Volksfest für einen Stahlriesen

Volksfest für einen Stahlriesen

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Ben Kron
Ein Kran von gigantischen Ausmassen kam bei der Sanierung des Sargans Autobahndreiecks zum Einsatz: 70 Meter hoch und 1250 Tonnen schwer ist die Riesenmaschine, die eine ganze Brücke in einem Stück einsetzte. Für ihren Transport sind 52 Sattelschlepper nötig.

 

 
Zaungäste sind auf einer Baustelle sind nichts Ungewöhnliches. Die meisten Bauzäune haben heute sogar eigens Aussparungen, durch die man einen Blick auf die Arbeiten werfen kann. Dass sich aber 2000 Zuschauer versammeln, kommt nur auf aussergewöhnlichen Baustellen und zu speziellen Anlässen vor.
 
Zum Beispiel jener der Sanierung des Sarganser Autobahndreiecks, die aus zahlreichen einzelnen Bauvorhaben von einem Gesamtvolumen von 250 Millionen Franken besteht (siehe Kasten). Am Ortseingang der St. Galler Stadt kam am Osterwochenende einer der grössten mobilen Kräne Europas zum Einsatz. Um ihn zu bewundern, kamen auch viele Besucher aus Deutschland und Österreich angereist. Und der Bauherr, die Filiale Winterhur des Bundesamtes für Strassen, bewirtete seine Gäste mit Getränken und Bratwürsten. Auch das ist auf Baustellen nicht die Regel.
 
Schwierige Platzverhältnisse
In Sargans galt es, eine Autobahnbrücke von 1962 zu ersetzen. „Wir haben bei der Baustelle ausserordentlich schwierige Platzverhältnisse“, erklärt Astra-Projektleiter Dirk Stihl. Unterhalb der Stadtergassenbrücke, wie das Bauwerk heisst, verläuft eine Hauptlinie der SBB, und darunter die Gemeindestrasse zwischen Sargans und Mels. „Die normale Vorgehensweise beim Ersetzen einer Brücke kam deshalb nicht in Frage“, so Stihl. Denn diese besteht darin, dass man die alte Brücke schlicht in einzelne Teile zerlegt und diese dann wegräumt. „Die ausgebrochenen Brückenteile wären dann genau auf die Eisenbahnlinie gefallen, das ging natürlich nicht.“ Auch der Bau der Nachfolgerbrücke war wegen der Platzprobleme schwierig.
 
Die Lösung für beide Probleme bestand darin, die alte Brücke in einem Stück herauszuheben und die neue, vorgefertigte, auf dieselbe Weise einzusetzen. Dazu brauchte man allerdings einen Kran mit immensen Kräften, denn das alte Brückenteil wog 370 Tonnen; das neue, 40 Meter lange Stück sogar 400. Der Riesenkran, der diese Arbeit leisten konnte, ist ein Terex Demag PC 6800
 
Eine Woche für Auf- und Abbau
Der Gigant, der von der Firma Sarens betrieben wird, wiegt selber 1250 Tonnen und ist, in der Sarganser Ausführung, 70 Meter hoch. Je nach Ausrüstung kann er Gewichte von über 1000 Tonnen heben. „Für die Montage und Betrieb des Krans braucht es sieben Personen“, erläutert Stihl. „Wobei der Auf- und Abbau jeweils eine Woche dauern.“ Dazu musste die Gemeindestrasse, über welcher der Kran zu stehen kommt, gesperrt werden. Für die vier Füsse des Giganten rammte man Erdpfähle in den Boden und goss Betonfundamente. Der Kran scheint über der Strasse gleichsam die Zehen seines Fusses zu spreizen, und es ist ein mulmiges Abenteuer, unter den Stahlmassen durchzulaufen.
 
Transportiert wurde der PC 6800, der zuvor in Norddeutschland Windräder montiert hatte, auf nicht weniger als 52 Tiefladern. Die Miete für den Kran, der mit einem anderen Aufbau kleinere Lasten bis in eine Höhe von 150 Metern heben kann, beträgt übrigens um die 20000 Franken pro Tag.
 
