Verschnaufen vor dem letztem Sturm

Verschnaufen vor dem letztem Sturm

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Mit der Stollenbahn werden die Mineure zu ihrem Arbeitsplatz gefahren.
Von Anfang bis Mitte August ruhten die Tunnelbohrmaschinen der Neat-Baustelle Faido. In der Oströhre fehlen noch 700 Meter bis zum historischen Durchschlag, der für den 15. Oktober geplant ist. Um die erforderliche Leistung von 13,3 Metern Vortrieb pro Tag zu gewährleisten, wurde der Maschinenpark revidiert und für den letzten «Sprint» fitgemacht.
 
 
Mit der Stollenbahn werden die Mineure zu ihrem Arbeitsplatz gefahren.
 
In der Stollenbahn fahren normalerweise die Mineure zu ihrem Arbeitsplatz tief im Gotthard. Doch an einem ausgewählten Tag Anfang August sitzt anstelle der Bergmänner eine Schar Medienleute in den spärlich beleuchteten Wagen. Weil die Mineure während der Revision der Tunnelbohrmaschinen in die Ferien geschickt wurden und der normale Baustellenbetrieb ruht, nutzt die AlpTransit Gotthard AG die Verschnaufpause, um den Fortschritt und die Herausforderungen der Baustelle Faido zu zeigen. Und so rumpelt der Zug mit seiner ungewohnten Fracht immer tiefer in den Berg. Die Wagen bocken und holpern über die provisorisch verlegten Baugleise und schütteln die Gäste ordentlich durch. Für Schweisstropfen und beklemmende Gefühle sorgen die ständig zunehmende, tropisch werdende Wärme und Luftfeuchtigkeit. Durch die Felswände sickerndes Thermalwasser mit einer Temperatur von bis zu 45 Grad und die Wärme des Felsens erhitzen die Tunnel dermassen, dass ein Kühlungssystem eine für die Mineure erträgliche Arbeitstemperatur von 28 Grad schaffen muss. Zu Spitzenzeiten Ende Mai 2010 drangen 92 Liter Wasser pro Sekunde in den Tunnel, heute sind es noch 50 Liter, Tendenz abnehmend. Weil nicht alle Abschnitte der Tunnel gekühlt sind, sondern nur dort, wo gerade gearbeitet wird, rinnen den Journalisten und Mineuren die Schweissperlen über die Gesichter. Etwas erleichtert sind jene, die ausser Unterwäsche unter dem Overall keine Kleidungsstücke trugen – der Tipp der erfahrenen Kollegen beim Umkleiden in der Multifunktionsstelle Faido hat sich bewährt.
«Vor der Hacke ist es duster» – die Bergmannsweisheit gilt auch für das letzte auszubrechende Gotthard-Teilstück zwischen Faido und Sedrun. Der Durchschlagstermin ist auf den 15. Oktober angesetzt. Dann werden die Kantone Uri und Tessin zwischen Erstfeld und Bodio durch den neuen Gotthard-Basistunnel verbunden sein. Zum Durchschlag erwartet die AlpTransit Gotthard AG dann nicht nur Medien aus der Schweiz, sondern der ganzen Welt. Bis dahin ist allerdings noch ein gutes Stück Ingenieurs- und Bergbaukunst notwendig. In der Oströhre, wo der Durchstich im Oktober erwartet wird, stehen noch rund 700 Meter Fels zwischen Sedrun und Faido. In der Weströhre, wo die Tunnelbohrmaschine durch einen Felsniederbruch drei Monate aufgehalten wurde, sind noch gut 2800 Meter auszubrechen.
Renzo Simoni, Vorsitzender der Geschäftsleitung der AlpTransit Gotthard AG, ist zuversichtlich, dass die erforderlichen 13,3 Meter Vortriebsleistung pro Tag eingehalten werden können, um den Durchschlagstermin der Oströhre einhalten zu können. Der Medelser Granit der Piora-Mulde, der den Mineuren zu schaffen machte, ist durchörtert. Der nun vor der Tunnelbrust liegende Streifengneis verspricht ein flotteres Vorankommen.
 

