Platten, die es in sich haben

Platten, die es in sich haben

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Teaserbild-Quelle: zvg
Was haben das Bundeshaus, der Prime Tower und das Eawag-Gebäude gemeinsam? Nicht viel, aber in allen drei Bauten kamen spezielle Bauplatten zum Einsatz. Im ersten Fall ging es um Schalldämmung, beim Zürcher Hochhaus um Brandschutz und beim Eawag um Ökologie und Raumklima.
 
Die Bandbreite von Bauplatten ist gross. ­Allein bei den Materialien reicht die Palette von Gipsfasern über Holzfasern bis hin zu Lehmprodukten, um nur einige zu nennen. Aktuelle Themen wie Bauökologie und Raumklima haben letzteren Auftrieb gegeben, wie bereits im «baublatt» Nr.5 berichtet. Auch andere Aspekte wie Schallschutz oder Brandschutz ­werden immer wich­tiger. In allen drei Bereichen sind innovative ­Lösungen entwickelt worden. Nachstehend eine kleine Auswahl an Bauplatten, die es buchstäblich in sich haben.

Die Natürlichen

Vom Trend Bauökologie und gesundes Bauen profitiert Lanatherm aus Sennwald SG. Das Unter­nehmen bietet Naturbaustoffe an, die ohne synthetische Zusätze auskommen. Zum Beispiel Dämmstoffe aus reiner Schafwolle, Naturfarben, ökologische Bodenbeläge und verschiedene Putze. Aber auch Lehmbauplatten, die im Trockenbau verarbeitet werden, gehören zum ­Sortiment. Diese bestehen aus Erde und Schilf, und sie sind Bauplatte und Lehmputz in einem. Lehmbaustoffe werden mittlerweile auch bei Grossprojekten eingesetzt. So im Fall des Hauptgebäudes der Eawag, des Wasserforschungs­instituts der ETH in Dübendorf. Als die Eawag aus Platzgründen einen Neubau plante, war klar, dass die baulichen und technischen Massnahmen innovativ und nachhaltig sein sollten. Zum Konzept gehörten auch die Verwendung von natür­lichen Dämmstoffen wie Flachs und Hanffilz und der Einsatz von Lehmbauplatten für die Trennwände der Büros.
 
Die in grossen öffentlichen Gebäuden noch meist für Leichtbauwände verwendeten Gipskarton­platten und -putze wurden durch Lehmbaustoffe ersetzt. Diese sorgen für ein angenehmes Raumklima und regulieren die Luftfeuchtigkeit optimal. Zum Einsatz kamen die Claytec-Platten von Lana­therm. Sie wurden zunächst einem harten Test unterzogen: Die benachbarte Materialprüfungsanstalt Empa prüfte mit einer Modellwand die bauphysikalische und nachhaltige Eignung der Lehmbauplatten. Das Ergebnis war gut, und so wurden 2700 Quadratmeter Lehmbauplatten und 3000 Quadratmeter Feinputz verarbeitet. Immer mehr Menschen in der westlichen Welt leiden an den Folgen von negativen Umwelteinflüssen. Nicht nur Abgase, auch giftstoffhaltige Baustoffe in Innenräumen werden heute als ­Auslöser für die verschiedenen Symptome wie Allergien, Schwindel, Reizung der Augen betrachtet. Man spricht auch von «Sickbuilding ­Syndrome». Deshalb haben gesundheitliche ­Aspekte beim Bauen stark an Bedeutung gewonnen. Hier setzt auch Fermacell mit einer neuen Produktlinie an: Die Gipsfaserplatte Greenline bindet und neutralisiert Schadstoffe wie Formaldehyd. Sie wird auf der Basis von natürlichen Materialien hergestellt. Die Platten sind mit ­einem Werkstoff auf Keratinbasis beschichtet. Keratin ist ein Hauptbestandteil von Schafwolle und hat die Eigen­schaft, Schadstoffe aufzunehmen und ins Molekulargefüge einzubauen. Das heisst, Schadstoffmoleküle werden in unschädliche Stoffe umgewandelt.
 
Vor allem für Gebäudesanierungen sind die ­Fermacell-Gipsfaserplatten eine saubere Lösung. Ein mit Formaldehyd belastetes Einfamilienhaus aus den 70er-Jahren wurde beispielsweise mit Greenline-Platten ausgestattet. Nach der ­Sanierung betrug die Formaldehydbelastung der Raumluft noch knapp ein Fünftel des ursprünglichen Messwerts.

Die Stillen

In Grossraumbüros, Bibliotheken und andern ­öffentlichen Räumen ist der Schallschutz ein wichtiges Kriterium für die Wahl der Bauplatten. Auch bei Wohnobjekten sollte möglichst auf schallschützendes Material geachtet werden. Schliesslich will niemand seinen Nachbarn niesen oder dessen Hund kläffen hören. Hier setzt Knauf mit dem Silentboard, einer Gipsplatte mit sehr hohem Schallschutz, an. Diese Eigenschaft hat das Silentboard dank seinem modifizierten Gipskern. Die Platten sind universell einsetzbar und lassen sich wie herkömmliche Gipsplatten ­verarbeiten. Mittlerweile gibt es viele Bauplatten in Gips, Holz, Kunststoff oder Metall, die mit Schallschutz ausgerüstet sind. Meist sind sie an der gut sichtbaren Perforation an der Oberfläche zu erkennen. Bezüglich Ästhetik nicht gerade ­berauschende Lösungen.
 