Vor Wochenfrist hatte der Kran seinen ersten Schwersteinsatz: Die alte Brücke wurde herausgehoben und neben die neue, bereits fertig gegossene gelegt. „Das alte Stück bleibt noch bis Juni hier liegen und wird einigen Tests unterzogen“, erklärt Dirk Stihl.
 
Grosser Auftritt an Ostern
Der ganz grosse Auftritt folgte am Osterwochenende. Verfolgt von den vielen Schaulustigen begann er um 22 Uhr mit dem langsamen Hochhieven der 400 Tonnen schweren neuen Brücke. „Die grösste Gefahr für den Einsatz bestand im Wind“, so Stihl weiter. Dieser hätte die Last ins Pendeln bringen und damit unkontrollierbar machen können. „Ab 25 Stundenkilometern Windgeschwindigkeit hätten wir abbrechen müssen.“ Doch die Luft blieb ruhig. Nach Betriebsschluss der SBB, um 00.45 Uhr, konnte deshalb das Einschwenken des Brückenteils pünktlich beginnen. Der Zeitplan war sehr eng, denn schon um fünf Uhr am Sonntag morgen fuhren wieder die ersten Züge.
 
Beim Heben einer 400-Tonnen-Brücke war trotz des Zeitdruckes auch Präzisionsarbeit gefragt: Kleinste Abweichungen oder ungleiche Verteilungen der Last hätten dem Vorhaben gefährlich werden können. Deshalb wurde der Kraneinsatz von Infrarotkameras optisch überwacht, dazu wurden zahlreiche Weg- und Kraftmessungen vorgenommen. „Der Kran weiss in jedem Moment, wie gross die Belastung am Haken ist“, erklärt einer der Fachleute. „So merken wir sofort, wenn die Brücke beispielsweise an einem Punkt schon aufliegt.“ Dazu wurde das Brückenstück auf Pressen abgelegt, die ihrerseits die auftretenden Kräfte messen. „Dank all dieser Daten konnten wir den Vorgang jederzeit unter Kontrolle halten.“
 
Die Aktion lief dank akribischer Vorbereitung und diverser Sicherheitsmassnahmen ohne Probleme ab. Bereits kurz nach zwei Uhr morgens, also nach weniger als eineinhalb Stunden, war die neue Brücke am Platz und konnte verankert werden. Der Zugverkehr wurde am Ostersonntag planmässig wieder aufgenommen.
 
Gefeiert wurde der Erfolg des Kraneinsatzes mit einem nächtlichen Feuerwerk. Das war übrigens der lauteste Moment des ganzen Anlasses: Der PC 6800 erledigte seine Arbeit dank Elektromotoren und Hydraulik erstaunlich leise. (bk)

Das Projekt

Für budgetierte 250 Millionen Franken saniert die Astra-Filiale Winterthur die Autobahn-Verzweigung Sarganserland. Es handelt sich dabei um drei Teilstücke (in Richtung Chur, Zürich und St. Gallen) von je fünf Kilometern Länge und mit je einem Anschluss. Dabei muss der komplette Fahrbahnbelag erneuert, die Autobahn also faktisch fast neu gebaut werden. Saniert oder erneuert werden auch Brücken, Durchlässe, Über- und Unterführungen, insgesamt 36 Kunstbauten. Wegen ihres schlechten baulichen Zustandes müssen zudem sämtliche Lärmschutzwände zurückgebaut und danach neu errichtet werden, teilweise höher als zuvor. Um den neuen Umweltschutzbestimmungen zu genügen, die es verbieten, Strassenabwasser direkt in ein Gewässer zu leiten, erstellt man schliesslich fünf neue Abwasserbehandlungsanlagen und saniert eine bestehende. Dazu kommen noch Schutzzäune für Wildtiere. Abgeschlossen wird das Projekt im Herbst 2012. (bk)