Wenn der Slum vom Regenbogen träumt

Wenn der Slum vom Regenbogen träumt

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Teaserbild-Quelle: zvg
Am Ende des Regenbogens steht kein Topf voller Gold, sondern eine Favela. Das gilt zumindest für Rio de Janeiro, wo ein Künstlerduo 34 Häuser einer Favela in ein bewohnbares Kunstwerk verwandelt hat.
 
 
Vila Cruzeiro gehört zu den übelsten Bezirken von Rio de Janeiro. Die Polizei traut sich nur mit Spezialeinheiten hierher. Schiessereien sind in dem Labyrinth aus verwinkelten Gassen und engen Häuserschluchten Alltag. Denn hier gelten die Gesetze des Roten Kommandos, des «Comando Vermelho». Die Drogenbosse verfügen über modernste Waffen und rekrutieren auch Kinder und Jugendliche. Doch dies ist nur eine Seite des verrufenen Quartiers. Hier hat auch ein besonderes Kunstprojekt seinen Anfang genommen, das «Favelapainting»-Projekt: Das holländische Künstlerduo Der Urhahn und Jeroen Koolhaas – Haas & Hahn – schmückte eine 150 Quadratmeter grosse Mauer mit einem Jungen und einem Drachen. Und insgesamt 2000 Quadratmeter Asphalt auf einem hügeligen Gelände verzierten sie mit roten Karpfen im Stil einer japanischen Tätowierung. Haas & Hahn sind fasziniert von den Elendsquartieren der brasilianischen Metropole.

Verborgene Schönheit

Sie haben im chaotischen Häusergewirr eine verborgene Schönheit entdeckt: «Die meisten Favelas bestehen aus Zement und Backsteinen. Es scheint, als ob sich jemand ein Standarddesign ausgedacht hätte, alle damit einverstanden gewesen waren und sich danach richteten. Diese Homogenität ist etwas sehr Schönes», sagte Koolhaas in einem Interview. Die Architektur der Favelas sei dem Konzept wie wie in der Tierwelt gebaut wird ähnlich, präzisiert Urhahn. «Jeder erschafft sich seinen eigenen Raum und hält sich dabei aber an einen übergeordneten Plan – wie es beispielsweise auch Ameisen tun. Was dabei heraus kommt, funktioniert wunderbar.» Das auf den ersten Blick chaotische Häuser- und Barackenwirrwarr entpuppt sich bei näherem Hinsehen als gewachsene, fast organische Struktur. Dass sich diese als Malgrund für ein gigantisches Kunstwerk eignet, stand für Haas & Hahn schnell fest: Sie wollten eine ganze Favela in ein einziges, riesiges, begehbares Stück Kunst verwandeln. Und zwar so, dass sie schon von weitem gut sichtbar ist. Daraus ist bis jetzt zwar noch nichts geworden, aber Haas & Hahn haben dieses Jahr im Quartier Santa Marta einen Anfang gemacht. Auf dem Hügel im Herzen der Start leuchten seit Mai insgesamt 34 Häuser in bonbonpink, zitronengelb, feuerrot, grasgrün und in himmelblau. Fast sieht es so aus, als ob sich hier ein Regenbogen niedergelassen hätte, der seine Farben nun in alle Richtungen strahlen lässt. «Dieses Kunstwerk kann im Leben der Bewohner der Favela und des übrigen Rio viel bewirken», ist Urhahn überzeugt. Laut den Künstlern besitzt ihr Projekt das Potenzial ein Ventil bei sozialen Veränderungen zu sein. Denn die «Favelapainting»-Aktion ist weit mehr als nur Kunstprojekt: Zwar haben Urhahn und Koolhaas den Entwurf geliefert, umgesetzt wurde er aber zur Hauptsache von der lokalen Bevölkerung, ebenso wie die ersten beiden Projekte in Vila Cruzeiro.

Aufräumen statt malen

Für die Regenbogenhäuser in Santa Marta wurden 25 Jugendliche zu Malern ausgebildet. Dies soll ihnen nicht nur die Möglichkeit geben, eigenes Geld zu verdienen sondern auch Verantwortung für das Projekt zu mit zu tragen. Angeleitet wurden die jungen Leute von drei Malern aus Vila Cruzeiro. Das Projekt forderte viel Engagement und Begeisterung. Denn im April unterbrachen die katastrophalen Unwetter ihre Arbeit: Die massiven Regengüsse und die daraus entstehenden Erdrutsche setzten den Favelas arg zu. Nachdem hunderte umgekommen waren und tausende ihr Zuhause verloren hatten mussten die Maler erst beim Aufräumen der Trümmer helfen.
 
Die Verwundbarkeit solcher Quartiere mache klar, dass die Favelas jede Aufmerksamkeit brauchen, heisst es auf der Website des Projektes. Darum sehen viele Favelabewohner im der beiden Holländer Kunstprojekt eine Chance, ihrem Quartier zu mehr Beachtung zu verhelfen. Und das scheint nötig. Aus Sicht der Favelabewohner macht ihr Zuhause zwar einen wichtigen Teil der Stadt aus, aber im Gegensatz dazu realisiert dies ihre Umgebung kaum. Umso nötiger ist es darum wohl, dass sich die Farben der 34 Häuser von Santa Marta über das ganze Quartier ausbreiten. Das sind auch die Pläne von Haas & Hahn. Aber sie haben noch mehr vor: «Was spricht dagegen, die Idee noch anderswo umzusetzen? In Johannesburg, in Mumbai oder wo auch immer auf der Welt.» (Silva Maier)