Steine aus Asien – Steine des Anstosses?

Steine aus Asien – Steine des Anstosses?

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Teaserbild-Quelle: Robert Stadler und zvg
Natursteine aus Asien werden heute oft mit ausbeuterischen Produktionspraktiken – beispielsweise Kinderarbeit – in Verbindung gebracht. Verschiedene Schweizer Städte und Gemeinden schliessen aus diesem Grund asiatische Materialien bei öffentlichen Ausschreibungen inzwischen explizit aus. Zu Recht? Das «baublatt» konnte sich in Vietnam ein Bild von der Steinproduktion machen.
 
Martin Gassner macht sich Sorgen. Seit einiger Zeit schon ist der Umsatz seines Familienunternehmens Akiuco AG stark rückläufig. Lieferte die im liechtensteinischen Triesen domizilierte Firma bisher jährlich hunderte von Tonnen Pflastersteine für Plätze und Trottoirs in der ganzen Schweiz, so hat sie in diesem Jahr noch keinen einzigen grösseren öffentlichen Auftrag erhalten. Die Wirtschaftskrise allein kann die Ursache dafür nicht sein. Gebaut wird in der Schweiz ja nach wie vor sehr viel – im Tiefbau genau so wie im Hochbau. Auch preislich vermag die Firma gut mitzuhalten. Bei öffentlichen Ausschreibungen ist ihr Angebot oft das günstigste. Die Qualität der gelieferten Materialien wird von Fachleuten in der Schweiz geschätzt, wie auch zahlreiche Referenzobjekte belegen, darunter etwa die Basaltpflästerung des vor wenigen Jahren neu gestalteten, verkehrsberuhigten Zürcher Limmatquais.
 
Nein – der Grund, weshalb die Akiuco AG immer weniger zum Zuge kommt, liegt woanders: Die Firma importiert nämlich Pflastersteine und andere Natursteinprodukte aus Vietnam. Asiatische Steine aber haben heute in der Schweiz generell einen schweren Stand. Wiederholte, oft reisserisch aufgemachte und wenig differenzierende Medienberichte sowie eine breit geführte Kampagne des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) über Kinderarbeit und andere ausbeuterische Produktionsverhältnisse in Steinbrüchen von Schwellenländern wie Indien oder China zeigen Wirkung. Eine Reihe von Städten und Gemeinden schliessen neuerdings bei ihren Ausschreibungen asiatische Steine – auch solche aus Vietnam – kategorisch aus, so unter anderem die Stadt Zürich.
 

Ärger über Verdächtigungen

15. Juli 2009. Unter dem Titel «Steine des Anstosses» schreibt der Zürcher «Tages-Anzeiger» unter anderem: «Für die Bahnhofstrasse in Wald wurden Pflastersteine aus Vietnam verarbeitet, die möglicherweise aus Kinderarbeit stammen». Etwas später doppelt der gleiche Berichterstatter nach: «Der Verdacht, dass der neue Glanz des Waldner Bahnhofplatzes auf Kinderarbeit zurückzuführen ist, wurde nie ausgeräumt».
 
Martin Gassner, der Steine für das Projekt in Wald geliefert hat, ärgert sich regelmässig über solche und ähnliche Berichte. «Immer wieder machen die Medien vage Andeutungen; nie aber liefern sie konkrete Beweise für die vorgebrachten Anschuldigungen», kritisiert er. «Unsere Firma kann nachweislich belegen, dass mit der Steinproduktion für das Projekt in Wald, wie natürlich auch für alle andern in den vergangenen Jahren durch uns gelieferten Projekte, keine ausbeuterischen Produktionsmethoden verbunden waren. Ich habe dies dem «Tages-Anzeiger» in einem ausführlichen Schreiben dargelegt; meine Stellungnahme wurde aber nie abgedruckt. Weshalb wohl?»
 
Gassner, beruflich ursprünglich Sozialarbeiter und privat seit zehn Jahren mit einer Vietnamesin verheiratet, glaubt nicht, dass die sich häufenden Kampagnen gegen asiatische Steine in erster Linie etwas mit Moral und Ethik zu tun haben. «Inzwischen bin ich überzeugt, dass – nebst einer diffusen Angst vor der angeblichen asiatischen Gefahr – dahinter auch handfeste wirtschaftliche Interessen stecken. «Für manche europäische Steinproduzenten sind wir aufgrund unserer günstigen Preise und der guten Qualität eine unliebsame Konkurrenz – und so versucht man uns eben schlecht zu reden. Wie sonst kommt man auf die Idee, ganze Branchen und Weltregionen pauschal zu verurteilen und mittels Boykotten kollektiv auszugrenzen?»
 
