Wahrzeichen unter der Lupe

Wahrzeichen unter der Lupe

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Teaserbild-Quelle: Ben Kron
Seit 1883 führt die Kirchenfeldbrücke von der Berner Altstadt über die Aare ins gleichnamige Quartier. Im Hinblick auf einen Ausbau des Tramverkehrs musste die Eisenkonstruktion auf ihren Zustand überprüft werden. Ein Job für die schwindelfreien Industriekletterer des Tiefbauamtes.
 
Viele Menschen haben die Berner Kirchenfeldbrücke schon einmal überquert, sei es zu Fuss, mit dem eigenen Fahrzeug oder einem Tram und Bus. Und viele kamen mit einem Klumpen im Bauch am anderen Ende an, nach der Überquerung des spürbar vibrierenden und schwingenden Bauwerkes.
 
Noch stärker vibriert der schmale Gittersteg gleich unterhalb der Fahrbahn, von dem aus man einen prächtigen Blick auf die komplexe Eisenkonstruktion hat, und einen schwindelerregenden auf die 35 Meter weiter unten fliessende Aare. Hier ist für eine Woche im Sommer der Arbeitsplatz der vier Industriekletterer des Berner Tiefbauamtes. Die speziell für solche Einsätze ausgebildeten Männer untersuchen den Zustand der 1883 errichteten Brücke. Ein Job, den man nur topfit ausüben kann. Jeden Tag vor Arbeitsbeginn muss deshalb jeder Einzelne bestätigen, dass er sich gesund und einsatzbereit fühlt. „Nur wer topfit ist, darf klettern“, fasst es Hans Brünisholz, der Vorarbeiter zusammen.
 

„Die Männer haben den Auftrag, die gesamte Konstruktion zu überprüfen, also die Pfeiler, die Eisenträger und alle im voraus berechneten möglichen Schwachpunkte, aber auch sämtliche Nieten und Schraubenverbindungen“, führt Stefan Bähler, der zuständige Projektleiter beim Tiefbauamt, aus. „Die erste Kontrolle erfolgt optisch. Bei Verdachtsfällen machen die Kletterer Fotos, die der Brückeningenieur dann auswertet.“ Dazu misst man die Dicke des Korrosionsschutzes und der Bewehrungen.

 
„Die Nieten werden nicht abgeklopft, da sie dabei Schaden nehmen könnten“, ergänzt Ingenieur Richard Eyer der Firma Bächtold Moor AG. Er leitet den Einsatz vor Ort und wertet die Ergebnisse aus. „Wir achten auf Korrosionsspuren am Nietkopf, die uns Hinweise auf einen allfälligen Frass darunter liefern.“ Dazu richte man ein spezielles Augenmerk auf gewisse Details der Brücke: „Die Pfeiler sind zweiwandig ausgeführt und die Längsträger einwandig. Das ergibt eine Schnittstelle, die als Konstruktion nicht optimal funktioniert. Es kann zu Ermüdungsrissen kommen“, erklärt Eyer, beeilt sich aber hinzuzufügen: „Diese Risse sind statisch kein Problem, da die Kräfte auf genügend Alternativwegen abgeführt werden können.“
 
Vor der Kirchenfeldbrücke haben die Berner Industriekletterer die Nydegg- und die Kornhausbrücke untersucht. Auslöser für den Einsatz gab es gleich drei. „Bei der Umstellung von einem zweidimensionalen Statik- und Überwachungsprogramm auf eine 3-D-Software haben wir gemerkt, dass sich an den erwähnten Punkten der Kirchenfeldbrücke Schwachstellen befinden könnten“, so Projektleiter Bähler. Dazu kommen die SIA-Norm, welche eine Untersuchung mindestens alle fünf Jahre vorschreibt, und der geplante Ausbau des Tramverkehrs über die Brücke. 
 
Insgesamt hängen die Kletterer um Vorarbeiter Hans Brünisholz rund zwei Wochen unter den Berner Brücken. Neben der Untersuchung der Eisenkonstruktion müssen sie auch messen, wie stark die Bewehrungen sind und wie tief sie im Beton der Pfeiler liegen. Richard Eyer: „Die Pfeiler sind fast hundert Jahre alt und wir haben keine verlässlichen Pläne.“
 
Deshalb müssen sie mit einem Ferroscan untersucht werden. Dabei handelt es sich um ein Gerät, das zwei Rollen mit Magnetfeldern besitzt, die sich überschneiden. Fährt man damit die Oberfläche der Pfeiler ab, verändert die darunterliegende Bewehrung dieer beiden Felder. Bis in eine Tiefe vonm 180 Millimetern kann so vorhandenes Metall nachgewiesen werden. „Die Messergebnisse sind dabei nicht eindeutig, sondern hängen auch von der Dicke der Bewehrung ab. Wir haben aber die Pfeiler an einigen Stellen aufgespitzt und diese Dicke so nachgeprüft.“ Deshalb kann man die Ergebnisse des Ferroscans interpretieren.
 
„Von jedem Tag der Untersuchungen wird ein Aufnahmeprotokoll erstellt“, fügt Stefan Bähler hinzu. „Danach leiten wir je nach Ergebnissen die nächsten Schritte ein, mit einer entsprechenden Priorisierung.“ Einzelne Massnahmen müsse man unter Umständen sofort ergreifen. „Wobei wir bisher keine Hinweise auf gröbere Probleme haben.“ Die weiteren Schritte der Sanierung würden in den nächsten zwei bis fünf Jahren umsetzt. Bähler ist aber optimistisch, dass die Kirchenfeldbrücke ohne grosse Eingriffe auskommt. „Die Brücke ist insgesamt in einem hervorragenden Zustand und ein Beispiel für höchste Baukunst.“ (bk)
 
 

Hintergrund

Die Kirchenfeldbrücke wurde 1883 nach nur 21 Monaten Bauzeit errichtet. Die Eisenkonstruktion mit einer Bogenöffnung von 81 Metern ist 229 Meter lang, 13,2 breit und 35 hoch. Sie wurde von der Schweizer Firma Gottlied Ott & Co. entworfen und von der Britischen Baufirma Berne Land Company gebaut. Die Brücke wurde schon im vorletzten Jahrhundert bewundert und gilt bis heute als eines der Hauptwerke der Eisenbaukunst in der Schweiz.
Baulich erhielt sie 1913 eine erste Veränderung, als die drei Pfeiler einbetoniert wurden, um die Strassenbahn tragen zu können. Das ursprüngliche Bauwerk war nur für die Belastung durch Fuhrwerke konstruiert. Durch diesen Eingriff verlor das Bauwerk einiges von seiner filigranen Leichtigkeit. 1972 ersetzte man zudem das Geländer aus Gusseisen durch eines aus Leichtmetall. (bk)