Wahrzeichen vor Zürichs Hausberg

Wahrzeichen vor Zürichs Hausberg

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Am grössten Bürogebäude der Schweiz wird für 270 Millionen Franken intensiv gebaut. Die spannendsten Bauphasen bei der Erweiterung des Uetlihofs der Credit Suisse am Stadtrand von Zürich finden unter der Erde statt. Das passt zum diskreten Erscheinungsbild des Gebäudekomplexes, der sich eingebettet in die Landschaft an den Uetliberg schmiegt.
Der Uetlihof der Credit Suisse in Zürich steht selten im Rampenlicht, obwohl dort gegenwärtig 6000 und künftig über 8000 Arbeitsplätze angesiedelt sind. Es handelt sich um ein Verwaltungsgebäude, und wenn die Grossbank in den Nachrichten erscheint, dann sind meist Bilder vom Hauptgebäude am Paradeplatz zu sehen. Der Gebäudekomplex am Uetliberg kommt aus mehreren Gründen unauffällig daher. Er erscheint relativ niedrig, weil zwei Drittel der Kubatur im Boden versenkt sind – die Analogie zum Eisberg ist offensichtlich.
Beim Bau der ersten Uetlihof-Etappe vor 36 Jahren konnte eine ausgebeutete Lehmgrube der Zürcher Ziegeleien mit 100 000 Quadratmeter Fläche genutzt werden. Die unteren sieben Geschossebenen wurden in die bergseitig 30 Meter tiefe Grube gebaut. Die Angestellten in den Untergeschossen müssen aber nicht ohne Sonnenlicht auskommen. Dank Hanglage haben die Räume im Osten eine Fensterflanke. Weil um den Uetlihof eine preisgekrönte Grünanlage mit Magerwiesen, Hecken, Weiher, Bach und Tümpel gepflegt wird, fügt er sich grün in grün in die Topografie vor dem Uetliberg ein. Und wer auf dem Uetliberg steht und Richtung Saalsporthalle blickt, dem mag vielleicht auffallen, dass es auch auf dem 5000 Quadratmeter grossen Flachdach des Uetlihof spriesst und blüht. Dank einer extensiven Bepflanzung siedelten sich rare Blumen an, zum Beispiel die Sumpfwurzorchidee oder das Rosmarin-Weidenröschen. Bautechnisch und architektonisch ist der Uetlihof alles andere als ein Mauerblümchen. Seit 1974 in Etappen erbaut, ist er das grösste Bürogebäude der Credit Suisse und besteht aus zwölf Ebenen mit jeweils sechs Waben. Für die Architektur war von Anfang an das Büro Stücheli Architekten verantwortlich.
Mit der Erweiterung «Uetlihof 2» auf der Südseite unmittelbar neben dem wabenförmigen Hauptgebäude schafft die Bauherrin 2000 zusätzliche Arbeitsplätze. Über 8000 Mitarbeiter werden nach der Fertigstellung 2011 im gesamten Komplex tätig sein – es entsteht das grösste Bürogebäude der Schweiz. Ein Personalrestaurant mit 300 Sitzplätzen sowie ein Fitness- und Sportzentrum ergänzen die Räumlichkeiten. Gesamthaft investiert die Bauherrin 270 Millionen Franken in das Projekt Uetlihof 2. Spannend wird es beim Neubau vor allem beim Schnitt zwischen Erdgeschoss und Hochbau. Der neue Uetlihof 2 wird ein unregelmässiges Achteck, ein markanter Bau, der städtebaulich einen neuen Akzent im Süden von Zürich setzt. Es handelt sich um einen Wiederaufbau ab Sockelgeschoss. Das 40 Meter hohe Gebäude mit repräsentativem Charakter wird auf die bestehenden sechs Untergeschosse abgestellt. Der Geschäftsbetrieb unter Boden darf durch die Bauarbeiten nicht gestört werden. Die technischen Anlagen, die sich dort befinden, versorgen die Verwaltung der Grossbank mit Strom, Frischluft, Kälte und Wärme. Sie dürfen aus betrieblichen Gründen nicht ausfallen. Zudem baut die Credit Suisse zur Sicherstellung der Energieversorgung ein zweites Notstrom-Krafwerk beim Uetlihof.
 

