Wie ein Poulet am Spiess

Wie ein Poulet am Spiess

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Teaserbild-Quelle: Sylvia Senz
Oliver Gehrig ist im zweiten Lehrjahr und arbeitet zurzeit am Logistik-Gebäude in Spreitenbach an der Fassade. Dort wird es nicht selten bis zu 60 Grad heiss, aber schlapp gemacht hat er bisher noch nie.
 
Der 20-jährige Spenglerlehrling Oliver Gehrig – er ist bei der Firma Scherrer Metec AG im zweiten Lehrjahr – freut sich über die Pause und hofft, dass sie möglichst lange dauern möge. Denn heute ist es heiss und der Termindruck für die Fertigstellung der Fassade des Logistik-Gebäudes in Spreitenbach AG – es gehört der Firma Lagerhäuser Aarau mit ihrem Hauptkunden Nestlé – ist gross. «Wir machen hier die Fassade und den Dachrand mit Notüberläufen. An unserem Arbeitsplatz messen wir nicht selten eine Temperatur von 60 Grad, nach meiner Meinung ist das eigentlich extrem heiss zum Arbeiten», meint er. Ohne mehrfaches Eincremen und Kopfbedeckung gehe gar nichts. Und trinken, trinken, trinken… mehrere Liter täglich. Trotzdem sei man auch dann nicht unbedingt gegen einen Sonnenbrand gefeit. «Gestern mussten zwei meiner Kollegen etwas früher heimgehen, es war zu heiss für sie. Sie hatten wahrscheinlich einen Sonnenstich, obwohl sie getrunken hatten. Heute ist es ein wenig besser, weil es ein paar Wolken gibt.»
 
Angesprochen auf die Hitzevorfälle in deutschen Zügen, meint er, dass er da wohl die Scheiben eingeschlagen hätte. Wenn man genug trinke, gehe es, und wenn es nicht mehr gehe, stelle man sich kurz in den Schatten. Da hilft allerdings auch die Baracke nicht: Im Winter sei es darin zu kalt, im Sommer schon ab 10.30 Uhr zu heiss. Die Arbeit in der Hitze findet Oliver schlimmer als bei Regen: «Da ist man etwas geschützter, aber lustig ist das natürlich auch nicht.» Hinzu komme, dass die Arbeit auch körperlich anstrengend sei: «Dauernd geht es die Treppen rauf und runter», sagt der junge Mann, der sich selbst als unsportlich bezeichnet.
 
Oliver Gehrig begann als Automechaniker, weil er gerne alte Autos reparierte. Aber das wurde ihm dann zu eintönig, «denn heute repariert man nicht mehr, das Auto fährt so raus, wie es reingefahren ist. Ich wollte selber etwas machen. Ein Kollege von mir ist Spengler und so begann ich mit dieser Lehre.»
 

Beissende Mineralwolle

Ein grosser Teil des auffälligen Gebäudes ist schon fertig: ein riesiger Kubus, eingewickelt in «Schokoladenpapier» beziehungsweise Aluminium (siehe auch «baublatt 22/2010). «Das war eine Idee des Architekten und die Arbeit an einer solch aussergewöhnlichen Fassade ist für uns eine Ausnahme», sagt der junge Zürcher. «Es ist schon Schwerarbeit, die Bahnen in Position zu bringen und zu befestigen.» Diese sind vier Meter lang und 70 Zentimeter breit. Sie werden angenietet und die Wellen werden von Hand gemacht.
 
Das allerdings ist der letzte Arbeitsschritt. Auf die Betonwand kommt zunächst Mineralwolle zur Dämmung. «Die beisst, das ist unangenehm, besonders bei Hitze.» Aber volle Bekleidung deshalb? Undenkbar für Oliver Gehrig mit seinen mittellangen Hosen und T-Shirt. Auf die Dämmung folgen bis zu neun Meter lange Trapezbleche, die in Schienen mit Schrauben befestigt werden. «Die zwischengelagerten Bleche wurden vom Dach runtergelassen, wo die Kollegen sie dann festmachten.» Die äusserste Schicht ist die Aluminiumfolie. Das Blech heizt sich enorm auf. «Da fühlt man sich, vor allem wenn man in einer Ecke steht, wie ein Poulet auf dem Grill.»
 
Gearbeitet wird von sieben Uhr morgens bis 17 Uhr. Und manchmal auch am Samstag. Da bleibe schon etwas wenig Zeit, um sich zu erholen. Weiss er Bescheid über Hitzeprävention? Oliver überlegt ein wenig: Stimmt, irgendwo habe er mal einen Zettel gesehen. «Aber da stehen Sachen drauf, die nicht umsetzbar sind. Eigentlich dürfte man nicht arbeiten, wenn es so heiss ist. Aber das geht natürlich nicht.» Sylvia Senz