Politik und Wirtschaft bremsen

Politik und Wirtschaft bremsen

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: pixelio
Über 40 Prozent des CO2-Ausstosses stammen aus Gebäuden, verursacht durch hohen Energieverbrauch beim Heizen, Kühlen und bei der Warmwasseraufbereitung. Durch energieeffizientes Bauen liesse sich dieser Verbrauch halbieren. Die Tagung «Intelligentes Bauen» forderte, die Unabhängigkeit von den fossilen Energieträgern und zeigte Alternativen zu diesen Quellen auf.
 
Emissionsfreie Gebäude werden angesichts des Klimawandels und der Begrenztheit der fossilen Energieträger unentbehrlich. Doch welche Möglichkeiten gibt es und wie sieht das klimafreundliche Gebäude von morgen aus? Unter dem Titel «Intelligentes Bauen, CO2-freie Gebäude: Illusion oder Wirklichkeit?» lieferte das Forum der Allianz der Bauindustrie-Organisationen an einer Tagung mögliche Antworten auf diese Fragen. So war zu erfahren, dass das nachhaltige Bauen heutzutage kein Problem darstellt und technisch inzwischen so weit entwickelt ist, dass man entgegen der allgemeinen Auffassung nicht auf Lebensqualität verzichten muss. Damit energieeffiziente Technologien aber auch genutzt werden, darin waren sich die Referenten einig, muss in der Baubranche ein Umdenken stattfinden. Photovoltaik-Anlagen, bessere Wärmedämmungen und was es noch alles gibt, sind nämlich nach wie vor teurer als konventionelle Technik, sodass sie wenig Absatz in der Baubranche finden. «Dabei zahlen sich heutige Investitionen in Nachhaltigkeit morgen schon wieder aus», hält Hansjürg Leibundgut, Professor für Gebäudetechnik an der ETH Zürich, fest.
 

Wohnhaus B35 als gutes Beispiel

Wie das aussehen könnte, zeigte Leibundgut am Beispiel B35 (www.viagialla.ch). Das ist ein in Zürich neu erstelltes Gebäude mit mehreren Mietwohnungen, das dem ETH-Professor gehört und von ihm mit der nötigen Technik für das Heizen und Kühlen sowie die Warmwasseraufbereitung ausgestattet wird. Das Ziel, das er dabei verfolgt: Alle von aussen bezogenen Energieströme im Gebäude, also auch die Elektrizität, müssen emissionsfrei sein. Hierfür setzt Leibundgut insgesamt zehn verschiedene Techniken ein. Zu diesen gehören unter anderem eine Wärmerückgewinnung aus Abwasser, eine neuartige Gebäudeisolation sowie Fensterscheiben mit hoher Licht- und geringer Wärmedurchlässigkeit. Der Stromverbrauch wird durch Wind- und Solarenergie gedeckt. Beteiligungen an einer Windkraftanlage im Jura und an einem Photovoltaik-Park in Spanien machen es möglich.
 

Energie kommt aus der Ferne

Noch liefern die erneuerbaren Energiequellen aber nicht genügend Strom für die ganze Welt. Das liegt daran, dass es noch zu wenige Anlagen gibt. Während einige der Meinung sind, dass die Lösung für dieses Problem in der dezentralen Energieversorgung liegt (siehe dazu Artikel «Wie eine Gemeinde klimafreundlich wird» in «baublatt» 13/2010 und «Hintergrund»), glauben andere, dass das System der zentralen Energieversorgung weiterhin aufrecht erhalten werden kann. Der einzige Unterschied: Die grossen Anlagen produzieren Strom nicht mehr mit fossilen, sondern mit erneuerbaren Energien. Bernd Utz, bei Siemens für die erneuerbaren Energien verantwortlich, ist deshalb davon überzeugt, dass Europa sich darauf einstellen muss, dass die Energie weiterhin aus der Ferne kommen wird. «Für die Erzeugung von sauberem Strom werden nämlich Anlagen benötigt, die im Gegensatz zu den Atomkraftwerken, Kohlekraftwerken und so weiter nicht standortunabhängig gebaut werden können», sagt er. Schliesslich mache eine Solaranlage nur dort Sinn, wo viel Sonne scheine. Dasselbe gelte für ein Wasserkraftwerk oder einer Windkraftanlage. Für den eigenen Stromverbrauch sei es zwar legitim, trotz fehlendem Sahara-Wetter eine Solarzelle auf dem Hausdach zu montieren. «Will man jedoch ein ganzes Land mit Strom versorgen, braucht es mehr als ein paar Solarzellen auf dem Dach.» Nötig seien hierfür ganze Solar- und Windparks, die sinnvollerweise dort gebaut würden, wo durchschnittlich viel Sonne scheine oder viel Wind wehe – also meist im Ausland.
 
Die Infrastruktur, die den Strom ohne grosse Verluste von seinem Produktionsort an den Verbrauchsort transportiert, ist laut Utz technisch schon längst vorhanden. Das Einzige, was noch fehle, sei der Wille, die Technik auch einzusetzen.
 
Die Anhänger der dezentralen Energieversorgung sind zwar auch der Meinung, dass ein Umdenken stattfinden muss, damit sich die erneuerbaren Energien durchzusetzen können. Sie wollen aber gleichzeitig auch unabhängig vom Ausland sein und vor allem die Wertschöpfung, die sich aus der Stromerzeugung ergibt, in der eigenen Region behalten. Das setzt jedoch voraus, dass die Gemeinden, Städte und später vielleicht auch Länder energieautonom werden. Möglich mache dies die dezentrale Energieversorgung, die überall umsetzbar sei. Man müsse nur herausfinden, wo die Potenziale in der Region liegen und sie richtig ausschöpfen. Ein Beispiel, wie das funktioniert, ist die Stadt St. Gallen, die herausgefunden hat, dass ihr Untergrund beste Voraussetzungen für die Nutzung von Erdwärme bietet. Das neue Energiekonzept sieht deshalb vor, die Geothermie zum Hauptpfeiler der städtischen Wärmeversorgung zu machen.
 
Welche der beiden Energieversorgungsstrategien sich nun durchsetzen wird, ist noch offen. Einig sind sich die Experten nur darin, dass die Umstellung von den fossilen zu den erneuerbaren Energien unbedingt voranzutreiben ist. Das setzt jedoch voraus, dass die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden. Florencia Figueroa