Schmuckstück über dem Zürichsee

Schmuckstück über dem Zürichsee

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Aufgrund der Hanglage bieten alle Gästezimmer über einen grandiosen Ausblick.
Das neue Hotel Belvoir wird nach seinem Wiederaufbau im Frühjahr 2011 die Hangkante im Dorf am Zürichsee krönen. Das architektonische Konzept basiert auf der Orientierung aller Zimmer zum See. Der Rohbau ist in vollem Gange, die aussergewöhnliche Form des Gebäudes mit drei Schollen tritt immer klarer hervor.
Aufgrund der Hanglage bieten alle Gästezimmer über einen grandiosen Ausblick.
Das alte Belvoir bedeutete den Rüschlikern viel. Das Hotel im Besitz der Gemeinde bildete die Bühne für das gesellschaftliche Leben im Dorf, für Hochzeiten, die Fasnacht und Jassrunden. Auch die Gemeindeversammlungen fanden jeweils im Saal statt. Die starke Verbundenheit der Bevölkerung mit dem Gebäude wurde sogar vom «Tages-Anzeiger» mit einer umfassenden Artikelserie dokumentiert. Ende Juni 2009 machte das alte Belvoir den Betrieb dicht. Auf den anschliessenden Rückbau und die Erdarbeiten folgte der Rohbau, der gegenwärtig noch im Gang ist. Ein Teil des Innenausbaus in den Untergeschossen ist bereits angelaufen. Das Rohbauende wird im August erwartet, die Eröffnung im April 2011.
Getragen wird das Projekt von einem privaten Bauherrn, der das Belvoir kaufte: Heinz Meier investiert rund 30 Millionen Franken in den Neubau, der auf einem Grundstück von 9113 Quadratmetern steht. Die für das neue Belvoir in Anspruch genommene Parzelle ist 6060 Quadratmeter gross. Es bleibt der Gemeinde Rüschlikon somit eine beträchtliche Landreserve. Das Grundstück liegt in der Wohnzone W3. Für das Hotel wurde ein Gestaltungsplan erstellt.
Das Grundstück, auf dem die Rüschliker Ikone seit jeher steht, ist geprägt von der phantastischen Fernsicht. Der Blick schweift von den Glarneralpen im Süden über den Zürichsee und den Pfannenstil bis zur Stadt Zürich und zum Uetliberg. Die Hangkante mit dem grossen Gefälle, auf dem das neue Belvoir in die Höhe wächst, garantiert, dass die Sicht frei bleibt. Der Linthgletscher hat hier vor 50 000 Jahren kräftige Spuren hinterlassen und Tal und Seitenmoränen geformt. Diese Reibung, das Fliesen des Eises, Schiebung und Formung schwingen im Projekt mit. Die glaziale Kraft wird thematisiert in verschiedenen Formen und Massstäben, das Aufbrechen und Schieben soll erkennbar werden. Im Grundriss präsentiert sich dieser dynamische Bezug als Komposition von drei Gebäudeteilen, die sich wie Gletscherschollen ineinanderschieben: der Hauptbau, dessen Front weitherum sichtbar ist, ein linker Flügel mit Restaurant und ein rechter Flügel mit Wellnessanlage und grossem Saal, der künftig wieder die Gemeindeversammlung und Feste beherbergen wird.
Neben dieser Orientierung zur Aussicht und zum See ist die gegenläufige Ausrichtung zur Abendsonne ein wichtiges Entwurfsthema des Zürcher Architekturbüros MOKA. Für den verantwortlichen Architekten Beat Küttel ist die Form des bestehenden Gebäudes mit einem markanten Dach und einer Umschliessung des Eingangshofes ebenso bestimmend. Aufgrund der Hanglage ist laut dem Architekturbüro eine sehr naturnahe Bepflanzung mit einem hohen Naturwiesenanteil geplant. Einzelne locker gesetzte Sträuchergruppen schützen vor Einsicht, wo dies nötig wird. Alle Pflanzen sind einheimisch. Der natürlich ins Terrain gelegte Fussweg führt vom Dorf zum Hotel.
 

Ein Teil des alten Hotels steht noch

Die Hanglage beschert dem Belvoir Tageslicht und Fernsicht auch in den Untergeschossen, die darum Gartengeschosse (G1 und G2) genannt werden. Im natürlich belichteten Teil des G2 und G1 sind attraktive Zimmer eingerichtet, die Technik- und Infrastrukturräume wie beispielsweise Lager, Kühl- und Personalräume wurden im hinteren bestehenden Teil untergebracht. Das Erdgeschoss besteht aus dem Restaurant, Bistro, Hotelempfang mit Foyer und Launch, dem grossen Saal, Seminarräumen und einer Bar. Im ersten und zweiten Obergeschoss finden sich wieder Hotelzimmer, Seminarräume und die Wellnessanlage. Im E3 unter dem Dach wird ein Teil der Haustechnik eingebaut. Sämtliche Ebenen sind behindertengerecht mit Aufzügen erschlossen. Gesamt verfügt das neue Hotel über 60 Gästezimmer. Das Belvoir wird nicht von Grund auf wiederaufgebaut. Das vom See abgewandte Untergeschoss des Gebäudes und die alte Tiefgarage wurden belassen respektive erweitert. Die seeseitigen Gartengeschosse (Zimmer) werden von Grund auf neu gebaut. Das Erdgeschoss und die teilweise in Leichtbau ausgeführten Obergeschosse werden auf die bestehende Struktur gesetzt. Die bautechnische Herausforderung besteht darin, den neuen, zum See gewandten Gebäudeteil und den alten Teil zusammenzufügen. «Das bestehende Gebäude musste statisch verstärkt werden, um die mit dem Neubau verbundene Aufstockung um eineinhalb Geschosse stützen zu können», erklärt Thomas Borner, Projektleiter beim Unternehmen Caretta Weidmann, dem Gesamtleitung, Baumanagement und Bauleitung unterliegt.
 

