Vom Pinguin zum Wärmetauscher

Vom Pinguin zum Wärmetauscher

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Teaserbild-Quelle: Bild: Hermann Blumer
Kooperieren, über die Grenzen schauen, sich für neue Techniken und Verfahren öffnen ist marktstrategisch interessant. Für optimale Abläufe und Konstruktionen hat die Natur einiges zu bieten. Die Referenten an der Tagung im Dreiländereck am Bodensee hatten die Beispiele dazu.
 
 
«Schaffe, schaffe, Hüsle baue» – mit diesem Spruch macht die Region Vorarlberg gerne auf ihre Bautradition aufmerksam. Speziell der Holzbau hat im Bregenzerwald eine lange Tradition. So ist es kein Zufall, dass die Veranstalter, die Gesellschaft Bayern Innovativ, das Kooperationsforum für innovative Holzverarbeitung und -veredelung in Bregenz durchführte*. Der Themenkreis war breit gefächert und trotz Schwerpunkt Holz, gab es einiges zu hören, das für die Baubranche ganz allgemein Gültigkeit hat. Zum Beispiel Gründe und Überlegungen, die zu Kooperationen von Kleinunternehmen führen.
 
Am Beispiel «Werkraum Bregenzerwald» zeigte die Geschäftsführerin Renate Breuss auf, wie sich diese Vereinigung von 85 Handwerksbetrieben in den letzten 20 Jahren von unten formiert hat. Seit 1991 veranstaltet der Werkraum alle drei Jahre den Wettbewerb «Handwerk und Form» mit dem Ziel, eben diese beiden Welten wieder zusammenzubringen. Unterdessen ist der Werkraum Bregenzerwald mit seinen Produkten auch an der Möbelmesse Mailand präsent. Dank der gemeinsamen Organisation ist dies für die einzelnen Handwerker billiger und günstiger.
Gemeinsam stärker sein, ist auch der Grundgedanke der Kooperation «Bayern Handwerk Exclusiv». Auslöser für die Gründung war die Veränderung der Märkte, die Öffnung des Ostens. Drei Handwerksfrauen waren entschlossen, sich neue Märkte zu erschliessen. Mit dem Leitspruch «miteinander höchste Ziele erreichen» suchten sie Möglichkeiten, ihre Leistungen regional und international nach höchsten deutschen Standards anzubieten. Heute umfasst die Gruppe zwölf Mitglieder und ist international tätig.
 
Auch in der Schweizer Holzbranche gibt es Bestrebungen, sich zu vernetzen. Die Holz Toggenburg AG propagiert eine vertikale Kooperation in der Wertschöpfungskette zur besseren Vermarktung der Produkte aus regionalem Holz. Diese höhere Wertschöpfung in der Holzverarbeitung soll in bestehenden Strukturen erreicht werden. Dazu sieht der Businessplan drei strategische Geschäftsfelder vor: Erstens sollen Holzelemente für den modernen Holzelementbau entwickelt und produziert werden. Zweitens will man Modulhaustypen im Elementraster konzipieren und die Bevölkerung für eine regionale Baukultur sensibilisieren. In diesem Zusammenhang erinnerte Adolf Fäh, Verwaltungsratspräsident der Holz Toggenburg AG, daran, dass viele alte Toggenburger Häuser von Holzbauern aus dem Bregenzerwal stammen. Das dritte Geschäftsfeld ist die Holzbörse. Sie ist das Kompetenzzentrum für das Gesamtprojekt und Drehscheibe für Marketingmassnahmen, Handelsdienstleistungen und Qualitätssicherung. Den Ausschlag zur Gründung der Holz Toggenburg AG gaben finanzielle Beiträge aus dem Projektwettbewerb Impulsholz SG der Holzkette St. Gallen. Von der vertikalen Kooperation und der Nutzung bestehender Infrastrukturen verspricht man sich eine verbesserte Auslastung der Betriebe und die Sicherung regionaler Arbeitsplätze im ländlichen Raum.
 

