Tram ohne Grenzen

Tram ohne Grenzen

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Ben Kron
In Basel macht der öffentliche Verkehr bald nicht mehr am Zoll halt: 2013 wird die Linie 8 nach Weil am Rhein in Deutschland verlängert. Ein Bauvorhaben, bei dem alte Hafenbecken und gefährdete Fische das Hauptproblem darstellen.
 
Erst der Gotthard, dann der Weinberg bei Zürich: Für die SBB proklamierte CEO Andreas Meyer unlängst 2010 zum «Jahr der Tunnels. » Für die Basler Verkehrsbetriebe BVB wird 2011 zum «Jahr der Brücken», wie der stellvertretende Kantonsingenieur Rodolfo Lardi feststellt. Gemeint ist damit das Projekt «Tram 8 grenzenlos»: Die Strassenbahnlinie, die bisher im Kleinbasler Stadtteil Kleinhüningen wendete, wird über die Landesgrenze hinaus verlängert. Ab 2013 hat sie im deutschen Weil am Rhein ihre Endstation. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass sich eins der grünen Basler «Drämmli» ins Ausland begibt (siehe «Info» rechts); der Ausbau der Linie 8 stellt dennoch einen Meilenstein für die engen Verflechtungen im Dreiländereck dar. Die Kosten für das 104 Millionen Franken teure Projekt werden denn auch geteilt: Der Kanton Basel-Stadt und der Bund übernehmen je 42 Millionen, den Rest von knapp 22 Millionen steuert die deutsche Seite bei.
 
Das Ausbauvorhaben, über das man sich sogar auf einer eigenen Homepage informieren kann (www.tram8.info), begann 2009 mit diversen Vorarbeiten an den Zubringerstrassen bis zur jetzigen Endstation, die etwa 500 Meter vor der deutschen Grenze beim Rheinhafen endet. Nun ist das letzte und schwierigste Stück zu bewältigen: Die Linie führt über zwei Brücken bis zur Grenzstation, wobei beide wegen des hohen Gewichts der Trams neu gebaut werden müssen. In beiden Fällen wird erst eine Hilfsbrücke installiert, bevor man die bestehende Brücke abreissen und die neue errichten kann. Bei den beiden Brücken sind spezifische Schwierigkeiten zu überwinden. Die Gärtnerstrassenbrücke, die über den Fluss Wiese führt, birgt in ihrem Inneren einige Werkleitungen. Im Querschnitt der neuen Brücke wird für diese kein Platz mehr sein. Deshalb musste separat ein Tunnel unter der Wiese durchgegraben werden, um diese Leitungen aufzunehmen. «Ohne Tunnel keine Brücke», fasst es Dejan Despotovic, der Abschnittsprojektleiter Basel-Stadt, zusammen. Dabei wird mit Stahlträgern jeweils ein kleiner Teil des Flussbettes trocken gelegt. Die Arbeiter befinden sich also in einem engen Schacht unterhalb des Wasserniveaus, weshalb das Verhalten des Flusses stets im Auge behalten werden muss. Gleichzeitig wird nebenan die Hilfsbrücke errichtet. Wenn Werkleitungstunnel und der provisorische Flussübergang fertig sind, kann die bestehende Brücke abgerissen werden.
 
Empfindliches Ökosystem
Bei der Gärtnerstrassenbrücke mussten im Vorfeld umfangreiche Abklärungen vorgenommen werden. Lucas Rentsch vom Ingenieurbüro A. Aegerter & Dr. O Bosshardt, der Gesamtprojektleiter für den Abschnitt Basel-Stadt, erklärt: «Wir haben festgestellt, dass es sich hier um die erste Brücke in der Schweiz handelt, die mit drei Gelenkbögen konstruiert war: einen in der Mitte und zwei bei den Widerlagern.» Abklärungen bei der ETH hätten aber ergeben, dass das Bauwerk nicht schützenswert ist und abgebrochen werden darf. Der Abbruch, freut sich Rentsch, werde spektakulär erfolgen: «Wir schütten im Fluss ein Kiesbett für den Bagger auf, der die eine Hälfte der Brücke mit der Hydraulikzange abknabbert.» Danach werde das Kiesbett auf die andere Flussseite verlegt und die andere Hälfte des Bauwerkes entfernt. «Das Ganze sollte nicht länger als zwei Tage dauern.» Im Gegensatz zur Gärtnerbrücke müssen die Nasen zwingend geschützt werden: Diese vom Aussterben bedrohten Fische laichen jeweils im Frühjahr in der Wiese. «Wir dürfen deshalb von März bis Mai im Fluss keinerlei Arbeiten ausführen», so Dejan Despotovic. «Schon jetzt können wir nur mit Einschränkungen im Wasser arbeiten. Es handelt sich um ein sehr empfindliches Ökosystem.»
 
