Raffinierter Bau, einfach "gestrickt"

Raffinierter Bau, einfach "gestrickt"

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Anders als beim gewöhnlichen Bauernhaus mit horizontalen Holzbalken sind die Querschnitte beim Hauptgebäude vertikal geführt.
Zwischen Bonaduz und Rhäzüns im Bündner Rheintal entstand ein Gebäudeensemble in massiver Holzbauweise, eine moderne Variation des traditionellen Strickbaus. Dahinter steckt viel Know-How und eine intensive Zusammenarbeit zwischen Architekt und Ingenieur.
 
Anders als beim gewöhnlichen Bauernhaus mit horizontalen Holzbalken sind die Querschnitte beim Hauptgebäude vertikal geführt.
 
Der Neubau der Gemeindebetriebe «Crest Ault» umfasst die Forst- und Werkbetriebe von Bonaduz und Rhäzüns und liegt auf der Ebene zwischen diesen beiden Gemeinden. Mit dem markanten, quer zur Kantonsstrasse stehenden Hauptbaukörper wird auf die Offenheit und Weite der Landschaft Bezug genommen. Gleichzeitig bildet die Gesamtanlage einen Abschluss zur heterogenen Industriezone von Rhäzüns. Im Hauptgebäude befinden sich die Forst-, Werk- und Feuerwehrbetriebe. Die Unterstände für einen Teil der Maschinen und Fahrzeuge sowie für die Recyclingsammelstelle sind südlich entlang eines Feldweges aufgereiht. So bildet sich ein zentraler, windgeschützter Hof.
Die Erscheinung der Anlage wird massgebend durch die Fassadenkonstruktion in einheimischem Lärchenholz geprägt. Das luftgetrocknete Holz wurde durch die Forstbetriebe in den idealen Mondphasen geschlagen. Vertikal laufende Kanthölzer sind als «stehende» Strickbauweise ineinandergefügt und aufgereiht. Bei den Räumen mit minimalen thermischen Anforderungen reicht diese Konstruktion, während sie bei den Aufenthalts- und Arbeitsräumen innenliegend zusätzlich gedämmt und mit einem Täfer aus den beim Sägen anfallenden Seitenbrettern abgedeckt wird. Bei diesem Objekt kam zwischen Architekt und Bauingenieur eine Zusammenarbeit zustande, die weit über das Gewohnte hinaus reicht, wo meist die strukturellen entwerferischen Rahmenbedingungen erörtert werden, die sich aus der Tragwerkswahl ableiten. Der Ingenieur ist hier auch Gesprächspartner in der Diskussion um konstruktive Fragestellungen beim Fassadenaufbau. Walter Bieler bringt natürlich sein gesamtes Know-how des Ingenieurholzbaus mit, das er sich mit einer stattlichen Anzahl beachtenswerter Brücken über Jahre aufgebaut hat.
Er beschreibt das Konzept wie folgt: Die Fassadenkonstruktion des massiven Holzbaus ist als Variation zu den für die Schweiz traditionellen Strickbauten konzipiert. Die einzelnen Lärchenquerschnitte mit einer Dimension von 12 auf 24 Zentimeter sind mit Nuten ineinander gefügt und vier Zentimeter gegeneinander verschoben. Das Raster der modernen, membranartigen Fassadenhaut weist traditionsverbunden auf die Thematik des ‹Um-Strickens› hin, wurde aber formal und konstruktiv weiterentwickelt. Anders aber als beim gewöhnlichen Bauernhaus mit horizontalen Holzbalken sind die filigranen Querschnitte beim Hauptgebäude vertikal geführt. Der Strickbautyp löst sich somit vom herkömmlichen Konstruktionsprinzip. Um die Formstabilität des einzelnen Querschnittes und die räumliche Dichte der Fassade zu erreichen, wurde das Schnittholz über ein Jahr lang langsam getrocknet. Durch die Verwendung des Rohstoffs Holz, der aus den einheimischen Wäldern der Gemeinden gewonnen wurde, bleibt ein Teil der Wertschöpfung in den Gemeinden erhalten. Für den Bau wurden rund 800 Kubikmeter Rundholz benötigt. Das Raumkonzept bildet die Grundlage für die tragende Struktur des Gebäudes. Einzelne Trennwände tragen das Dach oder die Zwischendecken der Verwaltungstrakte; bei den Hallen überspannen Binder aus Brettschichtholzträgern in einem Rhythmus von 6,40 Metern und bilden das Tragwerk.
Im Nebengebäude besteht das Tragwerk aus V-Streben aus Fichtenholz, welche die Kräfte der Vertikallasten wie Schnee oder der starken Windeinwirkungen, die auf der Ebene zwischen Rhäzüns und Bonaduz auftreten, aufnehmen können. Durch die Wahl von gleichförmigen, relativ kleinen Holzquerschnitten wirkt das Tragsystem trotz seiner grossen statischen Leistungsfähigkeit schlicht und bescheiden. Der Werkhof Bonaduz und Rhäzüns bildet somit eine optimale Voraussetzung für einen zuverlässigen, effizienten und vor allem auch umweltschonenden Werkbetrieb. Das Konstruktionsprinzip der Bauten ist der Ästhetik ebenso wie der Traditionsverbundenheit und auch der Funktionalität verpflichtet.
In diesem Sinne hat hier ein Dialog stattgefunden, der umfassend auf die Machart der Architektur eingegangen ist. Das Gestalterische und das Technische stehen als Einheit und bestimmen massgebend die Kraft der realisierten Bauten. (Dieter Geissbühler)