Wenn die Arbeit auf die Gesundheit schlägt

Wenn die Arbeit auf die Gesundheit schlägt

Gefäss: 
Die Wahrscheinlichkeit, aufgrund der beruflichen Tätigkeit krank zu werden, ist im Bauhauptgewerbe weit höher als in anderen Branchen. Einige Krankheiten sind direkt auf diverse Bauchemikalien zurückzuführen.
 
Es ist kein Geheimnis, dass Baufachleute in ihrem Beruf hohen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind. Von den 2545 bei der Suva registrierten Berufskrankheiten im Jahr 2006 betreffen allein etwa 400 das Bauhauptgewerbe. Wenn man die gemäss Unfallversicherungsgesetz (UVG) anerkannten Berufskrankheiten als Basis nimmt, kommen folgende besonders häufig vor: Gehörschäden, Erkrankungen am Bewegungsapparat (vor allem Sehnenscheidenentzündungen und chronische Erkrankungen der Schleimbeutel), Hautkrankheiten wie allergische und Reizekzeme sowie Atemwegserkrankungen. Auch Krebsformen gibt es zu verzeichnen (wenn auch weit seltener), darunter vor allem Haut- und Lungenkrebs.
 
Von Hautkrankheiten sind Bauarbeiter sehr häufig betroffen. Pro 100 000 Vollbeschäftigten pro Jahr* liegt der Durchschnitt sämtlicher Berufssparten bei 22,4, wobei das Bauhauptgewerbe mit 54,6 Betroffenen deutlich über dem Schnitt zu finden ist. Bei den Atemwegserkrankung weichen die Zahlen kaum vom Schnitt ab, beachtet man aber die Anzahl der Fälle mit Staublunge, ist das Bauhauptgewerbe doch weit häufiger betroffen. Für den Arzt Hanspeter Rast, Bereichsleiter Fachärztinnen/Fachärzte Arbeitsmedizin bei der Suva, sind die Zahlen aber nur halbe Wahrheiten: «Wir sehen vielfach nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer ist in manchen Bereichen weit höher», betont der Arbeitsmediziner.

Ekzeme können zum Berufswechsel führen

Die Haut ist das grösste Schutzorgan des Menschen. Gelangt sie mit aggressiven Stoffen in Kontakt, reagiert sie mit Reizungen, oft nach einer Sensibilisierungsphase auch mit Allergien. Über viele Jahre hinweg wurden bei der Suva jährlich Hunderte von Arbeitern gemeldet, die an Zementekzemen litten. Zement ist stark alkalisch, belastet die Haut und kann Ätzungen verursachen. Besonders gravierend ist der Kontakt mit Allergie hervorrufenden Chromverbindungen, weshalb deren Gehalt im Zement seit den 80er- Jahren in verschiedenen europäischen Ländern gesetzlich reduziert wurde (in der Schweiz 2007). «Aus verschiedenen Gründen, vor allem aber durch die Verminderung der manuellen Belastung mit Zement und aufgrund des verminderten Chromgehalts in verschiedenen Baustoffen werden heute weit weniger Fälle gemeldet», erklärt Rast. Viele Arbeiter haben aber trotzdem über Jahre hinweg mit dem ursprünglich chromhaltigen Zement gearbeitet, die Haut «vergisst» dies nicht. Allergien können sich über Jahre hinweg entwickeln, und so treten auch heute noch neue Fälle von Zementallergie auf, die der Suva gemeldet werden. Generell gilt, den direkten Hautkontakt mit Frischbeton, Frischmörtel und Zement möglichst zu vermeiden.
 
In jüngerer Zeit gelten Epoxidharze vermehrt als Ursache für Hautkrankheiten. Wenn diese ausgehärtet sind, schaden sie nicht, sehr wohl aber ihre flüssigen Härter und und die unausgehärteten Harze. Weil diese Substanzen während der Bearbeitung flüchtig sind, sind jeweils nicht nur die Hände betroffen, sondern auch Arme, Hals und Gesicht. Im Gegensatz zum Zementekzem entwickelt sich diese Reaktion viel schneller. Gelegentlich können auch die Atemorgane betroffen sein.
 