Auch Martin Gassner bestreitet keineswegs, dass in manchen Steinbrüchen Asiens und anderswo noch immer manche Missstände herrschen. Ein Schönfärber ist er nicht. Er möchte nur die Relationen gewahrt sehen, und vor allem wünscht er sich, dass nicht alle in Asien tätigen Unternehmen in den gleichen Topf geworfen werden. «Seit den 90er-Jahren kenne ich in Vietnam nicht nur unsere eigenen Joint-Venture- und Lieferbetriebe, sondern auch viele andere Steinbruchunternehmen sehr gut; nie aber habe ich in all dieser Zeit irgendwo Kinderarbeit gesehen».
 
Der Liechtensteiner Unternehmer verweist in diesem Zusammenhang zudem auf eine von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO mit Sitz in Genf erhobene Statistik, wonach lediglich ein Prozent der weltweiten Kinderarbeit auf Tätigkeiten in Bergwerken und Steinbrüchen entfällt – mehr als 70 Prozent aber auf die Landwirtschaft und etwa acht Prozent auf die Textilindustrie. «Bilder von Kakaobohnen oder Baumwolle pflückenden Kindern sind aber wohl weniger medienwirksam als solche von Kindern mit Steinen auf dem Buckel», meint er sarkastisch. «Auch müsste man dann ja konsequenterweise auf das Essen von Schokolade verzichten und ohne Kleider herumlaufen ...»
 

Inspektionsreise für ein Gütesiegel

Mitte Januar 2010. Zusammen mit Martin Gassner und vier weiteren Fachleuten erhalte ich als Berichterstatter Gelegenheit, mehrere Steinbrüche und Steinverarbeitungswerke in Vietnam zu besuchen. Mit dabei ist Heineke Werner, Gründer und Direktor von Win=Win, Agentur für globale Verantwortung. Win=Win mit Sitz in Deutschland hat gemeinsam mit zwei anderen international tätigen Organisationen das Label «Fair Stone» geschaffen. Dieses Gütesiegel versteht sich als ein internationaler Sozial- und Umweltstandard für Natursteinimporte aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Wer hier mitmacht, verpflichtet sich, einen substanziellen Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen – keine Kinderarbeit, ausreichender Arbeitsschutz, gerechte Löhne und Anstellungsbedingungen usw. – zu leisten und wird dabei von Win=Win laufend kontrolliert. Über zwanzig europäische Natursteinimporteure und deren Lieferbetriebe in Indien, China und Vietnam sind heute Partner von Win=Win, darunter auch mehrere schweizerische Natursteinunternehmen und eben die Akiuco AG. Während seiner einwöchigen Inspektionsreise in Vietnam überprüfte Werner Heineke die Arbeitsbedingungen in insgesamt neun Steinbrüchen und Verarbeitungswerken. Die Situation in zwei der besuchten Betriebe sei hier etwas näher beleuchtet.
 
Die Stone Hill Ltd. in Quang Ngai in der Nähe von Danang wurde 1995 als liechtensteinisch-vietnamesischer Joint Venture gegründet. 51 Prozent des Geschäftskapitals gehören Martin Gassner von der Akiuco AG, 49 Prozent einem vietnamesischen Bauunternehmen. Die Firma betreibt etwa 20 Kilometer von Quang Ngai entfernt drei Basaltbrüche. Die Gesteinsvorkommen in Form von bis zu drei Meter langen Basaltsäulen liegen nur wenig tief unter der Erdoberfläche. Geborgen werden sie mit schweren Baggern, meist Occassionsmaschinen aus Japan oder Südkorea. Kinderarbeit wäre hier allein schon aufgrund der tonnenschweren Blöcke völlig unmöglich. Lastwagen transportieren das Rohmaterial ins Stone-Hill-Verarbeitungswerk in Quang Ngai, wo zurzeit 45 Mitarbeiter, alle über 18 Jahre alt, beschäftigt sind. Die staatlich vorgegebene Arbeitszeit beträgt acht Stunden, eine bezahlte halbstündige Pause mitgerechnet. Ebenfalls bezahlt sind 14 Arbeitstage Ferien und acht Feiertage pro Jahr. Die Mitarbeiter sind durch Versicherungen gegen Unfall, Krankheit, Invalidität und Arbeitslosigkeit geschützt. Sie verdienen je nach Qualifikation und Leistung zwischen 2,85 und 3,8 Millionen Dong monatlich, was umgerechnet etwa 160 bis 215 Franken entspricht. Gewiss: Ein solcher Lohn ist aus europäischer Sicht sehr niedrig. In Vietnam aber, wo auch die Lebenskosten um ein Vielfaches niedriger sind als bei uns, liegt dieser Lohn erheblich über dem Durchschnitt.
 