Teure Bürofläche in der Innenstadt

Die Neufestlegung der Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich von 2003 ermöglichte, zusätzliche 28 000 Quadratmeter Fläche auf dem Uetlihof-Areal zu nutzen. Die Credit Suisse hatte ein wohlkalkuliertes Interesse, Arbeitsplätze aus verschiedenen Büros in der Zürcher Innenstadt in einen erweiterten Uetlihof zu verlagern und damit bis 30 Prozent an Arbeitsplatzkosten einzusparen: «Die Credit Suisse unterhält auf dem Platz Zürich über 22 000 Arbeitsplätze: ein Viertel in Zürich Nord, ein Viertel in der City und knapp die Hälfte hier in Zürich Süd. Ein Quadratmeter Bürofläche in der City kostet im Schnitt 700 Franken pro Quadratmeter, im Uetlihof dagegen 350 bis 430 Franken», erklärt Daniel Bucheli, Managing Director Corporate Real Estate der Credit Suisse.
Im November 2005 präsentierte Stücheli Architekten eine erste Machbarkeitsstudie, die verschiedene Erweiterungsvarianten beleuchtete. Vor dem jüngsten Neubau war an das wabenförmige Uetlihof-Hauptgebäude ein schlanker Verlängerungsbau angefügt. «Ursprünglich wollte man von diesem Verlängerungsbau, dem Uetlihof 2, die Fassade abbauen und weitere Geschossflächen angliedern, sagt Gesamtprojektleiter Antony Strub von der Credit Suisse. «Es zeigte sich, dass die auf Zellenbüros ausgerichtete Raumhöhe des alten Gebäudes für die geplanten Grossraumbüros nicht geeignet war– unter anderem wegen der Lüftungs- und Kühlungssysteme.» Darum entschied sich die Bauherrschaft für ein Gebäude mit rund 80 mal 80 Meter Grundfläche mit modernen Raumtiefen, das mit drei Innenhöfen auch im Kern gut belichtet ist. Der Stützenraster der unterirdischen Geschosse war zudem ideal für einen Neuaufbau ab Erdgeschoss, auch wenn einzelne Piloti noch verstärkt werden mussten.
Der Bienenstock-Aufbau des Uetlihofs war für Stücheli Architekten auch beim Neubau ein wichtiges architektonisches Motiv: Die Waben funktionieren für Architekt Christof Glaus als einzelne Häuser. Als interne Verbindung quer durch den Bau dient eine Fussgängerachse mit Cafés und Take Away sowie diversen Dienstleistungen, zum Beispiel Sport- und Fitnessräume. Die Innenhöfe im Hauptbau des Uetlihofs stellen die Gärten zwischen den Häusern dar. Auch im Neubau wird eine Abtrennung zwischen öffentlichen Räumen bei den Innenhöfen und Bürofläche an den Fassaden vorgenommen. Die Höfe im Neubau werden aber begehbar sein und die Fassaden transparent. Die Grossraumbüros mit einer Tiefe von elf Metern entlang der Fassade umfassen wie eine Rinde den innenliegenden Erschliessungsbereich und die drei Innenhöfe. Die Büros lassen sich mit verstellbaren Wänden beliebig gestalten. So kann die Bank je nach Bedarf auf einem Stockwerk kleinere oder grössere Räume schaffen. Die Höfe machen als Atrien die ganze Gebäudehöhe erfahrbar, schaffen Durchblicke und vielfältige Raumbezüge. Wer im Erdgeschoss steht und den Hals nach oben reckt, dem scheint nicht nur die Sonne ins Gesicht. Es bietet sich auch eine einmalige Sicht auf die überliegenden zehn Stockwerke. Neben der Zuführung von Tageslicht ins Innerste des Gebäudes dienen die Höfe der Luftzirkulation und sind Räume der Begegnung und der Kommunikation.