Eisbären, Pinguine und Kängurus

Was haben exotische Tiere an einer Holztagung verloren? Beispiele aus der Natur sind für Hermann Blumer, Ingenieur und Geschäftsführer der Création Holz GmbH in Herisau, wichtig, denn er verfolgt in seiner Arbeit bionische Ansätze. «Die Bionik als Analyse natürlicher Systeme sichtet und überträgt die Vorbilder der Natur, kopiert sie aber nicht», so lautet seine Präzisierung. Das heisst, sie durchforscht das Reservoir der Natur nicht nur nach Konstruktionen, sondern auch nach Verfahrensweisen und sucht Anregungen für eigenständige technische Entwicklungen. Müsste die Natur ein Tenniscrack erschaffen, sieht Blumer in den Kängurus ein mögliches Vorbild: Ihre Art der Fortbewegung ist sehr schnell und energieeffizient, ausserdem verfügen sie gleich noch über einen Beutel, in dem die Tennisbälle Platz fänden. Etwas ernsthafter fällt der Vergleich mit Eisbären und Pinguinen aus, die von der Natur mit raffinierten Systemen für die Wärmeregulierung ausgerüstet wurden. So verfügen Pinguine in den Beinen und Flossen über eine Art Wärmetauscher, bei denen ein Teil der Wärme des arteriellen Bluts an das kühlere, zurückfliessende venöse Blut abgegeben wird.
 
Obwohl man der Natur nicht nur Strukturen und Formen abschauen kann, sind in diesem Bereich die Analogien für jedermann sofort erkennbar. Man denke an die Bauten von Antoni Gaudí oder Santiago Calatrava. «Böse Ingenieure sagen, Kräfte werden da nicht optimal abgeleitet», kolportiert Blumer. Und: «Vielleicht sind sie auch ein wenig neidisch.» Er selbst entwickelt auch solche organischen Tragwerke. So schilderte er in seinem Vortrag die Entstehung der Baumstützen für das Klubhaus des Golf Resorts in Yeoju (Südkorea), das er in Zusammenarbeit mit den Architekten Shigeru Ban und Kevin S. Yoon konzipiert hat. «Die architektonischen Skizzen für die 21 Bäume mit dem schwierig zu realisierenden Übergang von den runden Stämmen in die quadratischen flachen Kronen stellten mich vor ein kniffliges geometrisches Rätsel», erinnert er sich. Seine Ausführungen sind auch ein Plädoyer für den Baustoff Holz. Die Stärken des Materials sieht er in seiner Formbarkeit, Festigkeit und Multifunktionalität und unterstreicht denn auch: «Holz kann tragen, dämmen und speichern.»
 

Mit dem Störfall leben

«Ich habe in 35 Jahren kein Bauprogramm erstellt, das stimmt.» Bewusst provokativ stellte Otto Greiner, Präsident des europäischen Forums für Baukybernetik, diese Aussage in den Raum, um sie gleich zu relativieren: «Zuletzt waren wir jedes Mal pünktlich fertig, aber dazwischen gab es immer Verschiebungen.» Die Ausgangslage ist bekannt: Ein Bauvorhaben ist perfekt geplant, berechnet und gut vorbereitet und trotzdem klappt der Ablauf nicht. Otto Greiner sieht die Ursache für die vielen Desaster bei den Projektabwicklungen im Denkmodell, dass die Welt planbar, dass alle nötigen Informationen beschaffbar seien und sich Arbeitspakete problemlos in ihre Einzelteile zerlegen liessen. «Paradoxerweise kommt man nur voran, indem man akzeptiert, dass beim Bauen der Störfall nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Es kommt alles anders als geplant», weiss er aus Erfahrung. Das einzige Werkzeug für das Funktionieren komplexer Systeme sieht er in der Kybernetik. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass Handlungssysteme nicht genau vorausberechenbar sind. Ist etwas nicht vorhersehbar, muss es zumindest steuerbar gemacht werden, und hier tritt die Kybernetik, auch als die Kunst des Steuerns bezeichnet, auf den Plan. Auch die Kybernetiker lassen sich von der Natur inspirieren.
Die Abläufe im Holzbau sind laut Greiner etwas weniger «chaotisch» als diejenigen im konventionellen Massivbau wegen des hohen Vorfertigungsgrades und der vorgezogenen Ausführungsplanung für die Bauteile und Gebäudetechnik. Weitere Vorteile aus der Sicht des Baumanagements sind der minimale Feuchteeintrag, die kurze Erstellungsdauer und damit auch die frühere Inbetriebnahme sowie Kosteneinsparungen. Greiner schliesst seine Ausführungen mit einem Fragezeichen zur Verrechtlichung des Bauwesens, die zum Normenlesen ohne Ende führe und plädiert für mehr gesunden Menschenverstand. Virginia Rabitsch
 
*Das Kooperationsforum «Innovative Holzverrbeitung und -veredelung» mit Fachausstellung fand am 20. April in Bregenz statt.
www.bayern-innovativ.de/holz