Doch es geht auch anders. Akustik & Raum aus Olten beispielsweise entwickelte speziell für Architekten und Raumgestalter einen alternativen Schallabsorber, bei dem die störenden Öffnungen durch Feinmikrostrukturen ersetzt werden. Diese sind kaum sichtbar, der Absorptionsgrad ist jedoch optimal. Die Mikroperforierung muss im Vergleich zur Plattendicke sehr klein sein, ­damit man sie optisch nicht wahrnimmt. Bei dem System reibt sich die Luft an den Wänden der winzigen Löcher zusammen mit der Luft im Zwischenraum als Feder. Die Schallenergie wird ­dabei in Wärme umgewandelt. Die physikalischen Grundlagen solcher Fein­mikroabsorber sind schon lange bekannt: So ­beschrieb Hermann von Helmholtz bereits vor 150 Jahren einen Reso­nator, der aus einer ­luftgefüllten Hohlkugel mit Öffnung besteht. Das Prinzip des Helmholtz-­Resonators wird heute vielseitig angewendet, zum Beispiel bei der ­Resonanzaufladung in Porsche-Motoren. Die Idee der Mikroakustik wurde vom Ingenieur ­Helmut Fuchs vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) in Stuttgart wiederaufgenommen und das System «Makustik» schliesslich patentiert. Akustik & Raum ist Lizenznehmer und Partner vom IBP und setzt diese Theorie seit 2004 in die Praxis um.
Die junge Marke entwickelt und produziert ­ästhetisch ansprechende und technisch hochwertige Feinmikro-Schallabsorber. So sind die Akustikplatten der besonderen Art denn auch an einigen edlen Adressen zu finden, beispielsweise im Luxushotel Dolder Grand oder im Bundes­haus in Bern. Für Letzteres bekam Akustik & Raum den Zuschlag für die Wand­verkleidung. Neben der Effizienz gab es noch viele weitere Vorgaben vom Bundeshaus. Die Verkleidung musste schwer entflammbar sein, die Perforation unsichtbar, das Furnierbild ­ästhetisch und kameratauglich.

Die Coolen

Wenns brenzlig wird, sind Bauplatten mit Brandschutz gefragt. Für Hochhäuser gelten viel strengere Brandschutzvorschriften als für Privatbauten. So zum Beispiel beim Prime Tower in Zürich. Für die besonders neuralgischen Bauteile wie Lüftungskanäle und Entrauchungsschächte verlangten die zuständigen Behörden eine Feuerwiderstandszeit von 90 Minuten.
Zum Einsatz kamen in diesem Fall die Brandschutzplatten Promatect-LS von Promat. Sie basieren auf Kalziumsilikat und wurden eigens für den Bau von selbsttragenden Lüftungskanälen beziehungsweise ­Entrauchungsschächten entwickelt. Dank ihrer Zusammensetzung ist der Feuerwiderstand schon bei geringer Dicke gross. Weitere Vorteile der Platten sind ihr geringes Gewicht und die Verarbeitbarkeit, die mit üblichen Hartmetallwerkzeugen relativ einfach ist. Die Platten für den Prime Tower wurden in der Produktionsabteilung von Promat vorgefertigt.
Das Grossprojekt war für alle Beteiligten eine ­Herausforderung. Planung und Timing lautete das Gebot der Stunde: Im Wochentakt wurden in jeder Etage 240 Meter Promat-Kanäle mit Gewicht von 4,5 Tonnen verbaut. Die Kanäle sind unterschiedlich in Grösse und Durchmesser. Insgesamt wurden elf Kilometer Schächte verbaut. Diese bestehen aus 12 000 Quadratmetern Promatect-LS und wurden in 11 000 Arbeitsstunden von bis zu 16 Spezialisten produziert und montiert. Nach
der Fertigstellung des Prime Tower sind die ­Bauelemente zwar nicht mehr sichtbar. Aber ihre Rolle im Brandfall ist elementar. (ka)
 

EU-Zertifikat für tschechische Ökoplatten

Stroh ist das Kapital von Ekopanely, einer tschechischen Firma in Prelauc. Daraus fertigt der Hersteller ökologische Bauplatten, die nun die europäische CE-Zertifizierung erhalten haben. Das bedeutet, dass das Produkt sämtlichen euro­päischen Standards genügt, die es in ­dieser Produktklasse zu erfüllen gibt. Dazu gehörten unter anderem Feuerbeständigkeit, Wärme- und Schalldämmung sowie Gesundheitsaspekte. «Das Besondere am Material ist die Selbst­tragfähigkeit der Platten und seine hervorragenden Thermoisolierungseigenschaften, die wir bei manchen Produkten durch den Einsatz von Schafwolle als Isolierungsschicht zwischen den einzelnen Platten noch verbessern», sagt CEO Jan Bare. Als weiteren Vorteil nennt er die effi­ziente Bauweise. Die Fertigstellung eines Hauses nähme höchstens drei Wochen in Anspruch. In der Tschechischen Republik wurden bisher rund 100 Häuser mit den Strohplatten gebaut. Eine Zahl, die dank der EU-Zertifizierung noch steigen dürfte. «Unsere Strohplatten werden ­immer beliebter und werden bei verschiedenen Umbauarbeiten oder dem Dachausbau anstelle von Gipsplatten verwendet», sagt Jan Bare. (ka)