Seewasser für Swarovski

Seewasser für Swarovski

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Teaserbild-Quelle: zvg
Für die Firma Swarovski entsteht in Männedorf am rechten Ufer des Zürichsees ein gläsernes Verwaltungsgebäude mit rund 500 Arbeitsplätzen. Der Neubau besticht durch seine Form und nachhaltige Bauweise.
 
Für glitzernden und funkelnden Kristallschmuck steht wie keine andere die Firma Swarovski. Der österreichische Konzern ist es denn auch, der das neue Verwaltungsgebäude oberhalb der Seestrasse in Männedorf in Auftrag gegeben hat. Nötig geworden ist der Neubau, weil die Firma gewachsen ist. Ihren bisherigen Hauptsitz gibt sie deshalb auf und zieht nach Männedorf (siehe «Hintergrund»).
 
Tatsächlich suchte Swarovski schon seit Längerem nach einem neuen Standort, geprüft wurde auch Stäfa. Männedorf stellte sich jedoch als geeigneter heraus, weil das Entwicklungspotenzial des ehemaligen Fabrikareals von Cerberus, auf dem der Neubau zu stehen kommt, grösser war. Neben diesem Vorteil wies das 14 000 Quadratmeter grosse Gelände aber auch Nachteile auf. So musste es nicht nur von mehreren alten Gebäuden, sondern auch von Altlasten befreit werden. Ausserdem liegt neben diesem die Bahnlinie und darunter fliesst das Grundwasser.
 
Diese Gegebenheiten stellten für die Firmen Eberhard Bau AG und Jäger & Partner AG, die für die Baugrube zuständig waren, grosse Herausforderungen dar. Für Kopfzerbrechen sorgte vor allem der Damm der Bahnlinie. Anhand von Messgeräten musste er während der Aushubarbeiten ständig überwacht werden, weil man befürchtete, dass er abrutschen könnte. Aufgrund von Regengüssen lösten sich denn auch die Feinteile, die für die Halterung des Bahndamms sorgen. Als Folge davon sank dieser um bis zu zwei Promille ab. Verschiebungen dieser Grössenordnung sind an der Grenze des Zulässigen, deshalb musste die SBB rasch handeln. Zwischen ein und drei Uhr morgens, als keine Züge verkehrten, wurden die Arbeiten ausgeführt. Zweimal griff die SBB ins Geschehen ein.
 
Trotz dieser Schwierigkeiten konnten die Aushubarbeiten termingemäss abgeschlossen werden. Gleich darauf ging es mit der Auftriebssicherung weiter. Denn das neue Verwaltungsgebäude ist viel zu leicht, um dem Druck des Grundwassers standhalten zu können. Deshalb mussten zur Sicherung des Neubaus viele Grundanker angebracht werden. Kaum war der Rohbau fertig, liess man das Grundwasser wieder an seinen angestammten Platz zurückfliessen. «Um zu verhindern, dass es in den Neubau eindringen kann, hat man das gesamte Untergeschoss als weisse Wanne ausgebildet», erklärt Projektleiter Walter Bossert von Implenia dazu.
 

Wasser sorgt für angenehmes Klima

«Das Aussergewöhnliche am neuen Verwaltungsgebäude ist jedoch, dass es trotz der Glasfassaden den Minergie-Standard aufweist», erklärt Bossert. Um diesem Standard gerecht zu werden, hat man die zweischalige Vorhangfassade mit einer dreifachen Isolierverglasung versehen. Vor der eigentlichen Fassade wurde eine gläserne sogenannte Prallscheibe montiert. Ihr Zweck besteht darin, die Fassade gegen den Winddruck zu schützen. Zudem soll sie die teuren Spezialverglasungen vor Verschmutzung bewahren. Zwischen der Prallscheibe und der Fassade befinden sich die Jalousien, die vollautomatisch auf die Sonneneinstrahlung reagieren und so eine Überhitzung der Räume verhindern. Für frische Luft im Gebäude sorgen Zu- und Abluftklappen, die in die Glasfassade integriert sind.
 
Eine weitere Besonderheit des Gebäudes sind die Deckenelemente Tabsilent. In der Architektur werden aus ästhetischen Überlegungen vielfach Oberflächen gewünscht, die flach, fugenlos und möglichst glatt sind. Der Raumakustik darf dies jedoch nicht schaden. Die lange Nachhallzeit wird in der Regel mit dem Einsatz von schallabsorbierenden Materialien reduziert. Da diese aber mehrheitlich wärmedämmend wirken, wird der Wärmefluss von und in die Decke behindert. Tabsilent ist unsichtbar und erlaubt damit nicht nur flache und neutrale Decken, sondern verbessert zudem den Wärmefluss um das 25- bis 30-fache. Dank diesen Eigenschaften erfüllt das Produkt sowohl die Anforderungen der Raumakustik als auch die der Ästhetik und unterstützt zudem aktive Heiz- und Kühlsysteme optimal. In diesem Fall ist das eine Seewasser-Wärmepumpe, die man als Kombimaschine auch zum Kühlen verwenden kann. Das Wasser für die Pumpe bezieht das Gebäude aus dem Zürichsee. Hierfür mussten zwei Leitungen (Vor- und Rücklauf) gebohrt werden. Der felsige Grund und die Naturschutzzonen am Ufer liessen jedoch nur eine grabenlose Methode zu. Deshalb entschied man sich dafür, die zwei Bohrungen über 450 Meter Länge in den Zürichsee zu erstellen und die Leitungen vom See her einzuziehen. Wegen der hohen Anforderungen an den Umweltschutz musste Swarovski ein Genehmigungsverfahren durchlaufen, an dem alle massgeblichen Behörden beteiligt waren.
 