Vieles wird noch in Handarbeit gemacht

Teils maschinell, teils in Handarbeit, werden im Stone-Hill-Werk Quang Ngai dunkle Basalt-Pflastersteine und andere Strassenbaumaterialien hergestellt. Diese Produkte werden in die Schweiz und in die ganze Welt exportiert. Ein wachsender Anteil wird in Vietnam selber abgesetzt und teils von Stone-Hill-Mitarbeitern verlegt. Auch die auf dem Limmatquai in Zürich und vielen kleinen und grösseren Plätzen und Strassen liegenden Pflastersteine wurden übrigens hier produziert. Gearbeitet wird mit einfachen, oft alten Maschinen und Werkzeugen. Von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen oder gar Kinderarbeit kann aber keine Rede sein. Ob der «Tages-Anzeiger» da tatsächlich mehr weiss?
 
Der Steinbruch von Xuan Son (übersetzt: Frühlingsberg) befindet sich an einem Berghang, an dem unterschiedlich grosse Findlinge aus grauem Granit lagern. Diese werden in Handarbeit mittels Keilen, Hammer und Vorschlaghammer mit erstaunlicher Präzision in kleinere Blöcke aufgespaltet und dann in gleicher Weise zu 15 x 15 Zentimeter grossen Bausteinen verarbeitet. Während unseres Besuches klopfte eine freiberufliche Steinhauer-Equipe aus zwölf Männern die Findlinge im Akkord in das gewünschte Format. Kinder- oder Zwangsarbeit würde auch hier schon rein wirtschaftlich kaum einen Sinn machen. Die Männer im Alter von etwa 30 bis 40 Jahren arbeiten in kurzen Hosen und Plastiklatschen. Für ihre Sicherheit müssen sie selbst besorgt sein – was allerdings offenbar nur wenige tun. Fast alle arbeiten ohne Brille, Helm und Handschuhe. Darauf angesprochen geben sie – via Übersetzer – zur Antwort, dass Helme und Handschuhe wegen der Hitze sehr unpraktisch seien, und das Stei-nespalten für geübte Arbeiter ohnehin ungefährlich sei. Gegen die Sonne, die in dieser tropischen Gegend sehr stark sein kann, schützen sie sich mit einfachen Sonnensegeln. Jeder der Männer sei in der Lage, bis zu 100 Bausteine pro Tag zu erzeugen, erfahren wir von unserem Begleiter. Im Akkord verdienen die Männer umgerechnet zwischen 200 und 300 Dollar pro Monat, was dem Drei- bis Fünffachen eines vietnamesischen Mindestlohnes entspricht. Allerdings erhalten sie als Freiberufler keinerlei zusätzliche Sozialeistungen. Wenn die Arbeit in diesem Bruch getan ist, ziehen die Arbeiter weiter in den nächsten.
 

Handel muss ein Geben und Nehmen sein

Betriebe mit ähnlichen Verhältnissen treffen wir auf unserer Reise durch Vietnam noch mehrere an. Der generelle Eindruck: Die vietnamesische Natursteinindustrie befindet sich, so wie im übrigen das ganze Land, noch immer auf einem vergleichsweise niedrigen Entwicklungsstand. Es gibt noch viel zu verbessern, vor allem in Bezug auf Arbeitsorganisation, Arbeitssicherheit und Umweltschutz. Fortschritte aber brauchen Zeit, und vor allem braucht es dazu auch entsprechende Investitionen.
 
In der vietnamesischen Natursteinindustrie sind heute, je nach Schätzung, zwischen 250 000 bis 400 000 Personen tätig. Vor allem in ländlichen Gebieten bietet der Steinsektor willkommene Arbeitsplätze. Dazu nochmals Martin Gassner: «Naturstein ist ein leicht zugänglicher und relativ einfach zu bearbeitender Rohstoff. Für ein Entwick-lungs- oder Schwellenland wie Vietnam ist es daher nahe liegend, genau solche Produkte herzustellen und zu exportieren. Nur so kann sich das Land unsere Waren, von denen wir als Exportländer sehr gut leben, finanzieren. Der Handel mit Entwicklungs- und Schwellenländer muss aber ein Geben und Nehmen sein. Die in Asien im Natursteinsektor tätigen Menschen mit fadenscheinigen und pauschalen Behauptungen kollektiv vom Handel auszuschliessen, halte ich daher für zutiefst unfair.» Robert Stadler
 
 
Hinweis: Lesen Sie dazu das Interview «Wie kaufen Kanton und Stadt Zürich ihre Steine ein?»