Die achteckige Form des Uetlihofs 2 ist bedingt durch den Willen der Bauherrschaft, den zur Verfügung stehenden Platz voll auszunützen. Besonders hebt Architekt Glaus die versetzten Ebenen des Gebäudes hervor: «Die tektonische Schichtung, wie sie sich in den Sockelgeschossen zeigt, wird zum übergeordneten Gestaltungskonzept des Neubaukörpers. Die geschichteten Ebenen-Stapel verschieben sich gegeneinander und geben der Grossform Massstäblichkeit und Expressivität.» Auch die Fassade ordnet sich dem Thema der Schichtung und der skulpturalen Wirkung des Körpers unter. «Die Brüstungsbänder leben vom Kontrast der Materialität der speziell behandelten Betonoberfläche sowie der Fenstergläser und treten durch ihre Art der Oberflächenbeschaffenheit in direkten Dialog zum Bestand», so Christof Glaus. Beim Materialisierungs-Konzept zeigt sich die Schichtung der Gebäudehülle durch den Kontrast der Betonbänder und der Fensterbänder. Für die Gestaltung vorfabrizierten und mit einer Matrize versehenen Betonbänder wird als Metapher die ausgewaschenen Schichten der alten Lehmgrube verwendet. Generell bilden in den Erschliessungszonen Hartbeton und Ortbeton als mineralische Materialien ein Gegensatz zur umfassenden Membrane, die sich in den Höfen verdichtet, so zum Beispiel die Treppenkerne und Liftschächte.
Die Credit Suisse stellt während der Bauarbeiten den Betrieb nicht ein. Seit dem Spatenstich im Sommer 2009 stellt das eine der grössten Verantwortungen für den Generaltunternehmer HRS Real Estate AG dar. Der Bau läuft während des fortlaufenden Geschäftsbetriebs der Bank in den Untergeschossen. Während über der Erde der Rückbau der Büroflächen in vollem Gange war, ratterte in den Uetlihof-Katakomben der vollautomatische Postversand weiter, während gleichzeitig die Statik verstärkt wurde. So musste beispielsweise ein Joch zur Deckenverstärkung eingebaut werden. Die Installateure montierten dieses Joch über einer laufenden Druckereimaschine und mussten aufpassen, die teure Maschine nicht zu beschädigen. Auch der Abbruch musste sehr kontrolliert vonstattengehen. Eine Abrissbirne kam nicht infrage, statt dessen bissen Baggerzangen durch die Betonschichten. Mit dem Abschluss der Rückbauarbeiten musste HRS-Projektleiter René Appert sicherstellen, dass die offengelegte Betondecke mit den bestehenden Liftschächten der Untergeschosse auch bei Regenwetter dicht blieb. In den Untergeschossen der CS finden sich grossvolumige Rohre mit einer Länge von fünf Metern, die als Kälteleitungen dienen. Ihre Anlieferung war spektakulär. Zwar konnten laut René Appert die meisten Rohre via Anlieferung ins Haus gebracht werden. Ein Teil musste aber via Drehkran durch die Innenhöfe in die Keller gesenkt werden. Einen Tag brauchten die Schlosser jeweils, um die Stücke mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern zusammenzuschweissen.
Mittlerweile befindet sich der Rohbau in vollem Gang. Bereits sind die Maurer auf dem 14. Geschoss angelangt. Ebenerdig installieren die Monteure bereits die Gebäudetechnik in den Steigzonen und den Gängen, die Verglasung der Fassaden ist angelaufen. Besondere Vorsicht müssen die Arbeiter den Leitungen zollen, die keinesfalls verletzt werden dürfen. Appert meint dazu: «Die HRS hat in Zusammenarbeit mit dem Generalplaner ein detailliertes Drehbuch erstellt, die jede Medianleitung einschliesst und genau aufzeigt, wann an welchem Kanal operiert werden darf.»
 

