Ungeduldige Rämistrasse

Ungeduldige Rämistrasse

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Teaserbild-Quelle: Sylvia Senz
Das Bauvolumen in der Stadt Zürich ist in diesem Jahr mit etwa 200 Millionen Franken etwa gleich hoch wie im Vorjahr. Die Absicht des Tiefbauamts, bis 2012 keine neuen Grossbaustellen zu eröffnen, durchkreuzt die Rämistrasse. 
 
Den Unmut der Zürcher Bevölkerung über die vielen Verkehrsbehinderungen durch grosse Baustellen hat sich das Tiefbauamt der Stadt Zürich offenbar zu Herzen genommen. An der Pressekonferenz, an der die Zürcher Stadträtin Ruth Genner und der Stadtingenieur François Aellen kürzlich das städtische Tiefbauprogramm des laufenden Jahres vorstellten, hiess es, dass man in diesem Jahr bewusst auf die Eröffnung neuer grosser Baustellen verzichten wolle. Erst ab 2012 soll die Sanierung der Forch- und der Bellerivestrasse sowie der Quaibrücke ins Auge gefasst werden. Ruth Genner sah sich zudem zu dem Hinweis veranlasst, dass der Unterhalt von Strassen und Kunstbauten nicht nur unerlässlich, sondern auch obligatorisch durch das kantonale Strassengesetz vorgeschrieben sei.
 

Es wird weiter intensiv gebaut

Die sogenannten Generationenprojekte in Zürich-West (Hardbrücke, Pfingstweidstrasse/Tram Zürich-West) sind gemäss Tiefbauamt auf Kurs; die baulichen Aktivitäten bleiben bis Mitte 2011 intensiv. Erst nach Abschluss dieser Arbeiten sollen weitere Grossbaustellen auf den Hauptverkehrsachsen eröffnet werden.
 
Insgesamt werden in der Stadt zurzeit 128 Projekte realisiert; das sind nur scheinbar weniger als 2009 (171 Projekte), denn mehrere Projekte hat man zusammengefasst. Zahlreiche Vorhaben hat das Tiefbauamt im letzten Jahr hinter sich gebracht: Die Umgestaltung des Stadelhoferplatzes und der Theaterstrasse wurde einen Monat früher als geplant abgeschlossen. Termingerecht dem Verkehr übergab das Tiefbauamt unter anderen die Projekte Bederstrasse, Seestrasse und Aemtlerstrasse. Am Zeltweg wurde beispielsweise unterirdisch gebaut.
 

Manchmal hilft auch planen nicht

Auch im Tiefbauwesen lässt sich nicht alles planen. Dies zeigt das Beispiel der archäologischen Funde beim Opernhaus, wo ein neues Parkhaus entsteht. Daraus ergibt sich eine Verzögerung von rund einem Jahr. «Bei einer komplexen Bauplanung spielen allerdings viele Faktoren eine Rolle, die das Tiefbauamt nicht beeinflussen kann», heisst es von Behördenseite. Dieser Fall ist nun eingetreten: Entgegen aller guten Absichten muss aus Sicherheitsgründen die Sanierung der Rämistrasse zwischen Kantonsschule und ETH, einer der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt, vorgezogen werden. Ursprünglich war geplant, die defekten Tramgleise provisorisch zu reparieren und die darunter liegenden Wasserleitungen später zu sanieren. «Es hat sich aber gezeigt, dass mit Reparaturen allein die Sicherheit nicht mehr zu gewährleisten ist, weshalb die Gleise dringend zu ersetzen sind», erläutert François Aellen das Problem. Um das Risiko von Wasserrohrbrüchen bei der Gleiserneuerung auszuschliessen, muss die Wasserversorgung ihre Leitungen zur selben Zeit erneuern.
 

Express-Bauen

Angesichts der Bedeutung der Rämistrasse als Verkehrsachse hat das Amt beschlossen, das sogenannte beschleunigte Bauverfahren anzuwenden. Damit lässt sich gemäss den Aussagen des Stadtingenieurs die Zeitspanne der Behinderungen um rund 30 Prozent verringern. Allerdings mutet man damit allen Verkehrsteilnehmern eine grössere Belastung zu. So wird zum Beispiel eine der Tramhaltestellen Kantonsschulstrasse vor-übergehend aufgehoben.
 
Die Gleisarbeiten beginnen mit den Herbstferien 2010; die restlichen Arbeiten wie Wasserleitung, Kanal- und Strassenbau dauern von Januar bis Ende Oktober 2011. Im Fall der Rämistrasse ist also ein beschleunigtes Bauen nur möglich, wenn man nach Fertigstellung der Wasserleitungen die Gleise im Expressverfahren ersetzt, eine Tramhaltestelle ausser Betrieb nimmt, möglichst während der Ferien baut, die Bauarbeiten in zwei Schichten durchführt (verlängerte Arbeitszeit morgens und abends), die Fussgänger (vor allem viele Schüler und Studenten) umleitet und den motorisierten Verkehr auf die Tramspur legt. Zudem sind Wochenendsperrungen vorgesehen. Erst dann lasse sich das anvisierte Ziel einer Reduktion der Bauzeit erreichen.
 
Den Vorteilen einer schnelleren Wiederherstellung der Mobilität und einer kürzeren Belastungszeit stehen Nachteile für die Betroffenen gegenüber. Die Belastung fällt intensiver aus, sei es durch Lärm wegen Nachtarbeit, sei es durch eine grössere Einschränkung der Mobilität sowie eventuell durch höhere Kosten. Das beschleunigte Bauen werde jeweils an wichtigen Verkehrsachsen und Knotenpunkten bevorzugt, allerdings müsse die Verhältnismässigkeit wegen seiner Nachteile auch von Fall zu Fall geprüft werden, hält Aellen fest.
 

Mehr als nur Koordination

Bei einer grossen Menge von Bestellungen städtischer Partner (zum Beispiel Tiefbauamt, VBZ oder EWZ) drängt sich die sogenannte Portfolio-Betrachtung auf, die das Tiefbauamt praktiziert. Sie führt weg von einer reinen Koordination der Projekte zu einer priorisierten Planung. Die wichtigsten Kriterien dafür sind die Berücksichtigung der gegenseitigen Abhängigkeiten (Technik, Verkehrsflüsse). Weiter gelten Fragen wie: Wie dringlich sind die Projekte? Wie sind die baulichen und rechtlichen Rahmenbedingungen, wie viele Ressourcen (Personal, Maschinen, Platz, Zeit) stehen zur Verfügung? Kann man verkehrsarme Zeiten nutzen? Am Kriterium «verkehrliche Auswirkungen» betreffend die Bellerivestrasse und die Forchstrasse zeigt sich beispielsweise, dass man beide Projekte nicht gleichzeitig realisieren kann, weil die Ausweichrouten der Verkehrsflüsse beider Projekt dieselben wären. Somit gelangt man bei Bündelung und Prüfung von Projekten zu einer Priorisierung und damit zu einer rollenden und integralen Planung. Sylvia Senz