentwickeln am architektonischen Objekt. Diese gedankliche Flexibilität bewiesen die beiden Architekten mit ihrem eindrucksvollen, bisher grössten Projekt «Bahnhof Visp» und mit den damit verbundenen tief greifenden Transformationen des unmittelbar angrenzenden Quartiers. Weitere grössere Bauten aus dem Basler Atelier werden in Zukunft folgen und das Ensemble verdichten und komplettieren. (Lore Kelly)
 

Die Architekten

 
Mit ihrem heute 15-köpfigen Team arbeiten die Architekten Peter Steinmann und Herbert Schmid vor allem an Projekten in der Nordwestschweiz und im Wallis. In den vergangenen Jahren hat sich das Büro mehr und mehr mit der Entwicklung und Planung von städtebaulichen Projekten einen Namen gemacht. Sie haben schon viele Auszeichnungen, zum Beispiel den Heimschutzpreis Basel 08 sowie den Award 08 erhalten. Die Basler S-Bahn-Haltestelle Dreispitz oder die Raiffeisenbanken von Basel sowie das Gemeindezentrum Gampel zählen zu den wichtigen Bauten der beiden Architekten.
 
Seit 1992 führen der gebürtige Luzerner Steinmann und der im Wallis aufgewachsene Schmid ein eigenes Büro in Basel. Das Atelier befindet sich in einem ruhigen Hinterhofhaus. Hier war früher ein Fotostudio. Die Atelierräume mit 500 Quadratmetern sind über zwei Stockwerke verteilt. Sie haben hohe Räume und grosse Fenster. Als das Architektenteam die Bürolokalität mietete, wurde eine Küche eingebaut, man riss ein paar Wände heraus und entwickelte ein stimulierendes Farbkonzept für die Räume.
 
Die Architekten haben sich in einem Architekturbüro kennengelernt, wo sie beide arbeiteten. Sie studierten an zwei unterschiedlichen Hochschulen. Schmid absolvierte ein Nachdiplomstudium in Energietechnik und arbeitete in Basel bei Matthias Ackermann.
 
Beider Schwerpunkte sind Entwurf, Projekt- und Ausführungsplanung von anspruchsvollen Projekten wie Wohnungsbauten, Bankengebäuden und Arealüberbauungen. Am Anfang ihrer Karriere beschäftigen sie sich mit Möbelentwürfen und seit sieben Jahren mit Ausstellungsgestaltungen für Kunstmessen.
 
Das Büro hatte die Möglichkeit, relativ viele Banken zu bauen. Schon für die Raiffeisenbank haben sie fünf Bauten realisiert. «Die Raiffeisen-Verantwortlichen suchen immer bei markanten städtebaulichen Situationen einen Mix der Nutzung.» Die Architekten integrieren die städtebauliche Situation von Anfang an in ihre Planung. «Der berufliche Ursprung Peter Steinmanns als Maschinenmechaniker mag uns die speziellen Qualitäten ihrer Bauten erklären, die eine klare, eigenständige Präsenz ausstrahlen und die wie Möbelstücke erdacht, präzise gesetzt und bis in alle Details ausgearbeitet und ausgefeilt sind», schreibt Heinz Wirz im Buch «Steinmann & Schmid» vom Quart Verlag. (lk)