Laut Rast können Arbeiter mit Zementallergien (nicht Reizekzeme) in der Regel nicht mehr auf dem Bau beschäftigt werden, da sie der Krankheitsursache kaum ausweichen können. Den Kontakt mit Epoxidharzen kann man eher vermeiden, und daher können Epoxidharzallergiker eher in ihrem Beruf beschäftigt bleiben.
 
Am ehesten vorbeugen kann man beiden Hautkrankheiten, indem man die empfohlenen Schutzmassnahmen beachtet. Dazu gehören eine sorgfältige Pflege der Hände (mindestens Pflegecremen nach der Arbeit, Verwendung möglichst milder Reinigungsmittel) sowie das Tragen geeigneter Handschuhe. Rast empfiehlt vor allem solche aus Nitril, da dieses Material sehr widerstandsfähig ist und auch selber kaum Allergien auslöst. Ein Baumwollfutter erhöht den Tragekomfort. Bei Arbeiten mit Epoxidharzen ist ein Atemwegsschutz ratsam, eine gute Lüftung sowie bei grossflächiger Anwendung gar ein Schutzanzug.
 
Arbeitgeber sollten ihren Mitarbeitenden die notwendigen Hilfsmittel in ausreichender Qualität und Menge zur Verfügung stellen. Besonders sorgsam sollten temporäre Mitarbeiter informiert werden. Gerade im Umgang mit Zement sind diese oft unwissend, und schlimme Verätzungen kommen laut Rast immer wieder einmal vor.

Verstaubte Atemwege vermeiden

Feiner Staub und mikrofasrige Stoffe belasten die Lunge. Im Gegensatz zu Hautkrankheiten sind Erkrankungen der Atemwege aber lange nicht sichtbar, die belastenden Stoffe ebenso wenig. Zu den häufigsten Problemen gehören: Staublunge, Lungenkrebs, chronische Erkrankungen der oberen Atemwege und allergische Reaktionen wie Asthma. Letzteres tritt eher rasch auf, eine Staublunge bleibt aber oft über Jahre hinweg unentdeckt.
 
Besonders bekannt sind die schädlichen Auswirkungen von Asbestfasern (siehe auch «baublatt» 6/09). Neuer ist die Erkenntnis, dass bereits kurze intensive Expositionen gesundheitsgefährdend sein können. Laut Dr. Martin Gschwind, Leiter der Suva-Abteilung Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, spiegeln die heute bekannten Zahlen von asbestbedingten Erkrankungen die früheren Expositionen in den Branchen wieder. «Heute sind insbesondere das Bauhaupt- und Nebengewerbe im Rahmen von Umbauten mit unterschiedlichen asbesthaltigen Materialien konfrontiert», sagt der Experte. Immer wieder wird deshalb auf die Sorgfaltspflicht von Arbeitnehmern und Arbeitgebern hingewiesen.
 
Asbest kann die Ursache sein für Asbestose (Asbeststaublunge), malignes Pleuramesotheliom (MPM) und Lungenkrebs. Bei den Tumoren der Brustorgane ist vor allem das MPM, eine sehr aggressive Tumorform, auf Asbest zurückzuführen. 2005 wurden der Suva über 110 neue MPM-Fälle gemeldet. Laut dem Verein für Asbestopfer sterben daran 50 Menschen pro Jahr, laut Suva betrifft rund ein Drittel der Todesfälle Menschen, die im Bauhaupt- und Nebengewerbe gearbeitet haben (2008).
 