Verschleissteile auswechseln

Für die Mineure bedeuten die zwei Wochen Ferien im August einen von drei Betriebsunterbrüchen im Jahr. Auch während zwei bis drei Wochen an Weihnachten und während einiger Tage über Ostern ebbt das Gepolter der Tunnelbohrmaschinen ab. Während der aktuellen Ferien im Sommer wird der Maschinenpark im Tunnel mit grösseren Revisions- und Reparaturarbeiten auf Vordermann gebracht. Wichtigste Elemente sind dabei die zwei Tunnelbohrmaschinen (offene Gripper TBM) ), insbesondere jene in der Röhre Ost. Harte Arbeit bedeutet für die Maschinenschlosser das Auswechseln von stählernen Verschleissteilen am Schneidrad des Bohrkopfes, das sich während des Vortriebs bis zu sechs Mal pro Minute dreht. Mit Schweissgeräten müssen bis zu sieben Zentimeter dicke Panzerplatten aufgeschweisst werden, die den Bohrkopf vor dem Felsen schützen. Laut Albert Schmid, Chefbauleiter im Abschnitt Faido, werden die Stahlplatten am Schneidrad während des Vortriebes unterschiedlich stark vom Fels beansprucht und verschlissen. «Wir ersetzen jetzt aber nur jene Verschleissteile vor allem im äusseren Bereich des etwa 9,4 Meter hohen Schneidrades, die für den Ausbruch der letzten 700 Meter noch wirklich notwendig sind.»
Für die Revisionsarbeiten wurde die Tunnelbohrmaschine zehn Meter von der Tunnelbrust zurückgezogen, damit die Handwerker am Bohrkopf von beiden Seiten arbeiten können. Als die Journalistenschar zuvorderst im Tunnel ankommt, sind zwei Schlosser gerade dabei, eine der beiden Bohrlafetten zum Bohren von Felsankern beim Vortrieb zu reparieren. Weiter hinten im Tunnel, dort, wo die Schienen der Transportbahn enden, nehmen Mechaniker die Kühlungsanlagen unter die Lupe. Zur Revision gehört auch die Kontrolle des über 100 Kilometer langen Schienennetzes in den Tunneln und der Transportzüge sowie die Wartung der elektrischen Einrichtungen. Den Aufwand kann man sich vorstellen: Hunderte von Tunnellampen, die alle paar Meter montiert sind, Schaltkästen, die vor Feuchtigkeit geschützt werden müssen, und die umfangreiche Lüftungsanlage verlangen nach dem Einsatz von Spezialisten, damit nach der Sommerpause der Baubetrieb optimal weitergehen kann. Während zweier Tage weilte zudem ein Vermessungsteam im Tunnel, um sicherzugehen, dass die Tunnelbrust von Faido im Oktober auf jene von Sedrun trifft. Die Vermesser waren wegen der sensiblen Gerätschaft, die sie mitbrachten, darauf angewiesen, dass auch der Revisionsbetrieb im Tunnel praktisch eingestellt war. Sogar die Lüftungsanlagen seien in Absprache mit den Vermessern gesteuert worden, so Albert Schmid.
 

Luft und Kühlung essenziell

Frische Luft für die Mineure garantieren beim Portal Faido zwei leistungsstarke Ventilatoren, die rund 240 Kubikmeter Luft pro Sekunde in das Innere des Gotthards blasen. In der Multifunktionsstelle wird die Frischluft in die zwei Vortriebsröhren Richtung Norden und in der Multifunktionsstelle selber verteilt. Ebenso wichtig wie die Frischluftversorgung ist die Tunnelkühlung. Mit grossen Kühl-Modulen, die laut Chefbauleiter Schmid im Grundprinzip ähnlich und vereinfacht wie handelsübliche Klimageräte funktionieren, wird die Luft heruntergekühlt und damit die Temperatur an den Arbeitsplätzen gesenkt. Die aus der Luft entzogene Wärme wird via geschlossenem Wasserkreislauf aus dem Tunnel abgeführt, das erwärmte Wasser wird übertage am Portal Faido wieder mit der Aussenluft heruntergekühlt und erneut in den Tunnel gepumpt. So gelangt die Wärme nach aussen ins Freie.
Um die Tunnelröhren vom eindringenden Wasser dauerhaft abzudichten, wird ein erprobtes, quasi dreilagiges System angewandt: Auf den frisch aufgebohrten Felsen wird Spritzbeton aufgebracht, der während des Gewölbebaus mit einer wasserdichten Isolations-Folie verkleidet wird. Im Endausbau wird in einer Schalung schliesslich der Ortbeton eingebracht, der das im fertigen Objekt sichtbare Innengewölbe bildet. (küm)