Turm zu Babel aus Papierklötzen

Turm zu Babel aus Papierklötzen

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Im Rahmen des Wettbewerbs «Tower of Babylon» haben Studierende der ETH Zürich einen speziellen Baustoff ersonnen: Aus Altpapier pressten sie Bausteine, die zu einem Turm aufgeschichtet wurden. Das brachte zwar Lob, reichte aber nicht zum Sieg.
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Ungewöhnlicher Baustoff: Der "Stein" ausgepresstem Papier und Karton.
 
 
Mancher Spaziergänger wunderte sich an diesem Wochenende Ende Juni: Beim ­Gebäude des Architekturdepartements der ETH Zürich auf dem Hönggerberg türmte­n ein Dutzend junge Frauen und Männer eine spiralförmige Mauer aus merkwürdigen Bausteinen auf. Was diese Passanten sahen, war der vorläufige Abschluss eines Beitrags für den internationalen Studentenwettbewerb «Tower of Babylon».
 
Ein Zwölferteam der ETH, bestehend aus Architekten, Umweltwissenschaftlern und Bauingenieuren, traten mit dem Bauwerk gegen vier Teams aus ­Indien, den USA, China und Singapur an. Die ­Aufgabenstellung: Innerhalb eines Semesters ein ­Bauwerk aus lokalen Materialien zu planen und ­umzusetzen. Dieses sollte Nachhaltigkeit in einem globalen Kontext thematisieren und zugleich ein Symbol für das Land, die Region und den lokalen Hochschul-Campus schaffen. Jedem der fünf Teams standen vier Monate Zeit und 1000 ­US-Dollar für Material zur Verfügung.
 

Inspiration in Einsiedeln

Zur Inspiration lud Werner Oechslin in seine ­Bibliothek in Einsiedeln ein, wo der emeritierte Professor für Kunstgeschichte und Universal­gelehrte die Studierenden in die Geschichte des menschlichen Strebens nach göttlicher Voll­kommenheit ein. «Der Vortrag inspirierte uns, erst intensiv über die Geschichte nachzudenken, die wir mit unserem Projekt erzählen wollen, ohne uns gleich mit Design und Materialien auseinander­zusetzen», erzählt Pascal Hendrickx, der Sprecher des Teams. Nach weiteren Brainstormings ­landete das Team bei der Sinusschwingung – «einer Art Kreis mit zeitlicher Dimension und ein Symbol für das Auf und Ab von Erfolg und Misserfolg. Dabei endet Letzteres wie Ersteres nie an seinem ­Ausgangspunkt.»
 
Die Philosophie war damit gefunden. In der ­Entwurfsphase beschäftigte sich das Team mit der Frage, wie man diese in ein gebautes Objekt übertragen kann. Man beschloss, ein Projekt aus Abfallprodukten der ETH zu realisieren. ­Dabei wurden die Studenten auf die Unmengen ­Karton und Papier aufmerksam, die am Departement ­Architektur anfallen. Sie sammelten all dieses Rohmaterial, mit der Hilfe von Kommilitonen. «Das gebaute Objekt soll auf dem Beitrag einer Gemeinschaft basieren», hält Hendrickx hierzu fest.
 

Klötze aus Papierbrei

So entstand die Idee, beim ETH-Wettbewerbsbeitrag den täglich anfallenden Papier­abfall an der ETH im Turm zu verbauen. «Wir wollten Wege finden, um den Wert dieses Abfalls durch eine Serie von Umwandlungen so lange wie möglich zu erhalten.» In weni­gen Tagen kamen so 720 Kilo­gramm Karton und Altpapier zusammen, die Menge, die an einem halben Tag an der Hochschule anfällt.
 
Mit dem Papier fertigten die Studierenden in Handarbeit einen unkonventionellen Baustoff: Klötze aus Altpapier, in der Form ähnlich wie Backsteine. Dafür wurde der Papierabfall mit einem Shredder zerkleinert, in einem grossen Kessel mit Wasser zu einem Papierbrei verrührt und in einer selbst gebauten Presse aus Betonverschalungsbrettern zu Bausteinen gepresst. 450 Stück insgesamt, die anschliessend während zwei bis drei Tagen getrocknet wurden.
 
Mit den noch feuchten Papierklötzen baute das Team seinen «Tower of Babylon», eine spiral­förmige Mauer von 6,6 Metern Radius und drei Metern Höhe. Das Endprodukt ist weder ein Turm noch besticht es durch eine aussergewöhnliche Form oder raffinierte Gestaltung. «Für uns lag der Fokus nicht auf dem Entwurf des Gebäudes, ­sondern darauf, aus Abfall mit Handarbeit ein Baumaterial zu schaffen», erklärt Hendrickx. Auch wenn die Mauer bescheiden wirke, das Team habe berechnet, dass sich mit dem jährlichen ­Papierabfall der ETH Zürich eine Mauer von 80  Meter Höhe und 180 Meter Länge bauen liesse. Mit demjenigen der Stadt Zürich sogar eine von 500 auf 1140 Meter.

Siegreicher Teekrug

Gerade wegen der zu geringen gestalterischen Ambitionen belegten die ETH-Studenten beim Wettbewerb den letzten Platz. Es siegte die IIT  Bombay mit einem Projekt, bei dem eine Kantine in Form eines Teekruges samt zwei Bechern ­gebaut wurde. Als Material dienten alte Flaschen und Bambus.
 
«Bei unserem Projekt wurde auch die fehlende Grösse bemängelt», erläutert Pascal Hendrickx. «Aber wir stellten die Wiederverwertung des ­Materials ins Zentrum.» Man habe deshalb am wenigsten Punkte erzielt, aber viel Lob erhalten. «Das kompletteste und in sich schlüssigste aller Projekte», meinte etwa die ETH-Architektur­professorin Annette Spiro. Alle Projekte und die ­Kommentare der Juroren sind auf der Homepage des Projektes nachzulesen.
 
Komplett ist der ETH-Turm übrigens auch in ­Sachen Nachhaltigkeit. Das Bauwerk wurde nach einem Tag wieder abgerissen. Der speditive Rückbau stellte eine der Bedingungen des Wettbewerbes dar. Anschliessend sollen die Papierklötze für den Bau von Möbeln genutzt werden. Falls das nicht funktioniert, werden die Klötze halt einfach als Briketts verheizt.
 
(Samuel Schläfli / ETH-Life-Magazin; Bearbeitung bk)
 

Videos der Studenten

Die Studenten haben zwei Videos Ihres Projektes ins Internet gestellt. Sehen Sie selbst, wie das ETH-Team
- die Bausteine aus dem Papier-/Kartonbrei herstellt
und
- ihren "Babylon-Turm" aufschichtet.