Rasantes Wachstum fordert seinen Tribut

Rasantes Wachstum fordert seinen Tribut

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Teaserbild-Quelle: Bild: astra
Der grüne Kanton Aargau ist in den vergangenen Jahren stark besiedelt worden. Daneben wirkt Solothurn fast ein wenig verschlafen, obwohl auch dort die Bevölkerung zunahm. In beiden Kantonen müssen die Raumplaner Augenmass beweisen. 
 
 
Der Kanton Aargau wächst und wächst. Bereits in den vergangen 40 Jahren ist die Einwohnerzahl von 430 000 auf 605 000 gestiegen. In den nächsten 25 Jahren rechnet der Kanton im neuen Richtplan mit weiteren 125 000 Zuzügern. Vor allem das Limmattal entwickelt sich dynamisch. Um den steigenden Bedarf an Wohnungen abzudecken, läuft dort die Bauwirtschaft auf Hochtouren. Denn in 40 Jahren soll in dieser Gegend die Zahl der Bewohner um fast 40 000 auf 128 000 steigen. «Die Region Baden/Wettingen wird in den nächsten Jahren mit grossen Herausforderungen konfrontiert werden. Das immer knapper werdende Bauland könnte dem dynamischen Wachstum Grenzen setzen», sagt François Chapuis, der in der kantonalen Verwaltung die Abteilung Immobilien Aargau leitet. Der Bevölkerungsdruck kommt seiner Ansicht nach vor allem aus der Stadt respektive der Agglomeration Zürich. «Der schwierige Wohnungsmarkt in Zürich hat unter anderem direkte Auswirkungen auf die Nachfrage im Raum
Limmattal.»

Einerseits profitiert die Region von der hervorragenden Verkehrsanbindung an Zürich und andererseits sind die im Limmattal noch bestehenden ländlichen Freiräume attraktiv für Familien. «Tendenziell», so Chapuis, «könnte dies zu einer Überhitzung führen.»

 

Verdaut Aarau den Bauboom?

 
Auch die Kantonshauptstadt Aarau entwickelt sich dynamisch. «Ob neue Bauten an herausragender Lage nicht anderswo in der Stadt  Leerstände erzeugen, muss die Zukunft noch zeigen», äussert sich Chapuis vorsichtig. Denn dazu bräuchte der Westaargau auch ein kräftiges Wirtschaftswachstum. Sicherlich steht der traditionell stark in die Maschinen-, Metall- und Elektroindustrie verankerte Kanton im Sog der Metropole Zürich. Entsprechend sind neue Unternehmen aus den verschiedensten Branchen in den vergangenen Jahren hinzugekommen. Und die «Immoprog 2010» von BAK Basel und Fahrländer Partner sagt voraus: «Die Region Zürich/Aargau dürfte auch in den kommenden Jahren eine der attraktivsten bleiben.» Doch einzelne Kantonsgebiete, so François Chapuis, könnten abfallen. «Das untere Aaretal und auch das Zurzigebiet weisen stark unterschiedliche Wachstumsraten aus.» Zudem ist der Aargau im vergangenen Konjunkturzyklus gemäss einer Studie der Neuen Aargauer Bank nur in den Jahren 2005 und 2007 überdurchschnittlich gewachsen.

 

Bildung und Gesundheit kosten

 
Im öffentlichen Bereich erwartet der Leiter des Hochbaus eine «kontinuierliche Entwicklung auf hohem Niveau». Mehrere Grossprojekte stehen bis 2014 im Bildungsbereich an. Zu ihnen gehören der Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch (Baukosten: 240 Millionen Franken) und das Bildungszentrum Unterfelden (30 Millionen Franken). Als weitere kantonale Bauten werden der Neubau des Zentralgefängnisses Lenzburg (35 Millionen Franken) und der Bahnhof Aarau (21 Millionen Franken) 2011 abgeschlossen sein. «In den vergangenen drei Jahren haben wir den Kostenplafond von 80 Millionen Franken für öffentliche Bauten immer ausgeschöpft. Um den weiterhin bestehenden Erneuerungsbedarf decken zu können, wird eine Erhöhung geprüft», sagt Chapuis. Dabei sind die sanierungsbedürftigen Kantonsspitäler Aarau und Baden in dieser Summe nicht mitkalkuliert. Während bislang der Kanton diese Bauten zahlte, werden voraussichtlich ab 2012 die bisherigen Mieter, die Spitalaktiengesellschaften, als Eigentümer und Bauherr auftreten.
 
