Steter Tropfen höhlt den Stein

Steter Tropfen höhlt den Stein

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Teaserbild-Quelle: zvg
Das Fräsen und die Drucklufttechnik bekommen Konkurrenz: Immer häufiger setzt sich bei der Sanierung von Kunstbauten die Höchstdruckwasserstrahltechnik durch, denn gegenüber den konventionellen Methoden weist die junge Technologie entscheidende Vorteile auf.
 
Viel reisen muss Thomas Moor wegen seiner Arbeit eigentlich nicht. Dennoch ist der ehemalige Polier berufsbedingt ständig am Jetten. Nicht um die Welt, dafür aber bei Sanierungen alter Kunstbauten. Der Grund: Betonflächen werden immer häufiger mit der sogenannten Höchstdruckwasserstrahltechnik – kurz Jetten oder HDW – instand gesetzt. Mit bis zu 2500 Kilometern pro Stunde wird dabei ein Wasserstrahl gegen die Betonfläche geschossen. Bis diese, vollkommen mürbe geworden, in grossen und kleinen Stücken auseinanderbröckelt. «Ganz nach dem Grundsatz: Steter Tropfen höhlt den Stein», wie Moor treffend sagt. «Nur, dass die Natur dafür mehrere Jahrhunderte braucht – wir dagegen wenige Minuten.» Und tatsächlich: Nur zweimal muss der laserartige Wasserstrahl (siehe Kasten «Achtung Gefahr!») über dieselbe Betonfläche gleiten, bevor ihre Einzelteile durch die Luft fliegen. Auf der Hardbrücke in Zürich lässt sich dieser Vorgang zurzeit eindrücklich mitverfolgen. Das 1350 Meter lange Bauwerk wird nach 36 Dienstjahren instand gesetzt. Dazu gehören auch Betonarbeiten. Ersetzt werden die Brückenaufbauten sowie der Asphalt der Fahrbahn. Zudem gilt es die Hohlkästen zu sanieren. Die Arbeiten teilen sich die Reprojet AG und Locher Bauunternehmer AG. Ihre Aufgabe besteht darin, den Beton auf der Fahrbahn aufzurauen, die Randleitmauern zu entfernen und die Mittelkonsole der Brücke abzutragen. Moor, der sich auf das Jetten spezialisiert hat, ist für die Locher Bauunternehmer AG tätig.
 

Spannungen sind passé

Seit 1985 gibt es das Jetten. Seine Anwendungsbereiche sind die Reinigung und das Abtragen von Beton. Zu Leibe gerückt wird der grauen, harten Substanz wie folgt: Das Wasser dringt in kleine Risse ein und sprengt sie, sodass der Beton in seine Einzelteile zerfällt. Dafür braucht es einen Druck von bis zu 2800 bar. Das Problem: Bis vor einigen Jahren gab es keine Schläuche, die dieser enormen Kraft standhielten.
 
Alter Beton wurde deshalb mit der Fräsmaschine oder mit der Drucklufttechnik, zum Beispiel mit einem Presslufthammer, abgetragen. Mittlerweile sind die Schläuche verbessert worden, sodass das Jetten heutzutage häufiger zum Zuge kommt. «Der entscheidende Vorteil gegenüber den konventionellen Methoden ist, dass die Höchstdruckwasserstrahltechnik erschütterungsfrei ist. Das heisst, es verursacht in den zu erhaltenden Betonbereich keine Spannungsrisse», sagt Moor. Eingesetzt wird die junge Technologie aber vor allem dann, wenn man die im Beton vorhandenen Bewehrungen erhalten will. «Im Metall gibt es keine Ritzen, sodass das Wasser die Armierung nicht zerstört. Auf diese Weise lässt sich der Beton leicht von der Bewehrung lösen», sagt Moor. Jetten eignet sich aber auch, wenn nur wenige Zentimeter vom Beton abgetragen werden sollen. Dafür braucht es aber Fingerspitzengefühl.
 

Kein existierender Beruf

Es gibt zwei Varianten des Jettens: Die maschinelle erfolgt über einen Roboter, der die Lanze führt und von einem Maschinisten bedient wird. Nur selten bekommt der Nutzer einen Kontrolleur zur Seite gestellt. Und zwar immer dann, wenn er von seinem Standpunkt aus den Wasserstrahl nicht sehen kann. Wenn zu viel oder zu wenig abgetragen wird, gibt der Kontrolleur Bescheid. Zum Einsatz kommt der Roboter, wenn es ökonomischer ist, ein enger Terminplan vorgegeben ist, grosse Betonmengen abgetragen werden müssen und die Baustelle gut zugänglich ist. Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, wird von der anderen Variante des Jettens, sprich von der Handlanze Gebrauch gemacht. Mit ihr können aber auch Flächen nachbearbeitet werden, die der Roboter zuvor abgetragen hat. Bedient wird die Handlanze von zwei Personen, die sie alternierend in zwei Stundenschichten führen.
 
Der Nachteil beider Varianten ist, dass man nicht wirklich etwas sehen kann, wenn der Vorgang erst einmal gestartet ist. Das auf bis zu 70 Grad erhitzte Wasser verursacht nicht nur Dampf, sondern erzeugt wegen seiner Durchschlagkraft auch sehr viel Staub und schleudert zudem die losgelösten Gesteinsbrocken bis zu 100 Meter durch die Luft. Das beeinträchtigt nicht nur die Sicht, sondern ist auch gefährlich. Umso mehr sind die Bediener gefordert. Eine schulische Ausbildung oder eine Lehre existieren aber nicht, weshalb es auch kein Diplom, keinen Titel oder gar eine Bezeichnung für diesen Beruf gibt. «Die Leute werden einfach auf der Baustelle rekrutiert und angelernt. In der Schweiz sind es an die 120 Jetter», so Moor.
 

Wasserverbrauch enorm

Obwohl für das Jetten extrem viel Wasser benötigt wird, gilt das Verfahren gemeinhin als umweltschonend. Bruno Zuberbühler, Bereichstleiter Hydrodynamik bei der Firma Locher Bauunternehmer AG und somit Chef von Thomas Moor, erklärt: «Pro Minute benötigt ein Roboter an die 100, die Handlanze an die 25 Liter Wasser. Dieses wird nach dem Vorgang aber zu einem grossen Teil wieder aufgefangen, gereinigt und dann in die Kläranlage gespeist, sodass letztlich nur wenig vom kalten Nass verschwendet wird.» Das Einzige, was man der Technik ökologisch gesehen noch ankreiden könnte, ist, dass sie geringe Mengen an CO2 produziert, weil die Pumpe mit Diesel betrieben wird. Mit einem Partikelfilter kann man aber auch dieser Verschmutzung entgegentreten.
 
Ein weiteres Problem, mit dem sich die Jetter konfrontiert sehen, ist die Lärmemission. Die Belastung, die durch den Spritzvorgang ausgelöst wird, liegt bei durchschnittlich 90 Dezibel. Ab 80 besteht Gefahr fürs Gehör. Deshalb tragen alle einen Gehörschutz. «Für die unmittelbar neben der Baustelle wohnende Bevölkerung werden Schallschutzwände aufgestellt», sagt Moor. Und fügt an: «Eine Fräsmaschine oder ein Presslufthammer machen nicht wesentlich weniger Lärm, wenn sie für die Arbeiten infrage kämen.» Florencia Figueroa