Teenager als solare Dachdecker

Teenager als solare Dachdecker

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Teaserbild-Quelle: Greenpeace
Die grösste gebäudeintegrierte Photovoltaik-Anlage steht in Melchnau BE. Gebaut haben sie Lehrlinge, die am Jugendsolarprojekt von Greenpeace teilnahmen. Mit diesem Programm will die Umweltorganisation der Solarenergie zum Durchbruch verhelfen.
Greenpeace
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Greenpeace
In Melchnau BE wurde die grösste gebäudeintegrierte Photovoltaik-Anlage der Schweiz gebaut: Ihre Gesamtfläche beträgt 1885 Quadratmeter.
 
«Was machen die denn da?», werden sich die Bewohner von Melchnau BE wohl gefragt haben, als sie auf dem Dach eines Viehstalls mehrere Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren erblickten. Wie sich herausstellte, waren die jungen Leute bloss am Arbeiten. Innert zwei Wochen montierten sie unter Anleitung von Experten eine Solaranlage auf das Stalldach. Nicht nur für Aussenstehende eine ungewöhnliche Aktion, sondern auch für die beteiligten Jugendlichen selbst. Schliesslich gehen sie beruflich völlig andere Wege. Einige von ihnen sind Informatiklehrlinge, andere wiederum KV-Stifte. Für das Jugendsolarprojekt (JSP) von Greenpeace schlüpften sie aber für einmal in die Rolle der Monteure.
 
Die Umweltorganisation baut seit 1998 im Rahmen des JSP zusammen mit jungen Menschen aus der ganzen Schweiz Solaranlagen. Bis heute haben sich über 10 000 Teenager für diese Aktion begeistern können. Auf diese Weise konnten insgesamt 180 solcher Anlagen realisiert werden. Diejenige in Melchnau ist jedoch etwas Besonderes: Sie ist die grösste gebäudeintegrierte Photovoltaik-Anlage der Schweiz. Ihre Gesamtfläche beträgt 1885 Quadratmeter. Um das Dach vollständig abdecken zu können, mussten insgesamt 1758 Panels verlegt werden. «Die Jugendlichen haben ganze Arbeit geleistet. Von Anfang an waren sie mit Herzblut bei der Sache», erinnert sich Projektleiter Retze Koen. Wie geplant habe man die Anlage zum vorgesehenen Zeitpunkt in Betrieb nehmen können. Sie produziert nun pro Jahr rund 250 000 Kilowattstunden Solarstrom, was in etwa einem Jahresverbrauch von 65 Haushalten entspricht.

 

Teenies leisten wichtigen Beitrag

«Eine Solaranlage zu bauen, ist eigentlich ganz simpel», weiss Koen. Dass ausgerechnet Jugendliche, die nicht über Fachwissen verfügen, diese anbringen, sei deshalb völlig unbedenklich und beweise, dass die Montage relativ leicht zu bewältigen sei. «Mit JSP möchte Greenpeace auf diesen Umstand aufmerksam machen und damit bewirken, dass mehr solcher Anlagen gebaut werden. Auf diese Weise wollen wir der Solarenergie in der Schweiz zum Durchbruch verhelfen.» Natürlich bedürfe es am Anfang einer guten Einführung sowie einer genauen Kontrolle während und am Schluss der Arbeiten. «Nach ein paar Mal probieren sitzen die Handgriffe jedoch, und die Montage ist gewährleistet.»
 
In Melchnau oblag die Einführung und Unterstützung der 16- bis 18-Jährigen der Firma Enkom aus Bern. Die Jugendlichen kamen jeweils in Gruppen, bestehend aus sieben bis zehn Leuten. Jede von ihnen durfte je zwei bis drei Tage Panels verlegen. Während dieser Zeit lebten die Teenager in einer gemeinsamen Wohnung: der Solar-WG. Weil die Anlage in Melchnau die grösste ihrer Art in der Schweiz ist, war das Medieninteresse enorm. Die Lehrlinge, die sonst bei den Firmen Energie Wasser Bern, Industrielle Betriebe Langenthal und Swisscom arbeiten, standen für einmal ganz im Rampenlicht.
 
Nicht jedem Solarprojekt war so viel Aufmerksamkeit vergönnt, obwohl auch sie durchaus etwas Besonderes darstellten. Denn: «Mit jeder Anlage leisten die Jugendlichen einen wichtigen Beitrag zur Energiezukunft der Schweiz und werden gleichzeitig für zukunftsweisende Technologien begeistert», erklärt Koen. So seien einige der Jugendlichen nach ihrem Einsatz beim JSP so begeistert von der Solarenergie gewesen, dass sie sich nicht nur selbst eine solche Anlage wünschten, sondern auch für andere Haushalte. Koen: «Ein Teilnehmer hat sogar ein Geschäft eröffnet, mit dem er nun Solaranlagen vertreibt.» Florencia Figueroa
 
Nachgefragt bei Retze Koen. Er ist Projektleiter des JSP-Programms bei Greenpeace.
 
Seit über zehn Jahren gibt es das Jugendsolarprojekt. Wie sehr ist das Programm etabliert?
Ich denke, dass viele Gemeindebehörden, viele Fachleute und KMU aus den relevanten Branchen, Lehrer, Jugend- und Umweltorganisationen das JSP kennen. Ein Beleg dafür ist zum Beispiel, dass wir kaum noch aktiv Projekte suchen müssen und dass bei vielen Projekten die Finanzierung gesichert ist. Am Anfang war das nicht der Fall, was heisst, dass viele Projektträger in uns jetzt einen kompetenten Partner sehen.
 
Wie sind die Reaktionen aus der Baubranche?
Von den Handwerkern und Lieferanten meist sehr positiv. Ein Fall für sich sind eher die Architekten, die generell der Solarenergienützung manchmal noch skeptisch gegenüberstehen. Dass Solarmodule immer mehr auch als gestalterisches Element konstruiert werden, ist deshalb eine super Entwicklung.
 
Und die Reaktionen aus der Bevölkerung?
Auch gut, wir machen ja bei jedem Projekt viel lokale und regionale Medienarbeit. Es wird zudem anerkannt, dass wir für eine gute Sache kämpfen, die lokal Wertschöpfung und Arbeit generiert.
 
Ist es für den Bauherrn günstiger, wenn er Jugendliche von JSP statt Experten für die Arbeit anheuert?
Nur bei grösseren Anlagen.
 
Wie kommt eine solche Zusammenarbeit zwischen Greenpeace und den Bauherren zustande?
Früher mussten wir suchen und viel Überzeugungsarbeit leisten. Jetzt kommen die Bauherren zu uns. Diese gemeinsamen Projekte produzieren eine Win-Win-Situation, jeder hat etwas davon: Arbeit, Aufträge, interessante Lernerfahrungen, Wertschätzung.
 
Welche Bauherren sprechen Sie denn an?
Bauern, kommunale Baukommissionen, Heimverwaltungen (Kinderheime, Altersheime), Hotels und so weiter. (ffi)