Momentan wird auf politischer Bühne noch darüber diskutiert, ob die beiden Spitäler erneuert, abgebrochen oder zusammengelegt werden sollen. So oder so: Die Kosten werden sich zwischen 1 bis 1,5 Milliarden Franken bewegen. Ausserdem ist von privater Seite geplant, im Bäderquartier Badens beim Verenahof ein neues Gesundheitshotel mit Klinik und Thermalbad zu eröffnen. Der vom Stararchitekten Mario Botta entworfene Umbau soll 40 bis 50 Millionen Franken kosten. Das Baugesuch wird im ersten Halbjahr 2011 eingereicht, der Bau könnte 2013 bezugsbereit sein.
 

Verkehrsbudget ist ausgeschöpft

 
Im Kanton Aargau erstellen Private gemäss dem Bauinfo-Center von Docu Media momentan an 15 Orten Gebäude mit einem Investitionsvolumen von 15 bis 100 Millionen Franken. Die drei grössten sind: das Roche Laborgebäude für Analytik in Kaiseraugst (100 Millionen Franken), die Überbauung Rosengarten mit sieben Mehrfamilienhäusern in Untersiggenthal (59 Millionen Franken) und die Überbauung Egelmoos in Bremgarten (35 Millionen Franken).

Das starke Wachstum zieht auch im Verkehr Investitionen nach sich. An der Autobahn A1 wird die 9,5 Kilometer lange Strecke zwischen Lenzburg – Birrfeld erneuert und teils mit Lärmschutzwänden abgeschirmt. Die Arbeiten kosten den Bund 210 Millionen Franken und dauern noch bis 2013 an. Der Kanton Aargau seinerseits wendet jährlich fast 200 Millionen Franken für die Strasseninfrastruktur auf. Drei grössere Projekte, die in den nächsten vier Jahren anstehen, sind der Schulhausplatz Baden für 119 Millionen Franken, das Verkehrsmanagement Region Baden-Wettingen für 40 Millionen Franken und die Umfahrung von Mellingen von 36 Millionen Franken.

Die 3 Kilometer lange und 70 Millionen teure neue Staffeleggstrasse zwischen der Aarauer Telli und der Passverbindung der Staffelegg wird demnächst dem Verkehr übergeben. Ab Ende November wird die Wynental- und Suhrentalbahn (WSB) zwischen Aarau und Suhr vollends auf eigenem Trassee fahren, nachdem sie diese Strecke seit Jahrzehnten auf der Strasse absolviert hat. Der letzte Abschnitt von 3,6 Kilometern für 103 Millionen Franken ist nach fast dreijähriger Bauzeit fertiggestellt worden. Zudem wird im Frühjahr 2011 das Wohn- und Geschäftshaus «lineaar» beim Bahnhof Aarau abgeschlossen. Im 28-Millionen-Bau ist unter anderem die Direktion der AAR bus+bahn WSB einquartiert.

Prädestiniert für Logistikfirmen

Gegenüber dem rasant gewachsenen Aargau wirkt Solothurn beinahe etwas verschlafen. Zwar ist auch dieser Kanton in den vergangenen 20 Jahren um knapp 20 Prozent auf 256 000 Personen gewachsen. Doch im schweizerischen Vergleich gehört Solothurn eher zu den wachstumsschwächeren Kantonen und im Krisenjahr 2009 stieg die Arbeitslosigkeit dann auch kurzfristig auf 4,6 Prozent an. Das war der höchste Wert der Deutschschweiz. Mittlerweile aber ist gemäss dem Infobulletin der Regiobank Solothurn in den Betrieben vor Ort ein «vorsichtiger Optimismus» zu spüren, da sich die Auftragsbücher wieder füllen. Nebst Industrie (insbesondere Medizinaltechnik und Uhren) weist Solothurn im Dienstleistungssektor eine Stärke auf. «Vor allem Betriebe im Bereich Logistik boomen», sagt Bernardo Albisetti, Departementssekretär des Bau- und Justizdepartements. Diese Branche mit ihrer vergleichsweise tiefen Wertschöpfung fordere die kantonalen Raumplaner, da die grossen Logisthallen viel fruchtbaren Boden beanspruchten und keine architektonischen Glanzlichter seien.

