Platz für drei Jumbos auf dem schwebenden Dach

Platz für drei Jumbos auf dem schwebenden Dach

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Teaserbild-Quelle: Werner Catrina
In Singapur ist das spektakuläre Resort Marina Bay Sands im Bau, ein Komplex der Superlative für 5,25 Milliarden Dollar. In diesem Jahr soll er zum neuen touristischen Brennpunkt werden.


Quer über drei Wolkenkratzer ein weit auskragendes Dach: Wohl noch nie ist die Skyline einer Stadt derart surreal umgekrempelt worden. Das Marina Bay Sands Ensemble in Singapur sprengt rigoros architektonische Konventionen und ergibt den perfekten Schauplatz für den nächsten James-Bond-Film. Der israelische Architekt Moshe Safdie, der bisher Flugplätze, Shopping Center und andere Grossprojekte realisierte, ist 2005 von der in Las Vegas domizilierten Sands-Gesellschaft mit dem 5,25-Milliarden-Dollar-Projekt im südostasiatischen Stadtstaat betraut worden, das ausser den 2500 Hotelzimmern und 230 Luxussuiten in den obersten Etagen in den drei Türmen auch ein Kongresshaus, ein Kasino sowie ein Museum und andere Bauten umfasst. Das Marina Bay Sands wird auf aufgeschüttetem Land hochgezogen, welches das Unternehmen von der Regierung Singapurs für 60 Jahre least.

Das Projekt der Superlative wird gekrönt vom Sky Park, dem 1,2 Hektar umfassenden Dachgarten. Die in einer Werft in Singapur gebaute Metallkonstruktion wurde wie die Segmente einer Brücke in Einzelteilen von 300 bis 500 Tonnen mit Winden (strand jacks) auf die Dächer der Hochhäuser gehoben und in 200 Meter Höhe in Position gebracht. 340 Meter lang ist das spektakuläre Dach. Es bietet genügend Platz, um darauf vier Riesenflugzeuge des Typs A 380 und einen kleineren Jet hintereinander parkieren zu können. Ein 150 Meter langer Pool wird schon bald von tropischen Bäumen und Büschen umgeben sein und die Hotelgäste erfreuen; bis zu 3500 Menschen werden sich gleichzeitig auf diesem Ausguck mit Restaurants und Souvenirshops aufhalten können, der zum grossen Teil den Hotelgästen vorbehalten ist, jedoch auch eine öffentlich zugängliche Plattform aufweist. Die an einen Wal erinnernde stählerne Konstruktion in der 57. Etage hoch über der Bay von Singapur ist schon während der Bauzeit eine grosse Attraktion. Oft beobachten Hunderte von Zaungästen, wie die Seilwinden die Elemente hochziehen und scheinbar lautlos in Position hieven: eine logistische Meisterleistung. Drei Monate dauert es, um das insgesamt 7000 Tonnen schwere «Meccano» millimetergenau zusammenzufügen. Nahe dem Meer, wo die drei Türme stehen, können innert Minuten starke tropische Winde bis hin zur Tornadostärke aufkommen, was die Statiker in ihrer Konstruktion berücksichtigten. Gegen das Meer hin sind die Hoteltürme elegant geschwungen, was den Winden weniger Angriffsfläche bietet und die optische Attraktion noch erhöht. Das einzigartige Riesendach bietet noch zusätzliche Angriffsflächen für tropische Stürme, weshalb man der Statik des Ensembles grösste Sorgfalt widmete. Um die Last tragen zu können, ist der dritte Turm, auf dem das Dach aufliegt, verstärkt konstruiert worden.

2010 wird Marina Bay Sands dem Betrieb übergeben und zum neuen touristischen Brennpunkt Singapurs werden. Ausser den Hoteltürmen umfasst der Komplex zwei Theater für 4000 Besucher; das Musical «Lion King» vom New Yorker Broadway wird auf einer der Bühnen permanent gespielt. Das Kongresszentrum mit riesigen Kongress- und Ballsälen, die je nach Bedarf modular vergrössert oder verkleinert werden können, sowie mit vielen Konferenzräumen kann Veranstaltungen mit Zehntausenden von Besuchern beherbergen.

