Vom Standard zur Norm

Vom Standard zur Norm

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Teaserbild-Quelle: Z. Gataric/Erne
Das Label Minergie hat sich in den letzten Jahren immer weiter entwickelt und gehört heute zu den wichtigsten Standards für nachhaltiges Bauen. Trotzdem braucht es neben dieser Marke eine national gültige Richtlinie, weil Minergie nicht alle Aspekte der umweltbewussten Konstruktionsweisen berücksichtigt.
 
Wir haben die Erde von unseren Eltern nicht geerbt, sondern sie nur von unseren Kindern geliehen», sagte einst der Indianerhäuptling Sitting Bull. Rund 100 Jahre später scheint seine Botschaft die moderne Gesellschaft erreicht zu haben. Überall ist die Rede von Nachhaltigkeit und davon, dass die Umwelt geschont werden muss. Gerade in der Baubranche, wo konventionell konstruierte Häuser die Umwelt belasten, findet zurzeit ein Umdenken statt. Der Grund: Rund 40 Prozent aller CO2-Emissionen werden von herkömmlichen Gebäuden verursacht.
 
Deshalb sagte Franz Beyeler, Geschäftsführer des Vereins Minergie, anlässlich der Fachtagung «Minergie – auf dem Weg zum nachhaltigen Bauen»: «Umweltschonende Konstruktionsweisen sind immer mehr im Kommen.» Dass nachhaltig gebaut werden müsse, stehe ausser Diskussion. Es gehe nun nur noch darum, wie man diesen Anspruch umsetzen wolle.
 
Wie Referent Holger Baumann, stellvertretender Leiter des Instituts für Bau- und Infrastrukturmanagement an der ETH Zürich, erklärte, sind zurzeit weltweit zahlreiche Entwicklungen auszumachen, die in Richtung nachhaltiges Bauen gehen. Ein einheitliches Konzept existiert aber nicht: «Das Problem ist, dass sich die Regionen unterscheidet. Das heisst, was in der Schweiz gilt, trifft nicht auf Spanien zu und umgekehrt.» Tatsächlich gibt es aber eine allgemeingültige Definition (siehe «Info»), was nachhaltiges Bauen ist. Wie man es umsetzt, ist jedoch jedem selber überlassen.
 

Neues Label in den Startlöchern

Die Referenten begrüssen zwar, dass sich in Sachen nachhaltiges Bauen etwas tut. Sie befürchten aber, dass die vielen Entwicklungen ein Durcheinander auslösen. Welche ist massgebend? Welche entspricht der weltweit gültigen Definition am besten? Und welche soll bei einem Neubau berücksichtigt werden? Solche und ähnliche Fragen tauchen unweigerlich auf bei all den vielen Labels, die aus diesen verschiedenen Entwicklungen entstanden sind. Zumindest in der Schweiz ist man nun darum bemüht, eine Richtlinie zu schaffen, die der Definition des nachhaltigen Bauens gerecht wird und hierzulande Allgemeingültigkeit erlangen soll.
 
Um diesen Standard zu entwickeln, gründete das Center for Corporate Responsability and Sustainability der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit dem Institut für Bau- und Infrastrukturmanagement, der Professur für nachhaltiges Bauen der ETH Zürich, eine «Ad-hoc-Gruppe», zu der auch Referent Baumann gehört: «Der neue Standard soll auf den Erfahrungen von Minergie aufgebaut werden, weil sich das Label in der Praxis tausendfach bewährt hat, und es in der Schweiz sozusagen das nachhaltige Bauen verkörpert.»
 

Minergie auf Erfolgskurs

Wie sehr sich die Marke hierzulande etabliert hat, zeigte unter anderem der Vortrag von Ruedi Kriesi, Vizepräsident des Vereins Minergie: «Ein Viertel des gesamten Neubauvolumens in der Schweiz wird heute von Minergie zertifiziert. Diese Neubauten haben einen Wert von 60 Milliarden Franken und reduzieren den CO2-Ausstoss um etwa 300 000 Tonnen jährlich.» Das Label sei damit eines der wenigen seit Jahren funktionierenden Beispiele, dem es gelingt, die Interessen der Ökologie mit denjenigen der Wirtschaft zu verbinden. «Den Durchbruch schaffte das Label aber vor allen Dingen, weil die Formulierung, wie man den Minergie-Standard erreicht, viele Möglichkeiten von Bauweisen zulässt.» Die erfolgreiche Entwicklung des Labels Minergie lässt sich vor allem am Beispiel des Kantons Zürich ablesen. Denn bis 2001 wurden dort mehr als die Hälfte aller Zertifikate vergeben. «Auch heute noch ist Minergie in Zürich aussergewöhnlich stark vertreten. Bezogen auf einen Einwohner sind 4,5 Quadratmeter Energiebezugsfläche zertifiziert – deutlich mehr als in jedem anderen Kanton mit Ausnahme von Zug», betonte Referent Urs Rey, Leiter Analysebereich Bau und Immobilien beim statistischen Amt des Kantons Zürich. Er wies zudem darauf hin, dass der Minergie-Standard im Kanton Zürich 2009 einen Marktanteil von 25 Prozent erreicht hat: «Das ist eine glatte Verdoppelung innerhalb von zwei Jahren. Zwischen 2000 und 2007 erhöhte sich der Anteil zwar auch kontinuierlich, aber relativ gemächlich von 3 auf 13 Prozent. Für das Jahr rechnen wir mit einem Anstieg auf gar 35 Prozent.»
 

Keine Konkurrenzsituation

Ob dieser Erfolgsgeschichte fragt man sich unweigerlich, warum man denn nicht das Label Minergie als nationalen Standard für nachhaltiges Bauen einführt. «Ad-hoc-Gruppe»-Mitglied und Referent Baumann erklärt: «Das war nie der Sinn der Marke. Sie fokussiert sich zwar auf eine energetische und ökologische Optimierung, aber berücksichtigt nicht die gesamte Breite der Forderungen des nachhaltigen Bauens.» Und das hat seinen Grund: «Ein grosser Vorteil von Minergie ist die relativ einfache Umsetzung und die schlanke Zertifizierung. Dafür zahlt man einen Preis, nämlich denjenigen, dass nicht die ganze Nachhaltigkeitspalette abgedeckt ist.»
 
Das soll mit der neuen Richtlinie für nachhaltiges Bauen nun geändert werden. Weil Minergie eine andere Zielsetzung hat, sind die Verantwortlichen zuversichtlich, dass sich die beiden Marken nicht konkurrenzieren, sondern im Gegenteil, ergänzen werden. Solange die neue Richtlinie aber nicht existiert, hat Minergie nichts zu befürchten. Nach wie vor ist die Marke in der Baubranche sehr gefragt, was den Verein Minergie dazu veranlasst hat, den neuen A-Standard einzuführen (siehe «baublatt» 12/2011). Wie sich die beiden Marken entwickeln – ist die neue Richtlinie erst mal da –, wird sich zeigen müssen. Eines ist aber sicher: Über die Bestrebung, die Bauweisen umweltfreundlicher zu gestalten, würde sich Sitting Bull bestimmt freuen – auch wenn sie erst 100 Jahre später gekommen ist. Florencia Figueroa