Ganz andere Probleme bietet die Hiltalingerbrücke. «Eigentlich sind es drei Brücken», führt Despotovic aus. «Die erste führt über den Südquai, die zweite über die Hafenzufahrt und die dritte über das Hafenbecken selbst.» Dazu überquert man auch noch Gleise der SBB. «Wir müssen deshalb auch drei separate Hilfsbrücken errichten, die Ende Jahr etwa zu 80 Prozent fertig sein werden.» Wobei Despotovic klar ist, dass diese Hilfskonstruktionen aus Stahlträgern nicht die elegantesten Bauwerke sind: «Wir bekommen dafür keinen Schönheitspreis. Aber die Hilfsbrücken sind ja ein Provisorium.» Konkret werden sie nach Plan 2012 demontiert, wenn die definitiven Brücken fertig sind und an ihren Ort geschoben werden können. Neu gestaltet wird dazu die Zollanlage, bei der eine Tramhaltestelle zu stehen kommt. Ein entsprechender Gesamtplaner-Wettbewerb wurde am ersten Dezember ausgeschrieben. Auch die Rampen zu den Brücken müssen dann noch erstellt werden.
 
Im März 2011 beginnen die Arbeiten auf der deutschen Seite. Neben Strassenarbeiten müssen hier zwei Brücken errichtet werden: eine 70 bis 80 Meter lange Bogenbrücke über die Fernzuggeleise der Deutschen Bahn und eine Vorlandbrücke über die Güterzuggeleise. Diese wird auf einem gemeinsamen Sockel mit der Bogenbrücke verbunden. Im Moment ist auf deutscher Seite zwar von Bauarbeiten noch gar nichts zu sehen, doch der Weiler Bürgermeister Klaus Eberhardt versichert, dass man im Plan liegt: «Wir sind auf dem Papier weiter, als erkennbar ist.» Im Mai wird das Weiler Stadtparlament über Baufreigabe und den Kostenanteil der Stadt entscheiden. Wenn alle Bauarbeiten nach Zeitplan vorankommen, wird das grenzüberschreitende Tram 8 im Sommer 2013 seinen Betrieb aufnehmen. Mit ihm wird die wirtschaftlich ohnehin eng verbundene Region über die Landesgrenzen hinweg noch enger zusammenwachsen. (bk)
 

Empfindliche Nasen

Die Nasen (Chondrostoma Nasus) gehören zur Familie der Karpfenfische, werden 25 bis 40 Zentimeter gross und bis zu etwa einem Kilogramm schwer. Ihren Namen verdanken sie dem unten am Kopf sitzenden Maul, welches die Spitze des Kopfes ein wenig wie eine stumpfe Nase aussehen lässt. Die Schwarmfische leben in schnell fliessenden Gewässern und gelten als Hauptfische des Rheins und der Donau. Wegen der Verbauung vieler Fliessgewässer ist die Art extrem bedroht und gilt mancherorts bereits als ausgestorben. In der Schweiz war die Nase noch vor einigen Jahrzehnten eine der dominierenden Arten in den Flüssen. Sie war nicht nur im Rhein, sondern zum Beispiel auch in Aare, Limmat, Reuss, Töss und Thur anzutreffen. Inzwischen ist der Fisch auch hierzulande vom Aussterben bedroht und darf seit 2007 nicht mehr gefangen werden. Speziell an den Nasen ist die Tatsache, dass sie zwischen verschiedenen Lebensräumen und Flussabschnitten wandern. Zur Eiablage suchen die Tiere stark strömende, flache Gewässerbereiche mit Kiesgrund auf. In der Wiese bei Basel sind deshalb während der Laichphase der Nasen, von Anfang März bis Mai, jegliche Bauarbeiten verboten. (bk)