Slots für die Lastwagen

Die Versorgung der Baustelle geschieht über eine schmale Baustellenzufahrt. Die Platzverhältnisse sind sehr eng. «Jeden Monat werden rund zehn Millionen Franken verbaut, und das entsprechende Material muss über diese Zufahrt angeschafft werden», sagt Appert. «Wir haben darum ein Logistikinstrument in Betrieb genommen, mit dem sich jeder Zulieferer anmelden muss und ein Zeitfenster erhält. Die Chauffeure müssen sich an die Vorgaben halten. Bei einer Situation wie letzthin an einem Wochenende, als 70 Fahrzeuge während zwei Tagen 50 Tonnen Material anlieferten, ist das unabdinglich.» Dieses Slotmanagement wird auch auf anderen Baustellen wie dem Zürcher Prime Tower angewendet, dem zukünftig höchsten Gebäude der Schweiz. Eine Entlastung bildet das lokale Betonwerk, mit dem zumindest die Betontransporte wegfallen – die Zuschlagstoffe werden aber trotzdem per Lastwagen angeschafft.
 

Ergänzende Energieversorgung

Zum Neubauprogramm zählt auch eine zusätzliche Energiezentrale, die als Notstrom-Verstärkung zu einem bestehenden Kraftwerk dazukommt. Erstens, weil mit 2000 zusätzlichen Arbeitsplätzen ein erhöhter Bedarf vorhanden ist, zweitens, weil das Rechenzentrum mehr Strom beansprucht und drittens um dem Handelsbereich eine hohe Energieverfügbarkeit zu gewähren. «Finanziell stellt die neue Energiezentrale ein wesentlicher Teil des Projekts dar», sagt Daniel Bucheli. 50 Prozent der Bausumme fliesse in die Haustechnik. Nicht, weil die Bank in erster Linie Hochsicherheitstüren oder ähnlich kostspielige Sicherheitseinrichtungen installieren lässt, sondern um die Betriebssicherheit der technischen Anlagen zu garantieren. Zwei Unterwerke erschliessen die neue Energieversorgung. Gegenwärtig befindet sich dort, wo die neue Energiezentrale gebaut wird, noch ein 30 Meter tiefer Graben, durchsetzt mit Betonpfählen aus den unterliegenden Stockwerken. Die um die Grube laufende Pfahlwand wird zur Stabilisierung einhäuptig anbetoniert.
Ein Teil der Energiezentrale liegt im obersten Geschoss, das gänzlich der Haustechnik vorbehalten ist. Die Fassade dort ist perforiert, die Anlage im Innern kann so Luft direkt ansaugen. Die Beheizung des Neubaus erfolgt via Rückgewinnung der Abwärme des Computerzentrums. Anstelle einer Bodenheizung transportieren thermoaktive Elemente , eingelegt in die Betonbrüstung, Wärme ins Gebäudeinnere. Sie funktionieren im Prinzip gleich wie eine Bodenheizung.
Die Credit Suisse hat für den Uetlihof 2 die provisorische Zertifizierung nach dem Standard Minergie-P-ECO erreicht. Auf dem Weg zur definitiven Zertifizierung finden während dem Planungsprozess laufend Überprüfungen und Audits statt. Damit wird sichergestellt, dass die Bank ökologisch einwandfreie Arbeitsplätze mit einem hohen Komfort erhält. Da der Uetlihof 2 auch das schweizweit grösste Gebäude nach dem Standard Minergie-P-ECO sein wird, leistet er einen bedeutenden Beitrag zur Umsetzung der Treibhausgasneutralität der Credit Suisse in der Schweiz. Zudem wird der Neubau in Einklang mit der von der Stadt Zürich angestrebten 2000-Watt-Gesellschaft realisiert. Das Projektteam, bestehend aus Vertretern der Credit Suisse, dem Architekt und dem Generalunternehmer, ist zuversichtlich, den Bau bis Herbst 2011 abschliessen zu können. Thomas Kümin