Wenn Bauten durchsichtig werden

Wenn Bauten durchsichtig werden

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Teaserbild-Quelle: zvg
Um ein Bauwerk sanieren zu können, braucht es Pläne und Kenntnisse über das Bauwerk. Oft sind diese Informationen aber nicht mehr vorhanden, sodass man sie sich irgendwie anders beschaffen muss. Eine Möglichkeit ist die sogenannte Bauwerksdiagnostik.
 
Der erste durchleuchtete Körper dieser Welt war die Hand von Anna Bertha Ludwig. Sie war die Frau von Wilhelm Conrad Röntgen, der die nach ihm benannte Röntgenstrahlung im Jahr 1895 entdeckte. Ein Jahr später druckte die New York Times das Röntgenbild ab und versetzte die Öffentlichkeit damit ins Staunen. Mittlerweile ist der Blick ins Innere des Menschen mit verschiedenen Bestrahlungen bis ins letzte Detail möglich. Und in der Medizin eine bewährte Methode, um Krankheiten aufzuspüren, ohne den Patienten aufschneiden zu müssen. Dass sich diese Art der Untersuchung auch auf Bauwerke übertragen lässt, ist bekannt. Allerdings steckt die Bauwerksdiagnostik noch immer in den Kinderschuhen, weil sich die Methode in der Baubranche nicht vollends durchzusetzen vermochte. «Obwohl es heutzutage möglich ist, ein Bauwerk von oben bis unten zu durchleuchten, werden bei der Zustandsprüfung noch immer sehr oft zerstörende Massnahmen eingeleitet», sagt Christian Florin. Der diplomierte Ingenieur arbeitet für die Irscat AG, die sich auf die Bauwerksdiagnostik spezialisiert hat. Ihr Anliegen ist es, die verschiedenen Messverfahren in der Baubranche zu etablieren. Mit der Fachtagung «Zerstörungsfreie Mess- und Prüfverfahren» startete die Firma eine Informationskampagne, mit der sie die Bauwerksdiagnostik nicht nur bekannter machen, sondern auch eine Diskussion zum Thema auslösen will.
 

Keine Pläne mehr vorhanden

Warum aber kommt es überhaupt zu Schäden? Dass Bauwerke für eine Ewigkeit halten können, haben unter anderem die Römer bewiesen. Die Lebensdauer heutiger Bauten dagegen beträgt nur noch an die 100 Jahre. Gemäss dem Referenten Stefan Linsel, Professor für Architektur und Bauwesen, findet sich der Grund dafür vor allem in der Errichtungsphase: «Häufigste Ursache, warum sich der Zustand eines Bauwerks verschlechtern kann, sind Planungsfehler gefolgt von mangelnden Informationen, fehlendem Know-how, schlechte Ausführung und unpräzise Zielvorgaben.» Sichtbar werden die dadurch verursachten Schäden aber erst nach Jahren. Meist künden sie sich durch Risse und Abplatzungen an der Oberfläche an und deuten darauf hin, dass sich im Innern des Bauwerks ein viel grösserer Schaden befindet. Um diesen ausfindig zu machen, brauchen die Baufachleute eingehende Informationen über den Aufbau und die Pläne des betroffenen Bauwerks. Denn nur anhand dieser Angaben können die Experten herausfinden, wo sich beispielsweise die Leitungen oder die Bewehrungen befinden, und welche Materialien im Bau eingesetzt worden sind. Dadurch wird eine Instandsetzung erst ermöglicht. Oft kommt es aber vor, dass nach all den Jahren weder Informationen zum Aufbau noch Pläne auffindbar sind. Deshalb müssen die Spezialisten den Bau vor der Sanierung erst einmal analysieren. Hierfür können entweder zerstörende Massnahmen mit dem Hammer oder eben nicht zerstörende Prüf- und Messverfahren eingeleitet werden.
 

Forschung schläft nicht

Zu den nicht zerstörenden Messverfahren gehören neben der 1895 entdeckten Röntgenstrahlung unter anderem auch Ultraschall, Radar, Laserabtastung, Seismik, Thermografie und Geoelektrik (siehe «Hintergrund»). Welches Verfahren zum Einsatz kommt, hängt vom Bau (zum Beispiel Strasse, Brücke, Gebäude, Rohrleitungen) und dessen Beschaffenheit (zum Beispiel Stahl, Beton) ab. Eine wichtige Rolle spielt zudem, was gesucht wird. Wann immer möglich, werden die verschiedenen Verfahren miteinander kombiniert. «Das Wichtigste bei den nicht zerstörenden Methoden ist aber, dass man die gewonnenen Daten richtig interpretiert», betont Geophysiker Markus Hübner. An der Tagung wiesen mehrere Referenten denn auch darauf hin, dass man nie ganz sicher sein kann, ob die Daten richtig interpretiert worden sind. Im Zweifelsfall komme man nicht darum herum, zerstörende Eingriffe vorzunehmen. Diese seien aber nur an klar definierten Orten und punktuell nötig. «Gerade darin liegen entscheidende Vorteile der zerstörungsfreien Messung, weil man dadurch kritische Bereiche erkennt und zerstörende Aufgaben gezielt anordnen kann», meint Ingenieur Christian Florin. Diese Erkenntnis muss sich in der Baubranche aber erst noch durchsetzen. Die Methoden für zerstörungsfreie Prüf- und Messverfahren werden indessen immer weiter entwickelt, sodass die Interpretation der Ergebnisse weiter vereinfacht wird. Auf diese Weise lassen sich Fehlerquellen minimieren und die Verfahren zu einer zuverlässigen Technologie reifen. So, wie es in der Medizin seit der Entdeckung der Röntgenstrahlung vor rund 115 Jahren der Fall ist. Florencia Figueroa
 
 

Nachgefragt bei Christian Florin. Er ist Ingenieur und arbeitet für die Firma Irscat AG.

 
Wie teuer sind zerstörungsfreie Prüf- und Messverfahren im Vergleich zu zerstörenden Massnahmen?
Zerstörungsfreie Messverfahren sind in der Regel nicht viel teurer als zerstörende Massnahmen. So kostet zum Beispiel die Analyse eines acht Kilometer langen Wasserstollens, der auf seine Betonqualität untersucht wird und seine Hohlräume hinter dem Beton geortet werden, etwa 30 000 Franken. Der entscheidende Vorteil ist, dass die Ergebnisse im Gegensatz zu den zerstörenden Massnahmen schneller vorliegen und eben, zerstörungsfrei sind.
 
Warum haben sich zerstörungsfreie Prüf- und Messverfahren in der Baubranche nicht etabliert?
Weil die Verfahren gegenüber konventionellen Methoden nicht zertifiziert und zugelassen sind. Ausserdem tun sich die Verbände und auch der SIA schwer darin, neue Methoden zu akkreditieren, weshalb die Baufachleute dem Thema nur geringe Beachtung schenken.
 
Welchen Erfolg versprechen Sie sich von der Informationskampagne der Irscat AG?
Wir sind davon überzeugt, dass wir eine breite Diskussion auslösen können, die dazu führt, dass die Kompetenzen stärker fokussiert werden. Dies ist notwendig, damit auch in wirtschaftlicher Hinsicht der Nutzen aus dieser Messtechnik nachgewiesen wird. Ausserdem wollen wir erreichen, dass sich durch die Diskussion mehr Fachleute finden lassen, damit der personelle Engpass beseitigt wird. (ffi)