Ihr bevorzugter Standort ist der Raum Härkingen, denn dort lassen sich die Metropolen Zürich, Basel und Bern zügig per Autobahn erreichen. Die ansonsten verkehrsgünstige Lage hat jedoch momentan eine Schwachstelle: Bei den Autobahnanschlüssen Egerkingen/Härkingen und Oensingen gleicht die A1 einem Flaschenhals, durch den sich täglich durchschnittlich 78 000 Fahrzeuge drängen und notorisch Stau verursachen. Der Ausbau des 20 Kilometer langen Abschnittes zwischen Luterbach und Härkingen auf sechs Spuren soll künftig Abhilfe schaffen. Vor kurzem sind die Vorarbeiten für das 300-Millionen-Projekt gestartet worden. Sie werden 10 Jahre andauern. Möglicherweise wird sich der Baustart allerdings verzögern, da die drei Gemeinden Härkingen, Gunzgen und Boningen noch vor Bundesgericht um mehr Lärmschutz kämpfen. In einem ersten Urteil sind sie mit diesem Anliegen Ende September vor Bundesverwaltungsgericht abgeblitzt.   Eine weitere Autobahnbaustelle befindet sich seit Frühjahr 2009 beim Belchentunnel. Dort wird für 107 Millionen Franken die Sicherheitstechnik nachgerüstet. Unter anderem sollen während der vierjährigen Bauzeit neue Strahlventilatoren montiert werden, die bei Brand den Rauch gezielt ableiten. Ausserdem wird der Verkehr ausserhalb der Portale neu geregelt und geführt.

Die Investitionswünsche für das kantonale Strassennetz von 620 Kilometern Länge und einem Anlagewert von 2 Milliarden Franken belaufen sich zur Zeit auf 940 Millionen Franken. «Sie übertreffen die kantonalen Finanzierungsmöglichkeiten von 360 Millionen Franken für die Jahre 2009 bis 2012 um ein Vielfaches», so Albisetti. Für die tatsächlichen Unterhaltsarbeiten würde deshalb eine «rigorose Priorisierung» gelten. Die grösste Baustelle ist seit 2008 die mit 320 Millionen Franken budgetierte «Entlastung Region Olten». Mit diesem voraussichtlich 2013 abgeschlossenen Projekt wird der Durchgangsverkehr aus dem Siedlungszentrum verlagert.
 

Satte Leerwohnungsziffer

 
2011 werden die Solothurner über den Neubau des Bürgerspitals Solothurn für über 300 Millionen Franken abstimmen. Ansonsten sind gemäss Datenbank des Bauinfo-Centers von Docu Media Grossprojekte im Moment rar. Zurzeit werden nur in Grenchen ein Neubau mit Wohnungen und Büros für 8 Millionen Franken und in Balstal ein Neubau zwei Mehrfamilienhäuser für 5 Millionen Franken errichtet. Das «moderate Bevölkerungswachstum und die traditionell hohe Wohneigentumsquote von über 50 Prozent tragen dazu bei, dass langfristig kaum Objekte neu gebaut werden müssen», stellt die «Immoprog 2010» von BAK Basel und Fahrländer Basel fest. Entsprechend lag die Lehrwohnungsziffer 2005 kantonal bei knapp 2 Prozent und selbst in gefragten Bezirken wie Bucheggberg und Dorneck sind Werte von je 0,7 und 0,9 Prozent erreicht worden, hält eine Studie des kantonalen Amts für Raumplanung fest. Eine weitere Statistik weist aus, dass die ausgezonten 100 Hektaren Bauland eine genug grosse Reserve für die nächsten zwei Jahrzehnte sein wird, um das voraussichtlich geringe Bevölkerungswachstum aufzufangen.
 
Urs Rüttimann