Bohrungen für Erdsonden

Heizung und Kühlung des Gebäudes geschieht mit Erdsonden. 14 Bohrungen wurden dafür in die Muränenschicht getrieben. Eine Gasheizung unterstützt die Sonden in Spitzenzeiten. Grundsätzlich wird für das Hotel eine ökologische, zweckmässige und unterhaltsarme Lösung angestrebt. Die geplanten Konstruktionen und technischen Ausrüstungen sollen den Minergie-Standard erreichen. Die massiven Aussenwandkonstruktionen im Sockel und die hinterlüfteten Fassaden tragen zu einem günstigen Raumklima mit gutem dynamischen U-Wert bei. Aussenliegende Gitterstoff-Storen schützen vor übermässiger Sonneneinstrahlung. Die Heizverteilung ist über eine Niedertemperatur-Bodenheizung geplant. Über das gleiche Röhrensystem kann auch gekühlt werden. Die neuen Räume sind mit einer kontrollierten Lüftung und Wärmerückgewinnung ausgerüstet, die Garagen mechanisch entlüftet.
 

Das Erdgeschoss als Zentrum

Das grossartige Aussichtserlebnis bestimmt das architektonische Konzept von MOKA. Im Erdgeschoss manifestiert sich das bereits beim Eintreffen in der Lobby und in den verschiedenen Restaurants, Bars, Sälen und Terrassen. Das Erdgeschoss bildet ein Zentrum, wo neben dem Empfang neuer Gäste, Essen, Trinken, Verweilen, Geniessen und Arbeiten auf einer grosszügigen Ebene zusammenkommen. Gleichzeitig verbindet diese Mitte die Gartengeschosse und die oben liegenden Zimmergeschosse. Das Ankommen mitten in der Anlage mit einer guten Überschaubarkeit des Eingangs-, Gastro- und Saalgeschosses ist ein wichtiges Thema für die Erschliessung, gleichzeitig ist es ein Garant für kurze Wege. Mit dem Auto gelangen Gäste via Säumerstrasse und einem schwungvollen Bogen zur Vorfahrt auf dem Erdgeschoss oder direkt in die darunterliegende Tiefgarage und auf das offene Parkfeld. Von 78 Parkplätzen sind 49 geschützt in der Tiefgarage untergebracht, davon 17 in der Garagenerweiterung.
 

Massiver Sockel, federleichte Mitte

Die Gartengeschosse bilden den massiven Sockel des Gebäudes. Die Aussenfassade besteht aus eingefärbtem Sichtbeton. Darüber bildet das Erdgeschoss als leichte transparente Schicht aus viel Glas den Übergang zu den darüber liegenden Platten mit den Gästezimmern, die sich über einer durchlaufenden Balkonplatte zum See öffnen. Die geschlossenen Teile bestehen aus feingliedrigen, hinterlüfteten Holzelementen. Vertikale Holzlamellen vor den Balkonen definieren die äusserste Gebäudekante.
Das in einzelne Schollen aufgeteilte Dach ist mit grossflächig verlegtem, matten Blech gedeckt und unterstreicht den schwebenden, leichten Charakter des Gebäudes über dem massiven Sockel. Mit dem offenen, einladenden und ausgreifenden Erdgeschoss verbunden ist die Idee der durchgehenden Materialisierung von Innen nach Aussen und der räumlichen Aufhebung der thermischen Grenze. So wird der Asphalt der Vorfahrt in der Lobby als gleichfarbiger, gegossener Hartbeton weitergeführt. Im Restaurant und im Saal wird Parkett verlegt.
 

Unerwartete Durchblicke

In der Raumgestaltung der Innenarchitekten Pia Schmid und Peter Kern wird das Thema der Schollen als Flächen mit Zwischenräumen vielfältig interpretiert. Immer wieder tun sich Fugen, Spalten und Ritzen auf, die auch als Lichtquellen dienen. Bei der Rezeption werden Holzflächen als Schollen in den Hartbeton eingelegt, im Restaurant ist der Naturstein in einem Schollenmuster verlegt. An Wänden und Decken findet dieses Flächenspiel mit Materialien statt, wie dem Übergang von Putz zu Sichtbeton oder glatten Flächen zu matten Flächen. In den Gartenzimmern sind es Teppichschollen in den Betonflächen im Boden, die die glaziale Vorgeschichte assoziieren. Die Zimmer sind farblich unterschiedlich gestaltet und werden so zu Unikaten, die auch von aussen vor allem nachts im Kunstlicht unterschiedlich wahrgenommen werden. Die eingesetzten Materialien sind natürlich und in der Nähe gewonnen. Sie werden so verwendet, dass sie möglichst einfach getrennt und rezycliert werden können.
Die Gästezimmer sind geprägt von der Offenheit zur Aussicht. Diese wird fortgesetzt in der Gestaltung des Badbereichs, der loftartig zum Zimmer und zur Sicht offen ist. Die obersten Zimmer unter dem schräg ansteigenden Dach profitieren von einer besonderen Grosszügigkeit. Dabei wird die Decke mit dem gleichen Zinkblech wie auf dem Dach grossflächig und in Schollenstruktur gestaltet und so die Leichtigkeit des Daches auch Innen spürbar. In der ganzen Innenraumgestaltung soll neben dem visuellen Erlebnis auch der Geruch des Materials das Haus «spürbar» machen. Im Restaurant bringen Beläge wie Olivenholz und Leder einen eigenen «Duft» und schaffen einen sinnlichen Gegenbezug zu anderen, steinernen und harten Materialien. Thomas Kümin