Freier Blick auf den See

Das vierstöckige Verwaltungsgebäude entworfen hat das international tätige Büro Ingenhoven Architects aus Düsseldorf mit Zweigniederlassung in Männedorf. Die Planer haben ein Gebäude konstruiert, das eine Hufeisenform aufweist. Der spezielle Grundriss wurde deshalb gewählt, weil es «die direkte Lage am Zürichsee geradezu herausgefordert hatte», wie Architekt Thomas Höxtermann von Ingenhoven Architects erklärt. Es sei darum gegangen, den attraktiven Blick auf den Zürichsee zu ermöglichen. Das ist zwar für die Mitarbeiter bedeutsam, stellte an die Ausführenden jedoch eine grosse Herausforderung dar. Gefordert waren unter anderem auch die Bodenleger. Wie Bossert erklärt, wurden für diese Arbeit extra Geomatiker beigezogen. Die Bodenelemente mussten genau bemessen und zugeschnitten werden. Nur auf diese Weise war gewährleistet, dass das Ganze zum Schluss auch aufging.
 
Dasselbe galt für die Decke. Die weissen Bandrasterelemente und die daran befestigten trapezförmigen Metalldecken laufen von den innen liegenden Büroflächen des Objektes strahlenförmig auf die Fassade zu. Einerseits, um den Kurvenzug der Architektur aufzugreifen und andererseits um allfällige Trennwandmontagen von der Fassade bis unter die Deckenkoffer jederzeit und ohne Anpassungen des Deckensystems zu ermöglichen. Die abgehängten Metallelemente sind dabei nicht nur akustisch wirksam, sondern verhüllen auch die Installationen wie Kabel- und Lüftungsführung auf den Etagen. Sie bilden eine Ergänzung zu den betonkernaktivierten Sichtbetondecken der Flächen.
 
Für die Umsetzung der speziellen Deckenführung entlang der Fassade mussten für eine Fläche von circa 1200 Quadratmetern verschiedene Deckenplattenformate teilweise mit minimalen Unterschieden konstruiert, produziert und verlegt werden. Gleichzeitig konnte die Ausführung des Deckenspiegels nicht wie üblich über Massaufnahmen auf dem Bau erfolgen, sondern nur über die Angabe von Geometerpunkten – wie bei den Bodenbelegsarbeiten.
 

Grosser Freiraum

Insgesamt 450 Arbeitsplätze kommen im neuen Komplex unter. Das Erdgeschoss ist aufgeständert, sodass sich überdachte Aussenräume ergeben. Im Erdgeschoss finden sich neben der Eingangslobby mit einer Lounge auch ein integriertes Restaurant und mehrere Konferenzräume. In den Obergeschossen sind die Büros angeordnet. Die oberste Etage verfügt über eine Veranda. Die Obergeschosse sind zu 70 Prozent «open space» – also keine Trennwände sind vorhanden. Im Untergeschoss befindet sich die Einstellhalle mit rund 160 Plätzen. Oberirdisch wurden 40 Parkplätze angelegt.
 
Speziell am Untergeschoss ist jedoch, dass es dreimal so gross ist, wie das Verwaltungsgebäude selber. Auf der Oberfläche war somit genügend Platz, um einen 6000 Quadratmeter grossen Park anzulegen. Dieser befindet sich direkt oberhalb des Parkhauses und wird vom Verwaltungsgebäude umschlossen. Florencia Figueroa
 
 

Hintergrund

Im Jahr 2005 erlitt Männedorf einen Schock. Der Grund: Nach 50 Jahren Betrieb entschloss sich der deutsche Elektronikkonzern Siemens, seinen Produktionsstandort nach Zug zu verlegen. Mit einem Schlag gingen 490 Arbeitsplätze verloren. Zwei Jahre später kam für die 10 000-Einwohner-Gemeinde schliesslich die Erlösung: Swarovski kündigte an, ein neues Verwaltungsgebäude mit rund 500 Arbeitsplätzen bauen zu wollen. Und zwar genau dort, wo Siemens zuletzt war: auf dem 14 000 Quadratmeter grossen ehemaligen Fabrikgelände von Cerberus oberhalb der Seestrasse. Das Nachsehen hat die Gemeinde Feldmeilen. Dort sucht Swarovski nach wie vor einen Käufer für den ehemaligen Firmensitz. (ffi)
 

Beteiligte

  • Bauherr: Swarovski Immobilien AG, Feldmeilen
  • Generalunternehmen: Implenia Generalunternehmung AG, Dietlikon
  • Architektur: Ingenhoven Architects, D-Düsseldorf
  • Ingenieurbüro Elektro: Bühler + Scherler AG, St. Gallen
  • Metalldecke: Durlum AG, Münchwilen TG
  • Energiecontracting: Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, Zürich
  • Aufzüge, Rolltreppen, Bauinstallation: Kone (Schweiz) AG, Brüttisellen
  • Brandschutz, Sicherheitstechnik: Minimax AG, Dübendorf
  • Glastrennwände: Lindner AG, D-Arnstorf
  • Fassaden: Allega GmbH, Niederglatt