Tatzelwurm in der Molasseschicht

Tatzelwurm in der Molasseschicht

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Zwei Mineure bohren Felsanker und sichern mit Armierungsgittern den First des Stollens.
Die Tunnelbohrmaschine «talpa» fräst seit Mitte April an einem Stollen, der die Ortschaft Lyss künftig vor dem Hochwasser des gleichnamigen Bachs schützen wird. Um die angestrebten 20 bis 25 Meter pro Tag auszubrechen, muss die komplexe Maschinerie perfekt funktionieren.
 
Der Bohrkopf mit 4,75 Metern Durchmesser rumpelt gemächlich durch den Sandstein. Im Tunnel herrscht ein Lärm, der auf Dauer nur mit Gehörschutz erträglich ist. Ein Maschinenführer überwacht die 330 Tonnen schwere Maschine und gewährleistet den konstanten Vorschub. Gegenwärtig sind es 18 Meter pro Tag, angestrebt werden, nachdem sich die Tunnelbauer und der Zweischichtbetrieb eingespielt haben, 20 bis 25 Meter. Die Mineure bohren durch eine obere Süsswassermolasseschicht, die aus feinem Sandstein mit Mergeleinlagen besteht. Die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (BVE) des Kantons Bern lässt durch den Baudienstleistungs-Konzern Implenia einen Entlastungsstollen bauen, der gut 2,5 Kilometer Länge, einen Durchmesser von 4,4 Metern und ein Gefälle von 5,8 Promille aufweist. Durch den Stollen wird künftig der Lyssbach geleitet, der zuletzt 2007 mit seinem Hochwasser die Ortschaft Lyss wiederholt überflutete.
Dass zu einer Tunnelbohrmaschine (TBM) nicht nur ein Bohrkopf gehört, zeigt ein Besuch des «baublatts» im Stollen, der beim Auslaufbereich Fulenmatt in den Hügel getrieben wird. Emilio Graf ist Maschineningenieur der TBM und Vortriebsbauführer. Er berechnet die Förderbandanlagen im Tunnel, leitet die Schichtequipen und sorgt für den Materialnachschub: Anker, Spritzbeton, Bewehrungseisen und vieles mehr. Graf kennt die Bestandteile der Maschine wie seine Westentasche: «Der erste Abschnitt bis Maschinenmeter 20 besteht aus der eigentlichen TBM und ihren ‹Füssen›, den Grippern (siehe Grafik oben). Die Gripper verspannen die Maschine mit einem Druck von 950 Tonnen und sorgen dafür, dass der Bohrkopf via vier Zylinder Vorschub aufbaut.» Wenn die Zylinder mit einem Hub von 1,8 Metern ganz ausgefahren sind, wird der Gripper dem Bohrkopf nachgezogen, die Zylinder fahren wieder ein. «Die Maschine bewegt sich so wie ein Tatzelwurm vorwärts», erklärt Graf. Zwei Mineure bohren die Felsanker und sichern mit Armierungsgittern so den Tunnelfirst.
Ab dem Maschinenmeter 20 folgen die Arbeitsschlitten. Auf dem ersten wird der Rest der Armierung verlegt, die wie ein Käfig zur Stabilisierung des Tunnels dient. Auf dem zweiten Schlitten steht der Spritzbetonroboter, den ein Mineur via Fernsteuerung bedient. Er spritzt so mit Druckluft rund drei Viertel des Tunnels mit Beton aus, nur die Tunnelsohle bleibt vorerst unbehandelt. «Der Spritzbeton versiegelt den Felsen und verhindert, dass die Süsswassermolasse Wasser zieht und wie ein Kuchenteig aufgeht, wodurch die Schichten zerfallen. Hinter dem Spritzroboter steht ein Nassentstauber, der die Luft vom feuchten Betonstaub reinigt», erläutert der Maschineningenieur. Zwischen den Maschinenmetern 40 bis 67 wird die Tunnelsohle gereinigt, die Rigole betoniert und schliesslich das Geleise eingebaut, auf dem die Nachläufer rollen können. Eine freihängende Versorgungsbrücke, eines der längsten Teile der Maschine, überspannt den Bereich und zieht die Nachläufer der TBM hinterher.
 