Das Kasino ist als riesiger ovaler Galerieraum mit mehreren Ebenen konzipiert; über den Ebenen, auf denen sich die Masse der Gambler vergnügt, spielen «Auserwählte» im exklusiven Paiza Club umgeben von erlesenem Luxus um grosse Summen. Eine Shopping Mall, durchzogen von einem Kanal mit Gondolieri und Booten wie in Venedig, bietet auf 75 000 Quadratmetern 300 Läden und eine stattliche Anzahl Restaurants. Draussen auf dem Wasser nimmt das Artscience Museum in Form einer halb geöffneten riesigen Lotusblüte Gestalt an. Wissenschaft und Kunst sollen hier eine Symbiose eingehen und Menschen aus aller Welt begeistern. Ein weiterer Pavillon in der Bay wird zum asiatischen Flagship-Store von Louis Vuitton ausgebaut. An das integrierte Resort wird ein ausgedehnter Park anschliessen, die Marina Bay Gardens.

Der Komplex soll den bestehenden Attraktionen Singapurs wie dem vor wenigen Jahren eröffneten Esplanade Theaterkomplex und den riesigen Shopping Malls, den Kongress- und Messeanlagen in der City und am Changi-Airport den Umsatz nicht schmälern; der spektakuläre Marina-Bay-Komplex soll den Kuchen vergrössern und neue Kundschaft – Touristen, Kongressteilnehmer und Spieler – in die Stadt an der Südspitze der malaysischen Halbinsel locken. Mit grösserer Kelle hat die Las-Vegas-Sands-Gesellschaft, weltweit einer der führenden Unternehmer für integrierte Resorts, noch nirgends angerichtet.Das spektakuläre, bepflanzte Dach ist die Visitenkarte für ein Projekt, das als «grün» propagiert wird. Diese Philosophie manifestiert sich schon während der Bauphase, wo man die Abfälle in organische und rezyklierbare Bauabfälle trennt oder strikt ungiftige Farben verwendet. Ein 25 Millionen Dollar teures, «intelligentes» Gebäude-Management-System steuert Beleuchtung, Kühlung und Wasserversorgung, lässt Storen herunter und zieht Vorhänge automatisch, um Energie zu sparen. Die im tropischen Land unerlässliche Aircondition funktioniert mit Wasserkühlern, die gemäss Bauunterlagen 80 Prozent effizienter arbeiten als Luftkühler. Und alle Hotelzimmer sind mit einem «Eco»-Knopf ausgestattet, der das Kühlsystem herunterfährt, wenn der Gast das Zimmer verlässt. Regenwasser wird gesammelt und kommt als Brauchwasser wieder zum Einsatz. Auch Solarpanels fehlen nicht; dennoch wird Marina Bay Sands den Stromverbrauch einer kleineren Stadt haben. Die Elektrizität kommt überwiegend aus Gaskraftwerken und wird auch aus Malaysia importiert. Viele am Mega-Projekt beteiligte Firmen sind in Singapur domiziliert, das über eine hoch ent-wickelte Bauwirtschaft verfügt, die Hunderttausende ausländische Arbeiter beschäftigt.

Allein 12 000 Personen stehen auf der riesigen Baustelle Marina Bay Sands im Einsatz. Sicherheit wird auf den Baustellen Singapurs gross geschrieben, woran allgegenwärtige Plakate und andere Hinweise erinnern. Lachend grüsst eine indische Crew in Helmen und blauen Overalls den Reporter, ihre Schicht ist abgelaufen. Sie waschen sich ihre verdreckten Hände und Gesichter, laufen dann in die Containersiedlung, um sich auszuruhen. Rund um die Uhr wird auf dem Marina-Bay-Gelände gearbeitet, um den ambitiösen Fahrplan einzuhalten. Die Löhne sind zwar höher als in den Heimatländern Malaysia, Bangladesh, Indien oder Laos, doch die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind hart. Ohne diese Nomaden der Bauwirtschaft könnten architektonische Megastrukturen wie das Marina Bay Sands nicht hochgezogen werden, denn Singapur hat viel zu wenige Arbeitskräfte im Bausektor. Als Zaungast dieser gigantischen Baustelle staunt man, wie speditiv und präzise dieser Völkerbund unter der Leitung erfahrener Ingenieure und Bauleiter ein derart komplexes Projekt realisiert. (Werner Catrina)