Schädlich für die Atemwege sind neben Asbest aber auch Quarz- und Zementstaub, Reaktivharze (zum Beispiel Polyurethane) und organische Stäube. Bei den Stäuben kommt es darauf an, wie lange man ihnen ausgesetzt war und wie viel davon in der Lunge zurückbleibt. Es gilt die Schutzbestimmungen wirklich konsequent einzuhalten und bei einem ersten Verdacht sofort einen Arzt aufzusuchen. Allerdings können die Symptome bei Staublungen verursachenden Stäuben erst nach Jahrzehnten auftreten. Bei Chemikalien wie Polyurethanen oder Epoxidharzen können Symptome schon nach kurzer Zeit auftreten.

Vorischt vor der Sonne

Die meisten Baufachleute setzen sich überdurchschnittlich oft der Sonne aus. Was viele nicht bedenken: Nicht nur Schnee und Wasser, auch helle Oberflächen wie Metall und heller Beton reflektieren die Sonnenstrahlen und verstärken deren Wirkung. Darüber hinaus schützt ein bewölkter Himmel nicht; bis zu 80 Prozent der UV-Strahlen dringen durch die Wolken. Zu den Schutzmassnahmen gehören ein geeignetes Sonnenschutzmittel, das an stark exponierten Stellen wie Nacken mehrfach täglich aufgetragen wird, Kopfbedeckung (Helm), Sonnenbrille mit UV-Schutz und dicht gewebte Kleider mit kräftigen Farben. Besonders aufpassen sollte man zwischen 11 und 15 Uhr, weil während dieser Zeit die Intensität der Strahlen am höchsten ist. Einige Bauunternehmer stellen ihren Mitarbeitern Sonnenschutzmittel zur Verfügung, doch meistens müssen die Arbeiter die Schutzmassnahmen selber berappen.
 
In der Schweiz erkranken pro Jahr rund 15 000 Menschen an Hautkrebs, in 1700 Fällen handelt es sich um einen bösartigen Tumor (Melanom). Laut Suva sterben jährlich 250 Menschen an einem Melanom. Basaliom und Spinaliom, die hauptsächlich bei chronischer Sonnenbestrahlung auftreten, sind weniger gefährlich als das Melanom. Deshalb sollten gerade Baufachleute ihre Haut gut beobachten und allfällige Veränderungen von einem Arzt überprüfen lassen.
 

HINTERGRUND

Pflichten von Arbeitgeber und Arbeitnehmer: 
Gemäss Art. 5. und 6 der Verordnung über die Verhütung von Unfällen und Berufskrankheiten (VUV) muss der Arbeitgeber nötigenfalls persönliche Schutzmittel wie Schutzbekleidung, Schutzbrillen, Atemschutzgeräte, Hautschutzmittel zur Verfügung stellen und die Arbeitnehmer über die bei ihrer Arbeit auftretenden Gefahren in Kenntnis setzen.
Laut Art 11 VUV muss der Arbeitnehmer die Weisungen des Arbeitgebers in Bezug auf die Arbeitssicherheit befolgen und sich gleichzeitig verpflichten, die notwendigen persönlichen Schutzausrüstungen zu benutzen.
 
Stoffe, die typidche allergische Kontaktekzeme auslösen:
Metallsalze wie Chrom-, Nickel-, Kobaltsalze. Formalin, Epoxyharze, Acrylate, Methacrylate, Aromatische Nitro- und Aminoverbindungen, Thiurame und Carbamate, Duftstoffe, diverse Konservierungsmittel.
 
Stoffe mit krebserregenden Eigenschaften:
Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAH) wie Benzo(a)pyren in Teer und Pech, Asbest, gewisse aromatische Amine.
 
Ursachen für Atemwegserkrankungen:
Stäube: Asbeststaub, quarzhaltige Stäube, Holzstaub, organische Stäube (z. B. Schimmelpilze und anderes);
Dämpfe: Isozyanate (Polyurethane), Epoxidharze, diverse organische Lösungsmittel.