Versorgung auf Schienen

Maschinenmeter 67 markiert einen wichtigen Punkt: Hier beginnt einerseits das Förderband, das den ausgebohrten Sandstein ab dem Band der TBM übernimmt und bis zur Deponie auf dem Installationsplatz transportiert. Andererseits sind bis zum Maschinenmeter 134 verschiedene Komponenten auf Eisenbahnwagen angehängt, die für einen reibungslosen Arbeitsablauf unter Tage notwendig sind: der Trockenentstauber mit Ventilator, der den beim Brechen des Felsens produzierten Staub vor dem Bohrkopf absaugt, die Energieversorgung mit einem Frequenzumformer, Elektroschaltkasten, Transformator und einer Kabelrolle, gefolgt von einer Werkbank für kleinere Arbeiten sowie einem WC, einem Rettungscontainer und einem Wassertank. Beim Maschinenmeter 134 verlängert ein Mineur kontinuierlich das Förderband und zieht die Lutte nach, eine grosse Röhre aus Kunststofftuch, die den Stollen mit Frischluft versorgt. Den Installationsplatz brauchen die Mineure laut Graf als Lagerfläche für die Einbaumaterialien. Ausserdem befindet sich dort die Werkstatt, wo mechanischen Teile repariert und geschweisst werden, wie beispielsweise der Lokomotiven, Eisenbahnwagen oder der TBM. Auch die Neutralisationsanlage braucht viel Platz: Sie nimmt das stark basische Wasser aus dem Tunnel auf und neutralisiert es mit eingeblasenem CO2 auf einen pH-Wert von 7.
Zwei Zugkompositionen stehen zur Verfügung, um den Stollen mit Material für den täglichen Gebrauch zu versorgen und – wenn das Loch tiefer in den Berg getrieben ist – die Mineure an ihren Arbeitsplatz zu bringen. Der eine Zug besteht aus einer Lokomotive, einem Trommelmischer, einer Betonpumpe und einem Beschleunigerfass und dient der Betonnachlieferung. Die zweite Komposition besteht neben einer Lokomotive aus einem Platinen- und einem Personenwagen, um Mensch und Material zu transportieren.
 

Vorsicht vor der Tunnelflutung

Der Tunneleingang in der Fulenmatt liegt unmittelbar über dem Lyssbach. Damit das berüchtigte Gewässer nicht schon vor Ende der Bauarbeiten in den Stollen eindringt, wurden verschiedene Sicherheitsmassnahmen getroffen. Wenn das Hochwasser kommt, riegelt ein Dammbalken den Eingang ab. Die Mineure haben im Notfall
20 Minuten Zeit, den Tunnel via eines hochgelegenen Laufstegs zu verlassen. Pumpen mit einer Kapazität von mehreren tausend Litern pro Minute befördern allfällig eindringendes Wasser weg.
Wenn der Entlastungsstollen im Herbst 2012 fertig ist, kann das Hochwasser des Lyssbachs ungehindert durchfliessen. Wenn der Pegel ein kritisches Niveau erreicht
(24 Kubikmeter pro Sekunde), gibt die Pegelmessung der Blende im Leen, auf der anderen Seite des Tunnels, den Drosselungsbefehl. Sobald sich das Wasser hinter der Blende staut und ansteigt, fliesst es seitlich in einen Beruhigungsteich. Anschliessend gelangt das Wasser über einen Überfall in das Einlaufbauwerk zum Stollen. Nach zwei Drittel der Stollenstrecke wird über einen Vertikalschacht der Hochwasseranteil des Grentschelbachs eingeleitet. Das Auslaufbauwerk in der Fulenmatt wird die Energie des Wassers vor der Rückgabe in das Lyssbachgerinne abbauen. Thomas Kümin