Qualitätsbewusstsein fördern

Qualitätsbewusstsein fördern

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Begrünte Flachdächer sind in der Schweiz etabliert. In den meisten Fällen sind sie jedoch mangelhaft. Deshalb hat die Schweizerische Fachvereinigung Gebäudebegrünung (SFG) eine Prüfungsstelle eingerichtet, die künftig die Qualität extensiver Dachbegrünungen sichern soll.
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In der Schweiz sind begrünte Flachdächer bereits etabliert.
 
Der Dachgarten wird zum bevorzugten Aufenthaltsort des Hauses und bedeutet den Wiedergewinn der ganzen bebauten Fläche», prophezeite Le Corbusier, als er Anfang des 20. Jahrhunderts seine architektonischen Konzepte in fünf Punkte zusammenfasste (Pfeiler, Dachgarten, freier Grundriss, Fensterband, freie Fassade) und damit den Grundstein für die Dachflächennutzung legte. Schon damals erkannte der Schweizer Architekt, dass die Stadt aufgrund von Grünflächenmangel an Lebensqualität einbüsst, und schlug deshalb die Dachbegrünung als Alternative vor.
 
Rund 100 Jahre später hat sich die Dachbegrünung nicht nur als Farbtupfer in grauen Städten etabliert, sondern ist auch als ökologische Massnahme akzeptiert. Schliesslich kann sie ökologische Wirkungen wie Wasserrückhaltung, Verbesserung des Stadtklimas und Schadstofffilterung aus der Luft erzielen sowie mit spezieller Planung naturnahe Ersatzstandorte für bedrohte Tier- und Pflanzenarten bieten. Dementsprechend kommt die Dachbegrünung in der Schweiz oft zum Zuge und ist in vielen Städten und Gemeinden auch bereits in der Bauordnung – als Pflicht für Flachdachneubauten – festgesetzt worden.
 
Die beispiellose Erfolgsgeschichte hat jedoch einen Haken: Vielerorts ist die Dachbegrünung von schlechter Qualität, was zur Folge hat, dass die positiven ökologischen Wirkungen minimal sind. «Der Boom der letzten Jahre ergab vor allem quantitativ – hinsichtlich der Quadratmeterzahlen der begrünten Flächen – bedeutende Fortschritte, nicht jedoch hinsichtlich der Qualität», erklärt Stephan Brenneisen, Präsident der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung.
 
Laut SFG betreffen die meisten Mängel der Dachbegrünung die Wasserretention (Wasserrückhaltung) und den Bedeckungsgrad. Auslöser für diese Probleme sind einerseits ein vegetationstechnisch mangelndes Substrat, das für die Begrünung verwendet wird, und anderseits die Missachtung der erforderlichen Schichtstärke. Dieses Verhalten begründet Brenneisen folgendermassen: «Offensichtlich hat sich noch kein ausreichendes Qualitätsbewusstsein entwickelt. Ansonsten müsste man die Nachfrage nach begrünten Dächern in guter Ausführungsqualität nicht als noch sehr gering bezeichnen.»
 

Zweiteilige Richtlinie

Dagegen will die SFG nun etwas unternehmen. Zu diesem Zweck hat sie eine Prüfungsstelle ins Leben gerufen, die auf Wunsch von Bauherren, Planern und Baugesetzgebern bestehende Dachbegrünungen – jedoch nur extensive (siehe «Stichworte») – auf ihre Qualität hin untersucht. Massstab für die Prüfung ist die SFG-Richtlinie. Diese setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Richtlinie Teil 1 für den Wasserhaushalt und die Vegetation setzt einen Mindestwasserrückhalt im Substrataufbau der Dachbegrünung fest. Dadurch soll auf der einen Seite die Siedlungsentwässerung möglichst gut entlastet und auf der anderen Seite gleichzeitig ausreichend Wasser für den angestrebten Bewuchs zur Verfügung gestellt werden. Der geforderte Wert für die Wasserrückhaltung wird in Abhängigkeit der Niederschlagsregion definiert. In trockenen Gebieten wie dem Wallis (weniger als 800 Millimeter Jahresniederschlag), der Region Basel oder Schaffhausen (800 bis 1000) sind elf respektive zehn Zentimeter Substrat notwendig. In feuchteren Gebieten wie der Region Zürich (1000 bis 1200) oder Luzern (mehr als 1200) reichen neun respektive acht Zentimeter aus, um die geforderte Vegetationsbedeckung zu erreichen.
 
Bezüglich der Vegetation fordert die SFG-Richtlinie Teil 1 einen Bedeckungsgrad von 75 Prozent nach zwei Vegetationsperioden, artenreiche Bestände sollten darüber hinaus mindestens 20 einheimischen Pflanzenarten Lebensraum bieten. Die Richtlinie Teil 2 für die Ökobilanz setzt eine ökologische Mindestqualität fest. Untersucht werden dabei die Materialien und der Herstellungs- sowie Transportaufwand. Durchgeführt wird die Prüfung von unabhängigen Experten. «Mit diesem Angebot sollen Bauherren, Planer und Baugesetzgeber die Möglichkeit erhalten, ausgeführte Dachbegrünung unabhängig von den ordentlichen Bauabläufen objektweise beurteilen zu lassen», erklärt Brenneisen. Erweist sich die Begrünung als qualitativ ungenügend, erhält der Auftraggeber Hinweise darauf, wie er sie allenfalls verbessern kann. Wie Brenneisen erklärt, geht es bei der Prüfung der Dachbegrünung aber nicht darum, Mängel zu beanstanden. Die SFG wolle vielmehr, auf die Problematik der qualitativ ungenügenden Dachbegrünung aufmerksam machen. «Mit solchen Massnahmen wie die neue Prüfungsstelle erreichen wir, dass die mangelhafte Qualität von Dachbegrünungen verstärkt ins Bewusstsein von Bauherren, Behörden und Unternehmen gelangt und darüber diskutiert wird», ist sich Brenneisen sicher. Florencia Figueroa
 
 
Nachgefragt bei Stephan Brenneisen, Präsident der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung (SFG).
 
Wie ist die Vereinigung auf die Idee gekommen, eine Prüfungsstelle einzurichten?
Stephan Brenneisen: Der Anlass dafür sind die vielen mangelhaften Dachbegrünungen. Wir möchten Behörden und Bauherren die Möglichkeit bieten, herauszufinden, woran ihre Dachbegrünung scheitert, indem die Prüfungsexperten eine Bestandesaufnahme machen und Hinweise liefern, wie man sie allenfalls verbessern kann.
 
Ist das Interesse für die Prüfung gross?
Bisher noch nicht, da sie sehr neu ist.
 
Wie geht der Prüfungsexperte vor?
Bei der Prüfung untersucht der Experte im Wesentlichen die Schichtdicke des Substrats, nimmt eine Substratprobe und erfasst den Bedeckungsgrad. Zusammen mit weiteren Angaben zum Objekt hält er alles auf einem Protokollblatt fest.
 
Was macht er, wenn er Mängel entdeckt?
Der Experte ist nicht dafür da, Mängel zu beanstanden. Er ist dafür da, eine Bestandesaufnahme zu machen und allenfalls erste Hinweise zu liefern, wie man die Dachbegrünung verbessern kann. Mängel als solche können auch gar nicht geprüft werden, da die SFG-Richtlinie in der Regel eine Art Empfehlung und keine zwingende Vorgabe ist. Der Experte kann aber aufzeigen, inwiefern sich die geprüfte Dachbegrünung von der SFG-Richtlinie unterscheidet.
 
Kann er die Bauherren zwingen, die Richtlinie einzuhalten?
Nein, auf keinen Fall. Er hat ja keine behördliche Aufgabe. Das könnte jedoch anders aussehen, wenn die Amtsstellen die SFG-Richtlinie als Ausführungsstandard einführen würde. Dann wäre es denkbar, dass der Experte einen expliziten Auftrag von den Behörden erhält, die amtlichen Vorgaben zu überprüfen.
 
Glauben Sie, dass das Interesse nach qualitativ hochstehenden Gründächern grösser wird, wenn eine Prüfungsstelle existiert? Immerhin haben Sie ja gesagt, dass es am fehlenden Interesse liegt, dass viele Gründächer qualitativ ungenügend sind. Kann eine Prüfungsstelle das ändern? Und wenn ja, warum?
Wir sind davon überzeugt, dass durch die Prüfungsstelle die Qualität im Gründachbereich zumindest thematisiert wird. Denn ein wesentlicher Teil des Problems liegt eigentlich darin, dass die meisten extensiven Dachbegrünungen, insbesondere die grossflächigen, nicht einsehbar sind. Die qualitativ ungenügenden Dachbegrünungen werden dementsprechend gar nicht wirklich wahrgenommen. Auf der anderen Seite zeigt sich aber, dass es verpasst wurde, bei der Einführung der Dachbegrünungspflicht auch eine Anforderung an die Schichtdicke der Substrate festzusetzen. Bei der Isolation eines Gebäudes wird die Schichtdicke respektive der U-Wert ja auch explizit eingefordert und es wird nicht einfach verlangt: «Das Haus muss isoliert werden». Verkürzt gesagt macht dies die SFG-Richtlinie. Sie gibt vor, dass es Mindestschichtdecken braucht, um gute Begrünungen zu erhalten. Im Kanton Basel-Stadt wird seit zwei Jahren aufgrund der Erfahrungen nun eine Mindestschichtdicke von zehn Zentimetern verlangt.
 
Woher kommt das Desinteresse an qualitativ hochstehenden Dachbegrünungen? Liegt es vielleicht an den Kosten?
Bei Grossprojekten liegt es sicher auch an den Kosten. So besteht bei einer Firma mit einer grossen Lagerhalle von vielleicht 10 000 Quadratmetern Fläche wohl kein grosses Interesse an eine hochwertige Dachbegrünung. Auch wenn sie nur zehn Franken mehr als die minimale kosten würde, so beträgt der finanzielle Mehraufwand zum Schluss an die 100 000 Franken, ohne dass der Bauherr einen direkt erkennbaren Mehrwert daraus zieht. Auch die Behörden dürften sich schwer tun, im Standortwettbewerb zu viele kostentreibende Auflagen zu formulieren. Es ist von dem her als typisch zu bezeichnen, dass eher in den Städten wie Basel, Zürich oder Luzern die griffigeren Auflagen formuliert werden können, wo die Standortgunst hoch ist und die Gefahr der Abwanderung von Unternehmen wegen Auflagen eher klein.
Ein Problem hinsichtlich Qualität ist aber auch der fortlaufende «Handwechsel» der Ausführung der Dachbegrünung. Zuerst waren es eher Gärtner, dann die Flachdächler aus der Abdichtungsbranche und heute sind es in vielen Fällen die Logistiker, sprich Pumpunternehmen der Dachsubstrate. Das vegetationstechnische Know-how für den Extremlebensraum Dachbegrünung ist da leider weitgehend auf der Strecke geblieben. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich die Branche um Fachwissen bemühen wird, sobald sich das Ganze stabilisiert hat. (ffi)